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„KI ist kein Heilmittel, sondern ein Tool“

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Franz Zöchbauer

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Tausende dezentrale Anlagen, neue Sicherheitsrisiken und ein Wettlauf um Skalierung: Franz Zöchbauer, Leiter der Innovationsabteilung bei Verbund, erklärt, wie Tauchroboter und KI die Infrastruktur effizienter machen und weshalb Europa dringend digitale Souveränität zurückgewinnen muss, um im globalen Wettbewerb zu bestehen.

Von Hannah Ludmann

Herr Zöchbauer, die Energiewende wird oft in standortbezogener Infrastruktur gedacht – Sie sprechen von Innovation im Hintergrund. Was verändert sich gerade?

Die Gesellschaft befindet sich nicht nur in Österreich, sondern weltweit in einer spannenden Energietransformation. Aber das Thema hat sich in den letzten Jahren stark gedreht. Heute ist die Hauptmotivation für Energieinnovation nicht mehr der Klimaschutz, sondern die Energiesicherheit. Erst dann geht es um Klimaschutz und schließlich um das Thema Kostensenkungen.

Auf welche Technologien setzt der Verbund konkret in der Energieinnovation?

Wir nutzen zum Beispiel neue Sensortechnik für Windenergie. Die Inspektion einer Windkraftanlage ist aufwendig und nicht ganz ungefährlich – man muss zu den Windmasten hochklettern, um zu überprüfen, ob dort Schäden sind. Das Start-up Eologix-Ping hat Sensoren entwickelt, die auf die Rotorblätter montiert werden. Mit diesen können wir feststellen, ob eine Vereisungsgefahr besteht oder ob es zu Schäden kommt. Das ist nicht nur einfacher, sondern damit können wir frühzeitig Schäden erkennen und Kosten senken. Außerdem nutzen wir Tauchroboter und Drohnen, die uns bei der Inspektion unserer Anlagen kostengünstig und zeitnah helfen. Das stellen wir aktuell auch im Technischen Museum Wien aus.

Was kann ein Roboter im Kraftwerk besser als ein Mensch?

Mithilfe der Roboter können wir Daten einfacher automatisch übernehmen und analysieren. Außerdem reduzieren wir dadurch die Gefahr für den Menschen. Anstelle eines Mitarbeitenden taucht eben ein Tauchroboter in unseren Staukraftwerken ab. Der kann unabhängiger agieren und die Kontrollen rund um die Uhr durchführen.

Ersetzen diese Technologien Arbeitsplätze?

Ich bin überzeugt, dass wir in Zukunft anders, aber nicht weniger arbeiten werden – wir müssen die Technologien einfach intelligent nutzen. Besonders, um wettbewerbsfähig zu sein. Das Thema Energieinnovation ist außerdem so stark in das Zentrum der Wettbewerbsfähigkeit von Volkswirtschaften gerückt, dass Arbeitsplätze dort gebraucht werden. Daher ist es umso wichtiger, die KI bewusst einzusetzen. Wir haben in Europa Fehler gemacht bei der digitalen Infrastruktur, denn wir sind immer noch abhängig von Dritten. Daher sollten wir uns jetzt darauf fokussieren, die Souveränität im Bereich der Energieversorgung zurückzugewinnen und diese Souveränität auch beim Thema KI zu erreichen.

Apropos Wettbewerbsfähigkeit. Wie ist Österreich da aufgestellt?

Wir haben Top-Universitäten, Top-Forschung und innovative Start-ups. Die Herausforderung ist, die Technologien in die Skalierung zu bringen. Und wir müssen mehr Mut beweisen, dass uns das gelingt. Außerdem ist es wichtig, über Österreich hinaus, in der DACH-Region und europaweit zu denken. Wir sind erfolgreich, wenn wir in fünf oder zehn Jahren nicht nur über die Googles und Teslas dieser Welt reden, sondern über Unternehmen, die aus der Region hervorgegangen und skaliert sind.

Mit der Schnelligkeit der KI ist es wie beim Sonnenuntergang – wir wissen, er kommt und wenn er dann da ist, sind wir überrascht, wie schnell er vorbei ist

Franz Zöchbauer

Ist es für Start-ups aktuell attraktiv, sich in Österreich anzusiedeln?

Ja – es gibt sehr viele Start-ups. Das Problem ist aktuell eher der Weg zur Skalierung.

Woran liegt das?

Uns fehlt das Skalierungskapital. Wir sind vor allem in der Frühphase gut aufgestellt. Außerdem mangelt es an Nachfrage der öffentlichen Beschaffung. Viele amerikanische Tech-Konzerne haben ihre Skalierungserfolge auch deshalb erreicht, weil sie als junge Unternehmen Aufträge von öffentlichen Institutionen erhalten haben. Wir sollten auch in Europa mutiger sein und verstärkt Aufträge an Tech-Unternehmen vor Ort vergeben.

Welche Rolle spielt KI in der Energiewende insgesamt?

Die KI wird zentral für die Energiezukunft sein. In der Branche höre ich immer öfter: Die neue Langfristigkeit beträgt sechs Monate – das beschreibt, mit welcher Dynamik KI unsere Arbeit beeinflusst. Ich sag es mal so: Mit der Schnelligkeit der KI ist es wie beim Sonnenuntergang – wir wissen, er kommt und wenn er dann da ist, sind wir überrascht, wie schnell er vorbei ist. In der Vergangenheit hat es oft Jahrzehnte gebraucht, bis Energieinnovationen vom Labor zur Skalierung gekommen sind, zum Beispiel bei der Photovoltaik.

Außerdem wird KI für eine erhöhte Stromnachfrage sorgen. Und sie wird die Beschleunigung der Innovationszyklen in der Energiewirtschaft vorantreiben. Damit das gelingt, ist es wichtig, dass die KI auch die Genehmigungsprozesse und Verfahren beschleunigen kann. Dann könnte die KI einen wichtigen Turbo für das Gelingen der Energiezukunft auslösen. Noch dauern die im Energiebereich zu lang, gerade bei Leitungsprojekten.

Wer trägt die Verantwortung, wenn ein autonomes System versagt?

Die trägt immer der Mensch. KI ist kein Heilmittel, sondern ein Tool, das wir nutzen wie andere Werkzeuge auch. Die finale Bewertung sollte jedoch immer vom Menschen ausgehen.

Wie sieht die Zukunft der Technologien für die Energiewende aus?

Die entscheidende Frage der nächsten Jahre ist, wie wir bestehende Technologien besser vernetzen. Statt einiger tausend Kraftwerke haben wir künftig Millionen dezentraler Anlagen und Speicher, die intelligent orchestriert werden müssen. Dafür braucht es deutlich mehr Systemintelligenz. Gleichzeitig gilt es, die vorhandene Infrastruktur effizienter zu nutzen und die Bevölkerung stärker einzubinden.

Ein weiterer Schwerpunkt sind neue Technologien. Studien gehen davon aus, dass rund 35 Prozent der Emissionsreduktionen bis 2050 durch Lösungen erreicht werden müssen, die heute noch im Prototypstadium sind. Dazu zählen etwa Wasserstoff- und Fusionstechnologien. Diese müssen in den kommenden fünf bis zehn Jahren marktreif werden. Mit der zunehmenden Dezentralisierung steigt auch die Bedeutung der Cybersicherheit. Mehr Anlagen bedeuten mehr potenzielle Angriffsflächen. Hier spielen quantensichere Technologien eine wichtige Rolle, um die Energieinfrastruktur künftig besser zu schützen. In Kürze geben wir dazu auch ein erstes Start-up-Investment bekannt.

Können Sie mehr dazu sagen?

Wir bereiten derzeit ein Investment in ein Wiener Start-up im Bereich Quantenkryptografie vor, können den Namen aber noch nicht nennen. Uns ist wichtig, auch in Technologien zu investieren, die heute noch weiter entfernt wirken, sich aber schnell entwickeln können. Ein weiteres Investment betrifft ein Unternehmen aus London, an dem auch internationale Co-Investoren beteiligt sind. Zudem prüfen wir aktuell ein drittes Investment. Unser Ziel ist es, gezielt Start-ups beim Übergang in die Skalierung zu unterstützen.

Welche Art von Start-ups interessiert Sie zurzeit besonders?

Das zeigt sich oft erst im Nachhinein. Wir prüfen jährlich bis zu 700 Start-ups und investieren in weniger als ein Prozent davon. Bis Ende 2026 wollen wir ein Portfolio von rund 15 Beteiligungen aufbauen. Entscheidend ist für uns neben der Technologie vor allem das Gründerteam. Märkte verändern sich schnell, nicht zuletzt durch geopolitische Entwicklungen.

Erfolgreiche Start-ups müssen daher in der Lage sein, ihr Geschäftsmodell flexibel anzupassen. Ein Beispiel ist ein Unternehmen aus Stockholm, das dezentrale Energieanlagen bündelt und vermarktet. Innerhalb kurzer Zeit hat es mehrere hundert Megawatt unter Management gebracht. Das zeigt, wie schnell Fortschritt möglich ist – wenn Team, Technologie und Umsetzung stimmen.

Steckbrief

Franz Zöchbauer

Dr. Franz Zöchbauer ist seit 2007 in verschiedenen Führungspositionen beim Verbund tätig und seit 2022 Geschäftsführer der Innovations- und Venture-Einheit vom Verbund. Er initiierte den Verbund X Accelerator als Innovationsplattform im Energie- und Infrastrukturbereich, die Unternehmen und Start-ups zusammenbringt.

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