Kathrin Gulnerits
©Matt ObserveDer Blick auf Arbeit ist nicht nur verzerrt, weil Privilegien ungleich verteilt sind. Er ist auch verzerrt, weil diese Privilegien selten als solche benannt werden. So wird aus der Lebensrealität einiger weniger zu oft eine allgemeine – und falsche – Erzählung über Arbeit.
Der Blick auf Arbeit ist nicht nur verzerrt, weil Privilegien ungleich verteilt sind. Er ist auch verzerrt, weil diese Privilegien selten als solche benannt werden. So wird aus der Lebensrealität einiger weniger zu oft eine allgemeine – und falsche – Erzählung über Arbeit.
Spritsparen durch Homeoffice – das klingt nach Vernunft. Politiker und Experten rufen dieser Tage laut danach. Überhaupt: Wer von zu Hause arbeitet, gewinnt viel. Zeit. Flexibilität. Lebensqualität. Starre Arbeitszeiten und Anwesenheitspflicht? Unerhört. Das Problem ist nur: Für viele ist diese schöne Arbeitswelt kein Modell, sondern das Privileg einiger weniger. Und doch wird über dieses Privileg gesprochen als wäre es die Norm. Dabei sind es nur rund 20 Prozent der Jobs, in denen sich der Sessel im Büro tatsächlich gegen den Küchentisch in den eigenen vier Wänden tauschen lässt. Wer in der Pflege arbeitet, im Handel, in der Produktion oder in der Gastronomie, spart keinen Liter Sprit durch Zoom-Meetings. Er oder sie muss hin. Nicht manchmal. Jeden Tag.
Neu ist das nicht. Schon in der Pandemie konnten die einen zu Hause bleiben, während die anderen vor Ort den Laden am Laufen hielten – und dafür vor allem eines bekamen: Applaus. Viel gelernt wurde daraus nicht. Denn bis heute wird über Arbeit oft so gesprochen, als seien Flexibilität und Selbstbestimmung der Normalfall. Jedenfalls das anzustrebende Jobmodell. Für viele bedeutet Arbeit hingegen noch immer, zu erscheinen: pünktlich, verlässlich und unabhängig davon, ob gerade über Spritsparen oder „New Work“ debattiert wird.
Die Erzählung von der Mitte
Privilegien zeigen sich auch beim Einkommen – und in der Erzählung darüber. Das Bruttojahreseinkommen eines ganzjährig Vollzeitbeschäftigten lag 2024 im Median bei 55.678 Euro. Das ist die Größenordnung, über die man spricht, wenn von gesellschaftlicher Mitte die Rede ist. Und doch wird diese Mitte gerne nach oben gedehnt. Auch Spitzenverdiener (oder ehemalige Landeshauptleute) zählen sich gern dazu. Das ist ein vertrautes Muster: Menschen in privilegierten Positionen reklamieren Nähe zur Normalität, obwohl Einkommen, Status und Macht längst etwas anderes sagen.
Die Mitte klingt eben gut. Nach Bodenhaftung, Maß und Anständigkeit. Glaubwürdiger wäre es, das eigene Privileg mit Blick auf den Gehaltszettel zu erkennen und zu benennen, statt es sprachlich zu verkleiden. Schließlich geht es in solchen Debatten immer auch um die Frage, ob noch ein Gespür dafür besteht, wann ein Einkommen hoch ist – und wann es weit über dem liegt, was gewöhnlich verdient wird.
Dasselbe Muster zeigt sich bei den ORF-Gehältern. Auch hier geht es um die Verschiebung von Maßstäben: darum, was in der öffentlichen Wahrnehmung noch als normales Einkommen durchgeht und was längst weit darüber liegt. Erst seit im ORF Einkommen über 170.000 Euro offengelegt werden müssen, ist sichtbar, wie weit manche Gehälter von dem entfernt sind, was in Österreich mit vergleichbarer Arbeit verdient werden kann. Auf der Liste finden sich nicht nur Spitzenmanager und Starmoderatoren, sondern zum Beispiel auch ein leitender Redakteur, den viele vor allem als Kommentator bei Sportübertragungen kennen. Viele von ihnen profitieren: von alten Verträgen und von Strukturen aus einer anderen Zeit. Gerade deshalb erzählen diese Gehälter nicht nur etwas über individuelle Leistung, sondern auch über institutionell gewachsene Vorteile.
Über Geld darf man sprechen
Natürlich kann man die Arbeit der Bestverdiener schätzen. Ihre Kompetenz, die Professionalität. Aber es muss auch erlaubt sein, diese Gehälter einzuordnen. Ein hohes Einkommen verliert seine politische und gesellschaftliche Bedeutung nicht deshalb, weil jemand seinen Job gut macht. Wer über Leistung und hohe Bezahlung spricht, muss es aushalten, dass auch über Verhältnismäßigkeit gesprochen wird.
Die kurze Antwort auf solche Einwände lautet zuverlässig: Neid. Als wäre damit schon alles erledigt. Als dürfte man über hohe Einkommen nur ehrfürchtig sprechen. Vielleicht ist Neid tatsächlich kein schönes Gefühl. Vielleicht ist Neid in solchen Debatten aber auch nur das abwertende Wort für einen nüchternen Realitätssinn und für das Beharren darauf, Unterschiede als Unterschiede zu benennen.
Die einen bekommen Dankbarkeit und Überlastung. Die anderen eine Traumgage und Deutungshoheit
Darin zeigt sich nämlich die nächste Verzerrung in der Debatte über Arbeit und darüber, was sie wert sein soll. Unten wird Arbeit gern romantisiert: Dann ist von Berufung die Rede, von Herz, von Unverzichtbarkeit. Oben wird Arbeit verklärt: Dann ist von Verantwortung die Rede, von Druck, von Einsatz rund um die Uhr. Die einen bekommen Dankbarkeit und Überlastung. Die anderen eine Traumgage und Deutungshoheit.
Die Frage nach Einkommen, nach Status und nach der Möglichkeit, Arbeitsort und Arbeitszeit frei wählen zu können, ist keine Nebensache. An ihr zeigt sich, wie wirklichkeitsnah die Rede über Arbeit überhaupt noch ist. Denn es geht nicht nur darum, wie hoch ein Job bezahlt wird. Es geht darum, wer die Maßstäbe setzt. Wer bestimmt, was als normal gilt, welches Einkommen noch als Mitte durchgeht und welche Belastung als zumutbar erscheint. Solange Privilegien als Maßstab ausgegeben werden, bleibt der Blick auf Leistung, Belastung und Gerechtigkeit verzerrt.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 15/2026 erschienen.







