Polen sucht neue Wachstumstreiber: Hohe Verteidigungsausgaben, Forschung und Zukunftstechnologien sollen den Wandel zur Innovationsnation stützen.
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Noch boomt die Wirtschaft in Polen. Mittelfristig muss sich das Land, das seit vielen Jahren als verlängerte Werkbank des Westens gilt, aber nach neuen Wachstumsimpulsen umsehen. Ausgehen könnten diese von Forschung und Entwicklung. Denn die immens gestiegenen Verteidigungsausgaben aufgrund des Krieges im Nachbarland Ukraine sollten den schwierigen Umbau zur Innovationsschmiede stützen, zeigt eine Studienreise des Forschungsnetzwerkes ACR (Austrian Cooperative Research).
Polen setzt dabei vor allem auf Künstliche Intelligenz (KI), Robotik und andere „Zukunftstechnologien“. Unternehmen aus diesen Bereichen sollen verstärkt angelockt oder aufgebaut werden. „Wenn die Produktion hier ist, werden früher oder später auch Forschung und Entwicklung folgen“, sagte Christian Lassnig, Wirtschaftsdelegierter der Wirtschaftskammer Österreich (WKO) in Warschau. Das sollte sich auch auf die aktuell noch sehr niedrige Forschungsquote auswirken.
„Opfer seines eigenen Erfolgs“
Polen sei in gewissem Maße „Opfer seines eigenen Erfolgs“, erklärte Alexander Auböck, Stellvertreter von Lassnig. Die Zeiten der „Werkbank Europas“ dürften mit der Annäherung der Lohnniveaus, Arbeitskräftemangel und dem Versiegen der EU-Gelder langsam zu Ende gehen. Noch sei das nicht spürbar, da viele staatliche Gelder in die Infrastruktur gepumpt würden. „Um die Wachstumsgeschichte fortschreiben zu können, braucht es aber Innovation“, so Auböck.
Mit einem prognostizierten durchschnittlichen BIP-Wachstum von drei Prozent von 2024 bis 2028 bleibe Polen vorerst der klare Wachstumstreiber Mittelosteuropas und biete auch für ausländische Investoren ein attraktives Umfeld. Alleine heuer wird das Land laut dem Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) ein Plus von 3,6 Prozent erreichen. Dem steht aber ein Budgetdefizit von knapp sieben Prozent im vergangenen Jahr entgegen, das eigentlich keine großen Sprünge erlaubt.
Verteidigungsausgaben bei 4,5 Prozent des BIP
Dennoch wurden die Rüstungsprogramme deutlich ausgeweitet und die Verteidigungsausgaben laut NATO-Daten massiv erhöht. Im Vorjahr waren es 4,5 Prozent des BIP, nach 2,2 Prozent im Jahr 2022. Die Sicherheits- und Verteidigungsarchitektur wird umgebaut, das Land soll zu einem wichtigen europäischen Standort in diesem Bereich werden. Premier Donald Tusk setzt dabei laut WKO auf eine „Repolonisierung“ und wirtschaftlichen Patriotismus.
Die gestiegenen Ausgaben der polnischen Regierung für Verteidigung in den vergangenen Jahren würden sich bereits auf die Forschung auswirken, sagte Katarzyna Jodko-Piórecka vom Analyse- und Beratungsinstitut ITECH, das Teil des auf industrienahe angewandte Forschung spezialisierten Lukasiewicz Research Networks ist. Vor allem an den Technischen Universitäten (TU) sei es leicht möglich, sich an die neue Ausrichtung und die Förderungen anzupassen. Sie würden schließlich auch in Bereichen forschen, in die die Mittel fließen.
Fördermittel beeinflussen auch zivile Forschung
Es gehe aber nicht nur um militärische Forschung. Innovationen im Dual-Use-Bereich, die auch für zivile Zwecke einsetzbar sind, würden viele andere Sektoren berühren, etwa wenn Drohnentechnologie für das Erkennen von trockenen Feldern in der Landwirtschaft oder zur Erstellung von Hitzekarten in Städten genutzt wird. Umgekehrt trage auch Forschung im zivilen Bereich zur Verteidigungsfähigkeit bei, beispielsweise durch eine resilientere Gesellschaft.
Nicht nur für militärische Einsatzgebiete, aber auch, sind die am Industrial Research Institute for Automation and Measurements (PIAP), einem weiteren Institut des Lukasiewicz Research Network, erforschten und produzierten mobilen Roboter geeignet. Die Palette reicht von kleinen taktischen Robotern für die Polizei, die Gebäude erkunden können, etwa bei vermuteten Geiselnahmen, über Bombenentschärfung bis zu schweren Maschinen für den Kampfeinsatz.
„Es braucht nicht nur Drohnen, sondern ein Zusammenspiel von Luft und Boden“, so PIAP-Direktor Piotr Szynkarczyk unter Verweis auf die "mit der Wissenschaft im Hintergrund“ speziell an die Kundenbedürfnisse angepassten Roboter. Der aktuelle Fokus auf Verteidigung dürfte dazu beigetragen haben, dass der Bedarf deutlich gestiegen ist. Neben der polnischen Armee werden auch zahlreiche andere Länder beliefert. Kopiert zu werden, fürchtet Szynkarczyk nicht: "Wer uns kopiert, hinkt uns hinterher.“
Viele Projekte klassifiziert
Nationale Sicherheit und Verteidigung seien in den aktuellen Bedrohungslagen und mit einer Grenze zur Ukraine von großer Bedeutung, erklärte Cezary Blaszczyk, stellvertretender Direktor des nationalen Zentrums für Forschung und Entwicklung (NCBR), die wichtigste polnische Förderorganisation für angewandte Forschung. In diesem Bereich gebe es ein eigenes Programm, über das 100 Mio. Euro an Forschungsgeldern zur Verfügung gestellt werden. Das Geld komme direkt vom Verteidigungsministerium, weswegen sich die Ausrichtung an dessen Bedürfnissen orientiere.
Bei der Forschungsquote - also dem Anteil der F&E-Aufwendungen am nominellen Bruttoinlandsprodukt (BIP) - habe es deutlich höhere Steigerungsraten als in anderen Ländern gegeben, heißt es vom NCBR. Laut vorläufigen Daten für das Jahr 2024 rangiert Polen mit 1,41 Prozent aber noch deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 2,24 Prozent. Österreich erreichte 3,34 Prozent und liegt bereits seit 2014 über dem EU-Ziel von 3 Prozent.
Gleich zwei „KI-Fabriken“ für Polen
Polen, ebenso wie Österreich ein Land der Klein- und Mittelbetriebe (KMU), hinkt auch bei Künstlicher Intelligenz und Digitalisierung hinterher. Abhilfe schaffen will man unter anderem durch den Aufbau eines entsprechenden Ökosystems bis 2027, zu dem auch zwei „KI-Fabriken“ in Posen (Poznan) und Krakau gehören werden, sagte Michal Goszczynski, Direktor der Abteilung für Internationale Zusammenarbeit im Ministerium für Wissenschaft und Hochschulbildung.
„Es haben nicht viele Länder geschafft, gleich zwei Fabriken zu bekommen“, zeigte sich Goszczynski erfreut. Die „KI-Fabriken“, die im Rahmen des European High Performance Computing (EuroHPC) Joint Undertaking Programms der Europäischen Union entstehen, sollen Start-ups, KMU sowie der Industrie direkten Zugang zu KI-optimierten Supercomputern bieten. Er verwies auf die Bedeutung von entsprechender Infrastruktur, um die Forschung in praktisch allen Disziplinen zu unterstützen und die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen.
Nachholbedarf bei Kommerzialisierung
Ein starker Fokus soll künftig auf der besseren Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft liegen, versicherten Vertreterinnen und Vertreter von Forschungsförderern, Forschungsinstituten und akademischen Einrichtungen unisono. Aktuell gelinge die notwendige Kommerzialisierung noch nicht ausreichend, kritisierte Jakub Jasiczak, Vorsitzender der Polish Association of University Knowledge Transfer Companies, der „CEE Science“ als Marke etablieren will. „Wir müssen die Wissenschafter inspirieren, stärker auf die Bedürfnisse des Marktes und der Gesellschaft zu hören“, befand Jasiczak.
Es sei unglaublich beeindruckend, was in Polen in den vergangenen Jahren passiert sei, so ACR-Präsidentin Iris Filzwieser, die die ausgeprägte Ausrichtung der angewandten Forschung und Entwicklung im Land an den Bedürfnissen der Auftraggeber hervorstrich. Man habe das Gefühl, dass sich die Forschung mit Themen beschäftige, weil es eine Notwendigkeit am Markt gebe. „Manchmal wäre es gut, wenn wir in Österreich auch ein bisschen stärker in diese Richtung gehen würden“, meint Filzwieser.
Noch liegt Polen im von der Weltorganisation für geistiges Eigentum (WIPO) veröffentlichten „Global Innovation Index 2025“ nur auf Platz 39 von 139 Volkswirtschaften. Österreich erreicht Rang 19. Beim „European Innovation Scoreboard“ (EIS) findet sich das Geburtsland von Nobelpreisträgerin Marie Curie auf der 23. Position unter den EU-27. Die Alpenrepublik reiht sich auf Platz 8 ein. Es gibt also noch viel zu tun für ein Land, das sich mit einem überbordenden Budgetdefizit auf dem Weg zu höherer Wertschöpfung durch neue Technologien und innovative Unternehmen macht.






