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Das ist ein Plus von über 110 Prozent der von der EU-Chemikalienbehörde ECHA vor kurzem als mit schädlicher Wirkung für die Fortpflanzung eingestuften Chemikalie. "Im Burgenland, in Niederösterreich, Oberösterreich und der Steiermark, da wo viel Landwirtschaft betrieben wird, zeigten sich die höchsten Konzentrationen", sagte Helmut Burtscher-Schaden, Umweltchemiker der Umweltschutzorganisation.
Die entsprechenden Daten von 98 Messstellen aus den Jahren 2018/2019 und 107 Messstellen aus dem Jahr 2024 erhielt Global 2000 aufgrund einer Anfrage nach dem Umweltinformationsgesetz Ende Juni vom Landwirtschaftsministerium. Diese wurden einer wissenschaftlichen Auswertung unterzogen, ein entsprechender Artikel ist am Dienstag als Preprint publiziert worden. Es sei zwar keine repräsentative Messprobe für ganz Österreich, hielt Burtscher-Schaden fest, aber die genannten 16 Messstellen wurden in beiden Auswertungen untersucht. "Nimmt man alle Messstellen, dann liegt der Wert dreimal höher", so Burtscher-Schaden weiter. "Das ist kein Maß für eine Änderungsrate", aber es zeigte, dass der Anstieg auch da zu sehen ist, wo der paarweise Vergleich nicht möglich war.
Untersucht wurde zudem auch, ob der jeweilige TFA-Eintrag auf PFAS-Pestizide zurückgeführt werden kann: "Wir haben die Werte der einzelnen Messstellen mit den jeweiligen Werten zu Pestizid- und Nitrat-Belastung verglichen", sagte Burtscher-Schaden. Heraus kam "eine relativ starke Korrelation mit Pestiziden und eine starke bis moderate mit Nitraten." Ohne andere TFA-Quellen wie F-Gase auszuschließen, zeige sich daher substanzieller landwirtschaftlicher Beitrag. Kein Zusammenhang zeigte sich indessen mit anderen in der Umwelt nachgewiesenen per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen (PFAS). Burtscher-Schaden hob jedoch hervor, dass an jenen 104 Messstellen mit Daten zu beiden Parametern die mittlere TFA-Konzentration rund 264-mal so hoch wie die mittlere PFAS-27-Summe.
Ebenso wurde darauf hingewiesen, dass für toxikologisch relevante Abbauprodukte von Pestiziden im Grundwasser ein EU-Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter gelte. TFA sei ein solches toxikologisch relevantes Abbauprodukt und dessen mittlere Konzentration an den 2024 untersuchten Messstellen lag bei 2,4 Mikrogramm pro Liter und damit rund 24-mal über diesem Wert.
Mattias Öberg, Toxikologe am schwedischen Karolinska Institutet und Ko-Autor der Studie, gab zu bedenken, dass sich TFA weltweit anhäuft, und "was heute entsteht, bleibt im Wasserkreislauf". Eine Reinigung wäre theoretisch zwar möglich, aber zumindest aktuell "energieintensiv und teuer". TFA sei eine Chemikalie mit langfristigen Auswirkungen, durch Tierstudien wisse man, dass sie auch auf Schilddrüsenhormone oder die Leber wirke. Die Frage sei nicht nur, ob die heutigen Konzentrationen bereits schädlich sind: "Wir überschreiten immer mehr Grenzen", so Öberg. Das Grundwasser sei aber eine der wichtigsten Ressourcen und die langfristigen Gesundheitsauswirkungen von TFA seien immer noch nicht vollständig geklärt. Global 2000 beschreibt TFA als "ein sehr kleines und hoch mobiles PFAS", das beim Abbau fluorierter Pestizide, Kältemittel, Arzneimittel und Industriechemikalien entsteht oder direkt freigesetzt wird.
Angeliki Lyssimachou, Senior Scientist bei PAN Europe, nannte die österreichischen Ergebnisse "ein Warnsignal für die EU" und andere Mitgliedstaaten sollten ihre Grundwasserdaten auf "vergleichbare Entwicklungen prüfen und die Einträge von TFA und seinen Vorläuferstoffen konsequent reduzieren.". Lyssimachou forderte zudem ein Verbot der PFAS-Pestizide.
Global 2000 äußerte indes die Kritik, dass das Landwirtschaftsministerium die beiden Messserien zwar in seiner eigenen Berichtsreihe veröffentlicht habe, aber keinen Vergleich wie in der Studie durchgeführt habe - der TFA-Anstieg sei so bisher unsichtbar geblieben. Das sei erklärungsbedürftig: "Wir werden dieser Frage nachgehen und dazu in den kommenden Tagen weitere Informationen vorlegen", kündigte Alexandra Strickner, politische Geschäftsführerin von Global 2000 abschließend an.
Dass die Messreihen nun erst durch die Studie verglichen und publiziert wurden, kritisierte auch Olga Voglauer, Landwirtschaftssprecherin der Grünen, in einer Aussendung. "Dabei wäre es die Aufgabe des Landwirtschafts- und Umweltministers, solche Entwicklungen rechtzeitig zu erkennen und unser Wasser zu schützen", hieß es weiter. Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig müsse nun erklären, "welche Konsequenzen er aus den Daten seiner eigenen Behörden zieht", fordert sie. Seit rund eineinhalb Jahren liege ein Antrag auf ein Verbot von PFAS-Pestiziden im Nationalrat. "Die Regierungsfraktionen haben ihn mehrfach vertagt, zuletzt im Juni", sagte Voglauer.
Das Landwirtschaftsministerium reagierte in einem Statement gegenüber der APA. Man nehme die Ergebnisse sehr ernst, "gleichzeitig ist eine sachliche Einordnung wichtig. Die Zahl der direkt vergleichbaren Messstellen ist gering und die Messstellen wurden gezielt in potenziell belasteten Gebieten ausgewählt." Die Ergebnisse ließen daher keine allgemeine Aussage über die Entwicklung des gesamten österreichischen Grundwassers zu. Ziel sei es, "Grundwasser, Umwelt und Gesundheit auf hohem Niveau zu schützen und gleichzeitig eine nachhaltige und qualitativ hochwertige landwirtschaftliche Produktion und Lebensmittelversorgung zu sichern. Dafür müssen wir alle relevanten Eintragspfade in den Blick nehmen. Weitergehende Maßnahmen bis hin zu Verboten, müssen EU-weit harmonisiert diskutiert werden."
Die steigende Belastung mit TFA zeige dringenden Handlungsbedarf, hielt indes Bio Austria in einer Aussendung fest. "Weitere Einträge dieser Ewigkeitschemikalien müssen verhindert werden", so Obfrau Barbara Riegler. "Im Regierungsprogramm ist bereits vorgesehen, den biologischen Pflanzenschutz als Alternative zu chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln stärker zu fördern. Das muss nun konsequent umgesetzt werden", forderte sie.
(S E R V I C E - Preprint zur Studie "Increasing Trifluoroacetic Acid Concentration in Austrian Groundwater and Its Associations with Agricultural Indicators" wurde auf chemrxiv.org veröffentlicht und ist unter dem Link https://go.apa.at/u7XugS0N abrufbar.)
