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500 Jahre Beretta: Venedigs Einfluss auf die Waffenfertigung

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©IMAGO, Avalon.red

Seit einem halben Jahrtausend produziert Beretta Waffen – geprägt von venezianischer Rüstungswirtschaft, technischer Präzision und bemerkenswerter Anpassung an die Machtverhältnisse.

Im norditalienischen Gardone Val Trompia produzierte die Waffenschmiede Fabbrica d’Armi Beretta bereits im 16. Jahrhundert Läufe für Arkebusen (Vorderladergewehre). 185 dieser Gewehrläufe bestellte das Arsenale di Venezia 1526 und bezahlte dafür 296 Dukaten. Das Dokument ist eine der ältesten Rechnungen der europäischen Industrie und der Beginn eines Unternehmens, das sich zu einem der bedeutendsten Waffenhersteller der Welt entwickelte – seit 500 Jahren und 15 Generationen ein Familienbetrieb.

Beretta ist älter als die meisten Nationen Europas. Die Habsburger übernahmen ein Dutzend Länder, die USA wurden gegründet, Napoleon marschierte bis Russland, zwei Weltkriege verwüsteten Europa – Beretta produzierte und verkaufte.

Technische Qualität und politische Anpassung

Der Erfolg liegt in der technischen Qualität der Waffen und in der Fähigkeit zur politischen Anpassung. Aus handwerklicher Fertigung wurde industrielle Produktion, aus lokalen Aufträgen ein internationales Unternehmen. Beretta lieferte und liefert an Armeen, Polizei, Sportschützen und Jäger – mit oft verzierten Jagdgewehren, einst ein Statussymbol der Adligen. Die Firma hatte bereits eine Marketingstrategie als der Begriff Marketing noch nicht existierte.

Während des Zweiten Weltkriegs übernahm die Wehrmacht das Werk. Der damalige Leiter Carlo Beretta schickte die Arbeiter nach Hause und bot den deutschen Offizieren die Goldreserven der Familie, um die Fabrik vor der Zerstörung zu retten. Im ersten James-Bond-Roman versteckt Agent 007 eine Beretta 418 in der Jacke. In 92 Hollywood-Filmen kommen Beretta-Waffen vor. Für die Mafia war die Beretta ein Werkzeug wie die Säge für die Baumfäller.

Aufstieg zur Weltmarke

Viele Jahrzehnte lieferte Beretta nur Gewehrläufe. Im 19. Jahrhundert, unter der Führung von Pietro Beretta (1791– 1853), begann das Unternehmen, aufgrund der Großaufträge von Napoleon, komplette Waffen zu fertigen und modernisierte die Produktion. Sein Sohn Giuseppe Beretta forcierte die internationalen Geschäfte, um nicht mehr vom italienischen Militär abhängig zu sein.

Der Aufstieg zur Weltmarke gelang Pietro Beretta (1870–1957) mit halbautomatischen Pistolen. Das Modell 1915 wurde im Ersten Weltkrieg zum Standard der italienischen Armee. Die Maschinenpistole MAB 38 eine der besten MPs des Zweiten Weltkriegs. Ein wichtiger Meilenstein in der Firmengeschichte war der Gewinn der Ausschreibung für die neue Standard-Dienstpistole der US-Streitkräfte – die Beretta 92FS ersetzte den legendäre Colt M1911.

Nüchternheit als Grundlage des Erfolgs

Heute ist das Unternehmen, durch Übernahme zahlreicher Konkurrenten, ein internationaler Konzern mit einem Dutzend Tochtergesellschaften wie Steiner, Sako-Tikka, Burris, Benelli, Uberti, beschäftigt über 6.000 Mitarbeiter und eröffnete eigene Geschäften in New York, Dallas, Buenos Aires, Paris, Mailand, London und Moskau. Ob Republik oder Monarchie, Demokratie oder Diktatur – bei Nachfrage und Bezahlung wurde geliefert. In dieser Nüchternheit liegt vielleicht die Grundlage des jahrhundertelangen Erfolgs – die Trennung von Produkt und Verwendung.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 20/2026 erschienen.

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