Barbara Buchegger, pädagogische Leiterin der Initiative Safer Internet, befürwortet das von der Regierung geplante Social-Media-Verbot für unter 14-Jährige. Sie appelliert aber vor allem an Eltern, ihre Kinder in den ersten Lebensjahren ohne Smartphone und Tablet aufwachsen zu lassen.
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Safer Internet gibt es in Österreich seit 2005. Mit welchen Gefahren im Netz waren Kinder und Jugendliche damals konfrontiert?
Das war die Zeit vor den sozialen Netzwerken. Es waren Webseiten relevant und die Abo-Fallen ein Klassiker. Wir hatten damals bei unserer Internet-Ombudsmannstelle an die 10.000 solcher Fälle pro Jahr. Das hat sich aufgehört.
Wann haben Smartphone und Tablet ihren Weg auch schon in Kleinkindhände gefunden?
Ungefähr 2018, 2019. 2019 haben wir in einer Studie schon gesehen, dass 42 Prozent der Null- bis Sechsjährigen mit digitalen Medien zu tun haben. Was sich dann durch die Pandemie verändert hat, war die Zunahme der digitalen Medien in Elternhänden. Für die Allerjüngsten sind zwei Dinge problematisch: die digitalen Medien, die sie selbst nutzen, und die digitalen Medien, die ihre Bezugspersonen nutzen.
Inwiefern ist das problematisch?
Die Kinder erleiden in diesem Alter gesundheitliche Schäden. Das können Entwicklungsverzögerungen sein, Sprachstörungen, motorische Fähigkeiten, die nicht ausgebildet werden. Und jetzt haben wir eine neue Elterngeneration, die schon selbst digital aufgewachsen ist und für die das Smartphone ein wichtiger Lebensbestandteil ist. Für sie ist es schwer, das Telefon wegzulegen, auch dann, wenn sie mit ihren kleinen Kindern zu tun haben. Das wäre aber notwendig, damit die Kinder sich gut entwickeln können.
Ist sich diese Elterngeneration bewusst, dass sie ihren Kindern damit gesundheitlich schadet?
Es gibt Eltern, denen das klar ist, für die aber das Smartphone beruflich so wichtig ist, dass sie es dennoch nicht zur Seite legen. Es gibt aber auch solche, denen das gar nicht klar ist. Und es gibt jene, die meinen, ihrem Kind etwas Gutes zu tun, wenn sie es im Alter von zwei Jahren vor ein englischsprachiges Video setzen. Nur funktioniert Sprachelernen in diesem Alter so nicht.
Das große Thema heute sind Social Media und Blasenbildung durch Algorithmen. Welche Plattformen werden heute von Kindern genutzt?
Der Einstieg ist meistens WhatsApp. Dann kommen je nach Umfeld der Kinder YouTube oder auch schon Instagram und TikTok dazu, wobei die Verwendung von TikTok von den Eltern meist hinausgezögert wird. Neben den Videoplattformen sind auch Spieleplattformen wie Roblox, die eigentlich auch ein soziales Netzwerk sind, weil man mit anderen Personen in Kontakt ist, attraktiv, sie werden ebenfalls schon im Volksschulalter genutzt. Spätestens mit zehn Jahren haben die Kinder in Österreich selbst ein Smartphone, manche auch schon früher.
Viele Kinder nutzen also davor die Smartphones ihrer Eltern, um in soziale Medien einzusteigen?
Ja. Die Smartphones der Eltern, die Familien-Tablets, die Geräte der älteren Geschwister.


Barbara Buchegger
© Matt ObserveWie werden diese Plattformen von Kindern genutzt?
WhatsApp wird von den Kindern, so wie von Erwachsenen auch, zur Kommunikation verwendet. Es gibt Gruppen und direkte Kontakte, es werden Inhalte weitergeschickt, die mal mehr, mal weniger hilfreich im Leben sind. Die Kurzvideo-Plattformen werden teils zur Unterhaltung genutzt, aber auch als Suchmaschinen und zur Inspiration. Gerade die Inspiration ist für Kinder etwas sehr Wichtiges, und je älter sie werden, desto mehr werden die Plattformen auch ein Ort, an dem sie andere Leute mit gleichen Interessen kennenlernen können.
Ein Spezialfall ist Snapchat, dort stehen Jugendliche miteinander in direktem Austausch. Auf Snap Map kann man genau sehen, wo sich die Freunde gerade aufhalten. Und dann gibt es die Streaks. Man zeigt einander seine Verbundenheit, indem jeden Tag ein Bild hin- und hergeschickt wird, das wird dann in Form einer Flamme und einer Zahl – die Zahl der Tage, an denen man sich gegenseitig Bilder schickt – angezeigt. Manche Menschen erhalten diese Streaks bis in ihr Erwachsenenleben aufrecht.
Wie wirken sich diese Plattformen auf das Leben der Kinder und Jugendlichen in Bezug auf Abhängigkeit und Gefahren aus?
Das ist sehr unterschiedlich, je nach Ausgangssituation der Kinder. Es gibt Kinder, die psychisch sehr labil sind, die wenig Anregung haben, die wenig Wertschätzung bekommen. Sie lassen sich stärker durch Inhalte beeinflussen, die sie beispielsweise auf Videoplattformen sehen, also YouTube Shorts, TikTok, aber auch Instagram Reels. Das sind auch die Plattformen mit den interessengeleiteten und dadurch Sucht machenden Algorithmen.
Labile Kinder, die einsam sind und sich in einem psychischen Ausnahmezustand befinden, lassen sich hier tendenziell stärker beeinflussen als solche, die das nicht sind, die ein gutes soziales Umfeld haben und eine gute Begleitung durch Erwachsene, aber auch andere Freunde. Ich bemerke hier aber auch Gegenbewegungen: Es gibt immer mehr Jugendliche, die merken, dass die Plattformen es übertreiben, dass zu viel Schrott zu sehen ist, zu viele Inhalte, die einem nur das Hirn zumüllen.
Man spricht gerne vom realen und vom digitalen Leben und Erleben.
Das tun nur wir Erwachsene. Für Kinder und Jugendliche ist das ein Lebensraum. Ob etwas online oder offline ist, das macht keinen Unterschied. Sie können es manchmal nicht einmal benennen oder in der Erzählung auseinanderhalten.
Wie sehr wird Radikalisierung durch Social Media vorangetrieben?
Durch die interessengeleiteten Algorithmen kommt man sehr schnell in extreme Inhalte hinein, und das durchaus ausgehend von eigentlich unverdächtigen Alltagsthemen. Ein Beispiel: Ich habe mich gerade mit Klimafakes beschäftigt. Da ist dann deutlich zu sehen, dass es einen Zusammenhang zwischen rechtsextremen Inhalten, Klimawandelleugnung und Frauen hassenden Beiträgen gibt. Solche Überlappungen gibt es bei den verschiedensten Themen.
Ich bin manchmal wirklich verleitet, mir zu denken, es sollte ein Handyverbot für Eltern von unter Dreijährigen geben
Welchen Druck gibt es aber auch zum Beispiel im Bereich Körperbild, Stichwort „Looksmaxxing“ bei Burschen und „Glowup“ bei Mädchen und jungen Frauen?
Das kennen wir, seitdem es Medien gibt. Abbilder von Körpern haben immer schon viel Eindruck gemacht und dazu geführt, dass sich Menschen dachten, so wie dieser Filmstar auf dem Plakat will ich auch sein. Was sich jetzt verändert hat: Die sozialen Netzwerke stellen eine Normalität dar, die es so nicht gibt, und wenn ich in einer schlechten psychischen Verfassung bin, sehe ich nur mehr mein eigenes Versagen.
Es gibt zwar die Body-Positivity-Bestrebungen, die aber für Jugendliche völlig unbrauchbar sind, weil welche Jugendlichen können ihren Körper als schön empfinden. Eher geeignet ist da die Body Neutrality, also ich lebe mit meinem nicht so besonderen Körper.
Was sind Anzeichen, an denen Eltern festmachen können, dass ihr Kind Tablet und Smartphone zu lange benutzt?
Das ist altersabhängig. Bei den Kleinen, wenn ich es wegnehme und es gibt ein Mordsgeschrei, dann ist es sinnvoll, mal ein paar Tage etwas anderes zu tun. Insgesamt liegt das Problem aber weniger bei den Kindern, sondern bei den Bezugspersonen. Sie sind die schlechten Vorbilder. Wenn ich heute in der Straßenbahn mit einem Kind schäkern möchte, dreht sich das Kind weg und manche weinen vor Angst. Das ist eine tragische Entwicklung, denn Kinder brauchen Blickkontakt, um sich gut zu entwickeln. Ich bin manchmal wirklich verleitet, mir zu denken, es sollte ein Handyverbot für Eltern von unter Dreijährigen geben.
Stichwort Verbot: Weltweit arbeiten Regierungen an der Umsetzung von Social-Media-Verboten für Kinder und Jugendliche. In Österreich ist ein Verbot für unter 14-Jährige geplant.
Eigentlich haben wir diese Altersgrenze schon, denn die Datenschutzgrundverordnung sagt, dass unter 14-Jährige nicht die Zustimmung geben dürfen, ob ihre Daten verwendet werden. Plattformen dürften sie also gar nicht ihre Services nutzen lassen.
Die Realität sieht anders aus. Was braucht es also, um ein solches Verbot tatsächlich umzusetzen?
Es braucht eine Altersfeststellung. Hier muss man sich aber bewusst sein, dass das dann alle trifft – jeder muss dann sein Alter nachweisen, um auf Facebook, um auf eine Porno-Plattform, um auf Spieleseiten zu gehen. Das wird in der Debatte immer außen vor gelassen. Derzeit wird daran gearbeitet, wie diese Altersfeststellung durchgeführt werden kann, ohne dass die Plattformen Informationen über die User und Userinnen erhalten.
Befürworten Sie ein Social-Media-Verbot für unter 14-Jährige?
Ich halte es wirklich in Richtung Plattformen für sehr hilfreich, weil die Plattformen für uns alle ein Problem bedeuten. Die Fake News, das Überschwemmen mit KI-generierten Inhalten, die immer brutalere Art der Kommunikation, das Auseinanderdriften von Bevölkerungsteilen und Menschen, die sich einfach gar nicht mehr unterhalten wollen, wenn jemand anderer Meinung ist. Wenn wir die Plattformen zwingen können, dass sie sich hier ihrer Mitverantwortung bewusst sind, dann ist das ein guter Schritt.
Wir brauchen wieder mehr gemeinsame Erlebnisse in der Offline-Welt, in der Familie, im Freundeskreis
Ein Social-Media-Verbot für Kinder könnte also neben einem gesünderen Aufwachsen für sie selbst dazu beitragen, dass das Klima in der Gesellschaft weniger polarisiert ist.
Wenn ich mir ganz naiv etwas wünschen könnte, dann wäre es, dass die Plattformen daraus lernen, ihre Services so zu gestalten, dass das gesellschaftliche Klima für uns alle besser wird, dass die Radikalisierung, die ja alle Bevölkerungsgruppen umfasst, insgesamt zurückgedrängt wird.
Welche Problemfelder würden auch bei einem Social-Media-Verbot für unter 14-Jährige weiterhin bleiben?
Ein großes Problem ist die Einsamkeit. Eine Folge der Covid-Pandemie ist, dass zunehmend mehr Jugendliche einsam sind. Das hat auch damit zu tun, dass wir beobachten, dass Teile der Eltern immer weniger bereit sind, mit ihren Kindern zu reden, in Beziehung zu treten, Dinge miteinander zu unternehmen, ganz analog ein Brettspiel zu spielen zum Beispiel oder miteinander spazieren zu gehen. Wir brauchen wieder mehr gemeinsame Erlebnisse in der Offline-Welt, in der Familie, im Freundeskreis.
Nun ist für die Oberstufe an Gymnasien ein Fach namens „Medien und Demokratie“ geplant. In den Mittelschulen und der AHS-Unterstufe gibt es bereits den Gegenstand „Digitale Grundbildung“, in der Volksschule die Säule „Medienbildung“. Ist das, was hier vermittelt wird, am Puls der Zeit?
Ja und nein. Der Lehrplan bietet die Möglichkeit, den Unterricht so zu gestalten, dass man genau die Themen aufgreift, die eine gute Grundlage für den Umgang mit der digitalen Welt bieten würden. In der Realität hängt es von den Lehrkräften ab. Insgesamt gibt es hier eine große Kluft zwischen Erwachsenen und Jugendlichen. Wenn man sich zum Beispiel die Nutzung von KI-Chatbots ansieht, haben wir bei den Jugendlichen in Österreich die zweithöchste Nutzung in Europa, bei den Erwachsenen sind wir im unteren Drittel.
Wie kann man dem im Kontext Schule begegnen?
Es braucht einerseits viele Angebote an Weiterbildung für Lehrende in diesem Bereich. Vielleicht braucht es aber ebenfalls ein bisschen mehr Zwang, dass diese Weiterbildung auch passiert.

Steckbrief
Barbara Buchegger
Barbara Buchegger ist seit 2008 pädagogische Leiterin der Initiative saferinternet.at und beschäftigt sich dabei mit der Förderung von Medienkompetenz und einem sicheren Umgang mit digitalen Technologien.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 20/2026 erschienen.







