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Humanic-Chef Weger: „Ich bin ein Fan des stationären Handels“

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Armin Weger

©Vienna Press, Andreas Tischler

Humanic-CEO Armin Weger bietet Online-Einkauf, will aber dennoch die Kundschaft wieder in die Geschäfte locken. Dabei setzt er unter anderem auf ein neues Sportschuh-Angebot. Welche Fehler der stationäre Handel gemacht hat und warum er dennoch eine Zukunft haben kann, erklärt er im Interview.

Wo bis vor Kurzem der Humanic-Flagship-Store am Stephansplatz war, wird jetzt Lindt-Schokolade verkauft, daneben, wo Dominici war, ist jetzt Starbucks: Beschreibt das ein Problem der Schuhbranche oder nur eines von Leder & Schuh?

Es ist ein Trend, dass es heute Megastores für Schokolade gibt. Das hätte sich vor zehn Jahren keiner vorstellen können und zeigt den Wandel dieser Branche. Zeigt aber auch, dass es im Schuhhandel eine Situation gibt, die man nicht schönreden soll. Viele tolle Mitbewerber sind mittlerweile Geschichte. Und es zeigt, dass Einkaufsstraßen heute Erlebniswelten sein wollen. Die Menschen wollen nicht nur Schuhmode, sondern auch andere Sachen sehen. Dazu gehört eben Genuss.

Das Schokoladegeschäft spricht alle Sinne an, der Schuhhandel nicht. Hat man da etwas versäumt?

Es haben sich einfach die Zielgruppen verändert. Gerade im Schuhhandel sind auch neue Mitbewerber dazugekommen. Vertikale Unternehmen, wie die Inditex-Gruppe mit Zara und Massimo Dutti, oder Ketten wie H&M haben das Fast Fashion Shopping eingeführt, dadurch hat sich auch die Erwartung der Kunden verändert. Klassische Mode- und Schuhhäuser bieten noch Beratung an, aber man muss ehrlich sagen, dass sie bei diesem Tempo der Vertikalen und wie schnell sich diese auf Veränderungen einstellen, nicht nachgekommen sind. Da müssen wir aber hinkommen. Wir müssen Geschwindigkeit aufbauen und wir müssen neben unseren Bestandskunden, aber auch jüngere Kundinnen und Kunden abholen.

In einem Shop wie Zara wechselt das Sortiment sehr rasch, im Schuhgeschäft steht es auch mal für eine Saison. Ist das das Problem?

Das ist genau die Herausforderung. Wir müssen die Zyklen ändern und den Kundinnen und Kunden schneller neue Bilder geben. Das ist genau das, was die Vertikalen in unglaublicher Geschwindigkeit machen. Dazu kommt, dass diese Shops mittlerweile auch Schuhe verkaufen. Das heißt, sie sind auf unserem Feld neue Mitbewerber und wechseln auch bei den Schuhen wahnsinnig schnell die Trends. Unsere Konkurrenz sind mittlerweile nicht mehr andere Schuhhändler, sondern die großen Vertikalen.

Andererseits steht Fast Fashion unter Kritik, weil sie kurz getragen und dann ausgemustert wird. Nachhaltig ist das nicht. Einen Schuh trägt man länger als zwei Monate.

Absolut. Da ist das Thema Qualität wichtig. Das ist auch die Lücke für uns: ein schöner Brown Shoe oder Pumps – da sind wir die Richtigen. Im Schnitt kauft man zwei Paar Schuhe pro Jahr. Die trägt man dann auch länger. Dazu kommt bei uns heute das Thema Sportfashion. Meine Kinder tragen nur Sneakers. Das ist der neue Schuh. Da wollen wir eine gute Mischung hinkriegen und arbeiten hart daran, dass wir wieder zur alten Stärke kommen. Mit Shoe4You sprechen wir die Familien an, das läuft wirklich gut. Mit unserem House of Brands Humanic wollen wir uns im Premiumbereich klarer positionieren.

Shopping verlagert sich immer mehr in den Online-Bereich. Kann man die Kunden in die Filialen zurückholen oder sind die weg?

Bei uns ist die Antwort Omnichannel: Send to Store, Send to Home, Click & Collect. Send to the Store ist natürlich unser Favorit. So bekommt man die Kundinnen und Kunden von der Couch in die Filiale. Das ist das Ziel. Wer etwas in den Store bestellt, kann es dort umtauschen, falls es nicht passt, oder kann noch etwas mitnehmen. Man muss keine Retouren zur Post bringen, die bleiben in der Filiale. Wir haben also ein System aufgebaut, in dem dieses neue Shoppen funktioniert.

Die Pandemie hat viele Probleme im Handel beschleunigt, die es auch so gegeben hätte

Armin Weger

Aber es ist ein bisschen wie im Medienbereich – auch im Handel haben viele bei der Digitalisierung, etwa dem Siegeszug von Amazon, sehr lange nur zugeschaut.

Es gab die eine Kategorie, die gesagt hat, das wird weggehen, das funktioniert nicht. Und die andere, die gesagt hat, wir müssen uns etwas überlegen. Der Gamechanger war Corona. Die Pandemie hat viele Probleme im Handel beschleunigt, die es auch so gegeben hätte. In den Köpfen der Kundinnen und Kunden hat es damals die absolute Mindset-Veränderung gegeben. Die Frequenzrückgänge in den Einkaufsstraßen haben wir immer noch nicht ganz aufgeholt. Deswegen haben wir ja unser Omnichannel-System aufgebaut, weil wir gewusst haben, alleine mit unseren Filialen wird das nicht funktionieren, wir brauchen auch die digitale Einkaufsstraße. Wir bekommen hier ja auch wichtige Daten für Zielgruppen-Marketing.

Ich bin aber ein Fan des stationären Handels. Viele sagen, den wird es irgendwann nicht mehr geben. Falsch. Wenn ich in Innenstädten unterwegs gibt, wo es kaum mehr Geschäfte gibt, macht das kein schönes Bild. Deswegen müssen wir für den Erhalt des stationären Handels kämpfen. Wir müssen dabei radikaler anders denken, den Kundinnen und Kunden zuhören und uns stetig verbessern. Der Anspruch ist höher geworden. Und die Generation der Digital Natives, die muss man jetzt abholen, das ist die größte Herausforderung.

Aber trotz der Krise des stationären Handels planen Sie 60 neue Filialen?

Um ein vernünftiges Omnichannel-System zu haben, braucht man stationäre Anlaufstellen. Wir haben bereits über 200 Humanic- und Shoe4You-Filialen und sind überzeugt, dass es noch viele weiße Flecken gibt, die wir besetzen können, gerade weil viele Mitbewerber zugesperrt haben. Wir haben uns trotz schwieriger Jahre behaupten können. Man kann auf das, was von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geleistet wurde, stolz sein. Wir sehen aber nicht nur Potenzial in Österreich, sondern auch in Osteuropa. Wir sind insgesamt in neun Ländern tätig.

Eine Filiale bringt auch mehr Sichtbarkeit für eine Marke.

Absolut, und wir wollen natürlich auch Arbeitsplätze schaffen. Ich bin Optimist. Aber, was man heute nicht mehr machen kann, ist Durchschnitt. Du musst in dem, was du machst, der Beste sein, mit Überzeugung und mit Leidenschaft. Ein wichtiges Thema im Handel sind die Menschen. Menschen zu inspirieren, zu motivieren, ist eine Herausforderung. Wir jammern alle immer viel, aber mein Mindset ist anders, weil ich viel außerhalb von Österreich gesehen habe. Wir brauchen viel mehr Menschen, die positiv nach vorne gehen, die Konzepte entwickeln, die mutig sind. Ich kann nicht ändern, was war, aber ich kann ändern, was wird. Ich fordere das bei uns im Unternehmen aktiv von allen ein.

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In Werbung und Auftritt war Humanic kunstaffin. 1979 präsentierte man die Kollektion in einer Wiener Galerie.

 © APA-Images, Votava, brandstaetter images

Wird eine Sonntagsöffnung den stationären Handel retten?

Die Frage ist doch: Wie kriegt man die Menschen wieder in die Städte? Und wann haben sie Zeit? Das Thema ist immer am Tisch, wobei man natürlich Themen wie Religion und Kirche etc. mitdenken muss. Es gibt Länder, da sperren die Läden Sonntag um 13 Uhr auf. Wien ist eine Touristenmetropole, aber wenn Sie sonntags durch die Innenstadt gehen, ist alles zu. Am Ende des Tages geht es ja auch um Arbeitsplätze.

Sie erweitern das Humanic-Sortiment derzeit um Performance-Modelle und Sneaker. Ist das ein Schritt Richtung Sporthandel?

Sneaker sind jahrelang in den Sport- und den Fashionhandel gewandert. Der Schuhhandel ist immer noch sehr klassisch, nebenbei gibt es höchstens noch Accessoires und Socken. Aber wo geht der Trend hin? Und was ist die DNA von Humanic House of Brands? Ich war in unserem Archiv. Ich habe gar nicht gewusst, dass unser Unternehmen auch einmal Skischuhe gemacht hat. Es gibt also bei uns eine Sport-DNA. Und was will unsere Zielgruppe? Ich bin Läufer.

Ich will, wenn ich irgendwohin fahre, nicht so viele Schuhe mitnehmen. Also nehme ich zum Beispiel den „On Cloud Monster“ mit. Mit dem gehe ich in der Früh laufen, mache mich dann für die Arbeit fertig und ziehe ihn wieder an. Wir haben jetzt in zwei Filialen solche Performance Sneaker mit eigens darauf geschulten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und sind selbst überrascht über den Erfolg, zwei weitere Filialen folgen in Kürze. Wir wollen damit aber nicht den Sporthandel angreifen. Für uns ist das ein Ergänzungssortiment, und wir können dadurch jünger werden. Das ist wichtig für Humanic. Jeder kennt die Marke schon so lange, da muss man einfach einmal neu denken und an neue Zielgruppen herangehen. Im Herbst rollen wir das Konzept auf weitere Filialen aus.

Es wird also keine Laufhosen und Funktionsshirts bei Ihnen geben?

Wir kommen von den Schuhen, das ist unsere Grund-DNA. Aber ich will nichts ausschließen, wir haben schon entsprechende Anfragen gehabt. Erst muss man die Qualität halten, dann kann man sich überlegen, ob man etwas dazunimmt.

Humanic ist eine Traditionsmarke in Österreich. Ist die lange, wechselvolle Geschichte eine Chance oder eine Last?

Die Historie ist keine Last, ohne diese 150-jährige Geschichte hätten wir keine Zukunft. Eine Last wäre sie, wenn man sich nicht neu erfindet oder die Evolution weitergeht. Als ich hier angefangen habe, habe ich mich erst einmal in unserem riesigen Archiv umgesehen. Michael Mayer-Rieckh, der langjährige, kürzlich verstorbene Eigentümer, hat ein unglaubliches Lebenswerk hinterlassen. Alleine, wie mutig die in den 60er-, 70er- und 80er-Jahren mit ihrer Werbung waren! Die haben viel anders gemacht als andere, waren immer schon Gamechanger. Diese Geschichte ist Motivation, uns mit Dingen wie Humanic Sports neu zu erfinden.

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Das Humanic-Logo und die Werbung mit „Franz“ waren ikonisch. Das Unternehmen kooperierte dabei mit Künstlern wie H. C. Artmann, Wolfgang Bauer, Anselm Glück, Andreas Okopenko oder Otto M. Zykan.

 © Humanic

Man muss sagen, das Unternehmen ist auch durch schwierige Zeiten gegangen, aber man hat immer wieder eine Evolution hingekriegt. Es gibt tolle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hier, die sind 30, 40, einer sogar 44 Jahre im Unternehmen. Da ist so viel Wissen, das jetzt mit der Arbeit der Jüngeren kombiniert wird. Man muss respektieren, was hier geschaffen wurde, aber man muss auch fragen, was können wir mit Respekt verändern? Man darf aber dabei die DNA der Marke nicht kaputtmachen. Das ist vielleicht die einzige Last. Wenn ich auf einem weißen Blatt Papier eine Firma neu gründe, habe ich die nicht.

Leder & Schuh wurde nach 150 Jahren Bestehens von einem kleineren Konkurrenten gekauft. Schmerzt das?

So sehe ich das nicht. Das stärkt uns. Es war ja in den letzten Jahren nicht immer einfach für Leder & Schuh. Wir bleiben ein eigenständiges Unternehmen. Ich habe großen Respekt vor Mass-Gründer Saso Apostoloski und dem, was er in den 35 Jahren geschaffen hat. Er kommt auch aus der Schuhbranche, das kann ja bei Übernahmen auch anders sein. Im Handel braucht man finanzielle Stabilität, das ist mit ACP im Hintergrund gegeben. Mass und Leder & Schuh zählen gemeinsam zu den Top 10 im Schuhbereich. Wir haben damit eine Zukunft. Man darf nicht vergessen, es geht auch um unsere rund 2.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Es gibt ja auch Beispiele in der Branche, wo es nicht gut gegangen ist.

Irgendetwas muss Mass wohl besser gemacht haben als Leder & Schuh.

Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben einen tollen Job gemacht und alles gegeben, das möchte ich sagen. Hoher Respekt vor dem, was Mass erreicht hat. Wir freuen uns darauf, mit unseren Eigentümern unser Potenzial zu heben und gemeinsam den Schuhhandel von morgen zu gestalten.

Steckbrief

Armin Weger

Der Kärntner hat an der Universität St. Gallen, der Boston Business School und der Harvard Business School studiert. Er war bei den Sport- und Modeunternehmen Hervis, Intersport Eybl, Engelhorn und Dodenhof tätig. Seit Sommer 2025 ist er CEO der Leder & Schuh AG.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 16/2026 erschienen.

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