ABO

Wir regulieren, während andere gewinnen

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
5 min
Artikelbild

Gottfried Spitzer, Partner in der Wirtschaftsprüfung bei Deloitte Österreich

©Thomas Topf, Deloitte

Warum fehlende Entscheidungsgeschwindigkeit zum Standortproblem und Unsicherheit zur neuen Realität der Wirtschaft wird, erläutert Gottfried Spitzer von Deloitte Österreich in seinem Gastkommentar.

Österreich versteht sich immer noch gerne als innovationsstarker Wirtschaftsstandort – tatsächlich aber verlieren wir bei Innovationen Zeit genau dann, wenn Tempo zum entscheidenden Faktor wird.

Nicht weil es an Ideen mangelt, nicht weil Kapital fehlt und auch nicht, weil Technologie nicht verfügbar wäre. Sondern weil wir uns systematisch schwer damit tun, unter Unsicherheit mutig zu entscheiden.

Andere schaffen Fakten

Während hierzulande analysiert, reguliert und diskutiert wird, schaffen andere Länder Fakten. Besonders deutlich zeigt sich das am Beispiel China: Dort wurde Elektromobilität nicht jahrelang diskutiert, sondern konsequent aufgebaut. Massive Investitionen in Batterietechnologie, klare industriepolitische Leitplanken und schnelle Skalierung haben dazu geführt, dass chinesische Anbieter heute globale Maßstäbe setzen und zunehmend den Markt dominieren.

Wir haben ein Umsetzungs- und Geschwindigkeitsproblem

Gottfried SpitzerPartner Deloitte Wien

Europa hingegen hat über Fördermodelle, Übergangstechnologien und Detailregulierungen debattiert – und damit Zeit verschwendet, die die asiatische Konkurrenz genutzt hat. Der Preis dieser Vorsicht wird jetzt schmerzhaft spürbar, mit einer europäischen Automobilindustrie in der Krise und Tausenden gefährdeten Arbeitsplätzen. Und dank steigender Spritpreise in diesen Tagen auch noch mit einer immer teureren Mobilität für die breite Bevölkerung.

Kurz gesagt: Wir haben ein Umsetzungs- und Geschwindigkeitsproblem.

Verschobene Investitionen, vertagte Entscheidungen

Viele Unternehmen reagieren auf Unsicherheit mit Zurückhaltung: Investitionen werden verschoben, Entscheidungen vertagt, Projekte noch einmal geprüft. Das mag im Einzelfall rational erscheinen, in der Summe ist es jedoch genau das Verhalten, das Standorte zurückfallen lässt.

Denn Unsicherheit ist kein vorübergehender Zustand mehr, der wieder vorbeigeht, sondern die neue Realität. Wer darauf wartet, dass sie verschwindet, macht sich handlungsunfähig. Nicht die beste Strategie setzt sich durch, sondern die Strategie, die umgesetzt wird, während andere noch diskutieren und abwarten.

Gerade in Zeiten von steigenden Energiepreisen, geopolitischen Spannungen und technologischen Disruptionen entstehen enorme Chancen. Doch sie entstehen nicht für jene, die am längsten analysieren, sondern für jene, die bereit sind, früh zu handeln. Gerade in der Wirtschaft zeigt sich das in diesen Tagen sehr deutlich: Wenn sich Rahmenbedingungen spürbar verändern, kippen Märkte schneller, als viele geglaubt hätten.

Mangelnde Entscheidungsgeschwindigkeit

Trotzdem bleibt die Reaktion in diesen krisenhaften Zeiten oft erstaunlich defensiv. Ob bei Künstlicher Intelligenz oder neuen Geschäftsmodellen – viel wird beobachtet, wenig wird umgesetzt, geschweige denn skaliert. Es scheitert an mangelnder Entscheidungsgeschwindigkeit.

Das gilt nicht nur für einzelne Unternehmen, sondern auch für den Standort insgesamt. Wer Innovation vor allem reguliert, verlangsamt sie. Wer sie ermöglichen will, muss Prioritäten setzen, Freiräume schaffen und auch Unsicherheit aushalten.

Eine unbequeme Erkenntnis

Für Österreich – und Europa – bedeutet das eine unbequeme Erkenntnis: Unser Anspruch, auf alles die perfekte Antwort zu haben und den bestmöglichen Zeitpunkt zu erwischen, steht uns zunehmend im Weg. In einer von Krisen bestimmten Welt, in der andere schneller umsetzen, wird dieser Mix zum Wettbewerbsnachteil.

Ein historischer Satz passt heute für die europäische Wirtschaft mehr denn je: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.

© Thomas Topf, Deloitte

Steckbrief

Gottfried Spitzer

Beruf
Partner Deloitte Wien

Gottfried Spitzer ist Partner in der Wirtschaftsprüfung bei Deloitte in Wien. Er ist Steuerberater & Wirtschaftsprüfer und verantwortet den Bereich Private bei Deloitte. Dies umfasst Unternehmen im Eigentum oder unter der Führung durch Private/natürliche Personen und Stiftungen sowie Start-ups und Private Equity. Seine Schwerpunkte liegen neben der prüferischen und beratenden Tätigkeit im Finanzdienstleistungssektor sowie in der Beratung und Prüfung von Mittelstandsunternehmen und Stiftungen.

Was meinen Sie? Schreiben Sie uns: redaktion@news.at

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 13/2026 erschienen.

Innovationsland Österreich
Logo
Monatsabo ab € 21,75
Ähnliche Artikel
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER