Außerhalb Amerikas läuft das Unternehmen Gefahr, Opfer seines eigenen Hypes zu werden.
Im Jahr 2016 verklagte Palantir, ein amerikanisches Softwareunternehmen, erfolgreich die US-Armee und erkämpfte sich damit eine zweite Chance auf einen Auftrag. Ein Jahrzehnt später hat sich das Schicksal des Unternehmens gewandelt, das vom Venture-Arm der CIA gegründet wurde und nach einem allsehenden Stein aus J. R. R. Tolkiens Fantasy-Epos „Der Herr der Ringe“ benannt ist.
Boomendes Business
Das Geschäft boomt. Der Umsatz in den USA hat sich innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt und belief sich im zweiten Quartal 2026 auf 1,6 Mrd. US-Dollar. Zwei Fünftel des weltweiten Geschäfts entfallen auf die US-Regierung. Trotz der Befürchtung, dass KI dem Unternehmen das Geschäft abgraben könnte, setzen amerikanische Firmen auf die Software von Palantir, um ihre Rohdaten zu schützen – als eine Art Datenschutzschild gegen führende KI-Labore wie OpenAI und Anthropic.
„Ich habe Schwierigkeiten mit unserer derzeitigen Popularität“, scherzte Alex Karp, CEO von Palantir, kürzlich bei einer Telefonkonferenz zur Bekanntgabe der Geschäftszahlen. Sollte sich Karp, der einst im Vorstand der Muttergesellschaft von The Economist saß, allzu wohl fühlen, braucht er nur über den Atlantik zu blicken.
Klage gegen Londoner Bürgermeister
Im Juli kündigten die französischen und deutschen Sicherheitsbehörden an, ein auf Palantir basierendes „digitales Rückgrat“ durch europäische Alternativen zu ersetzen. In Großbritannien, dem größten Auslandsmarkt des Unternehmens und Heimat eines Sechstels seiner Belegschaft, haben Abgeordnete Premierminister Andy Burnham aufgefordert, im Februar eine Ausstiegsklausel in einem Siebenjahresvertrag mit dem National Health Service zu ziehen.
Palantir verklagt Sir Sadiq Khan, den Bürgermeister von London, nachdem dieser einen Vertrag mit der Metropolitan Police blockiert hatte – mit der Begründung, dass dabei Ausschreibungsverfahren umgangen worden seien.
Islamisten, Faschisten, Lobbyisten
Die schärfsten Kritiker verweisen darauf, dass Palantirs Technologie der Regierung von Präsident Donald Trump dabei geholfen habe, Migranten aufzuspüren und abzuschieben, und von den israelischen Streitkräften eingesetzt werde, um Bewohner des Gazastreifens ins Visier zu nehmen.
In einer Rede am 30. Juli behauptete Robert Jenrick, Abgeordneter der populistischen Rechtspartei Reform UK, Burnham wolle Palantir – obwohl es „Verzögerungen bei der Entlassung (von Patienten aus Krankenhäusern, Anm.) um 15 Prozent reduziert“ habe – aus dem NHS entfernen, weil „britische Islamisten unzufrieden seien“.
Kritiker verweisen zudem auf die Lobbyarbeit des Unternehmens. Sein erster Auftrag von der britischen Regierung – die Zuordnung von Patienten zu Beatmungsgeräten – kam während der Covid-19-Pandemie für eine symbolische Gebühr von 1 £ (1,17 Euro) zustande, nachdem das Unternehmen Beamte bei Wassermelonen-Cocktails für sich gewonnen hatte.
Zack Polanski, Vorsitzender der Grünen, weist zudem – etwas unfair – darauf hin, dass Louis Mosley, der den britischen Ableger von Palantir und dessen europäischen Hauptsitz leitet, ein Enkel von Oswald Mosley ist, einem faschistischen Politiker der 1930er Jahre, und „darauf besteht, jedes Mal, wenn er im Fernsehen auftritt, ein schwarzes Hemd zu tragen“.
Palantir-Wahn-Syndrom
Das „Palantir-Wahn-Syndrom“, wie es das Magazin Spectator kürzlich in einer Titelgeschichte formulierte, ist nicht die einzige Erklärung für die Gegenreaktion gegen das Unternehmen. Palantir hat die Leistungsfähigkeit seiner Software bisweilen übertrieben dargestellt. Zugleich ist das Unternehmen zum Blitzableiter für eine allgemeinere Angst vor mangelnder technologischer Souveränität geworden. Damit wächst das Risiko einer Gegenreaktion, die Großbritannien um nützliche Software bringen könnte.
Niemand bestreitet, dass die fragmentierten Daten ein zentrales Problem des britischen Staates darstellen. Die Polizei verbringt einen Großteil ihrer Zeit mit Verwaltungsaufgaben statt mit der Aufklärung von Straftaten und muss dabei auf Dutzende Systeme zugreifen, von denen jedes eigene Zugangsdaten erfordert. Unzusammenhängende Daten können Menschenleben kosten. Ein aktueller offizieller Bericht zur Geburtshilfe in England ergab, dass Patientinnen aufgrund schlecht integrierter IT-Systeme regelmäßig zwischen verschiedenen Diensten „verloren“ gehen und dass das Personal in Notfällen auf Zetteln Notizen machen muss.
Palantir kann helfen, solche Probleme zu lösen. Die Ingenieure des Unternehmens führen riesige Mengen verstreuter Daten zu einer einzigen „Quelle der Wahrheit“ zusammen, mit der auch technisch weniger versiertes Personal arbeiten kann. Die Streitkräfte nutzen die Software von Palantir beispielsweise, um zu ermitteln, welches Flugzeug einem bestimmten Ziel am nächsten ist und über wie viel Munition es verfügt. Auch die militärische Einsatzbereitschaft lässt sich damit bis hin zur einzelnen Mutter, Schraube und jedem Bolzen bewerten.
In Bedfordshire half die Software des Unternehmens der Polizei, während eines achttägigen Testzeitraums 62 Prozent mehr Fälle im Bereich des Kinderschutzes zu bearbeiten. Zudem unterstützte sie die Ermittler dabei, eine rumänische kriminelle Bande zu überführen, indem rund 100.000 Nachrichten durchsucht wurden – eine Aufgabe, die zuvor Monate gedauert hätte. Als Reaktion auf Sir Sadiqs Entscheidung, den Vertrag mit der Metropolitan Police zu blockieren, erklärte Sir Mark Rowley, Commissioner der Met, dass der Verlust an Produktivität dazu führen werde, dass die Polizei Hunderte Mitarbeiter an vorderster Front abbauen müsse.
Zu schön, um wahr zu sein?
Am meisten Aufmerksamkeit hat ein Auftrag aus dem Jahr 2023 erregt, mit dem Palantir die vom NHS als „Federated Data Platform“ (FDP) bezeichnete Plattform aufbaut. Über einen Zeitraum von sieben Jahren soll sie voraussichtlich 1,1 Mrd. £ (1,3 Mrd. Euro) kosten – genug, um den NHS in England zwei Tage lang zu finanzieren. Die Befürworter von Palantir halten das Geld für gut angelegt.
Krankenhausverbände können die Software sowohl für Backoffice-Funktionen als auch für darauf aufbauende Anwendungen nutzen. Sie kann beispielsweise anzeigen, wenn ein Patient bei den für eine Krebsbehandlung notwendigen Schritten in Verzug gerät, und dem Personal ermöglichen, Termine zu vereinbaren oder eine Akte zu aktualisieren.
Einige Krankenhausverbände und regionale Gesundheitsbehörden, etwa Greater Manchester, können dies und noch mehr bereits ohne Palantir. Für die technisch weniger versierten Bereiche des NHS, die erst vor Kurzem von Papierakten auf digitale Systeme umgestellt haben, ist die Plattform jedoch ein enormer Fortschritt.
Kürzlich beobachtete er bei einem Hackathon, wie eine Krankenschwester und ein Rettungssanitäter innerhalb von nur zwei Tagen einen Prototyp für ein von ihrem Dienst benötigtes Tool entwickelten
Das FDP ermöglicht zudem die Vernetzung verschiedener Bereiche des NHS, die unterschiedliche Datensysteme und -strukturen nutzen. Tom Bartlett, der das NHS-Team leitete, das an der Entwicklung der Plattform beteiligt war, zeigt sich besonders angetan davon, wie dadurch verschiedene Bereiche des Gesundheitssystems Innovationen austauschen können.
Kürzlich beobachtete er bei einem Hackathon, wie eine Krankenschwester und ein Rettungssanitäter innerhalb von nur zwei Tagen einen Prototyp für ein von ihrem Dienst benötigtes Tool entwickelten. Er glaubt zudem, dass die FDP dazu beitragen wird, den NHS für den Einsatz von KI fit zu machen: Die Software stellt eine strukturierte Ebene bereit, auf der KI-Agenten und -Anwendungen aufsetzen können.
Die Argumente für den Einsatz solcher Technologien zur Steigerung der Produktivität in finanzschwachen öffentlichen Diensten sind überzeugend. Allerdings schwächen Palantir und seine Befürworter diese Argumente, indem sie die Leistungsfähigkeit der Software überbewerten.
In einem Interview mit The Economist verweist Mosley auf 110.000 zusätzliche Operationen in den rund 40 NHS-Trusts, die die Software zur Planung stationärer Behandlungen einsetzen. Die Zahl stammt aus einem NHS-Dashboard, mit dem für das FDP geworben wird. Die beeindruckende Zahl schlüsselt jedoch nicht auf, welchen Anteil die Software daran hatte: Erfasst werden sämtliche zusätzlichen Operationen seit 2020, darunter auch jene, mit denen der pandemiebedingte Rückstau abgebaut werden sollte. Im Juli tadelte die britische Statistikaufsichtsbehörde den NHS dafür, diese Zahl ohne entsprechende Einschränkung verwendet zu haben.
„Man kann nicht sagen, dass die 110.000 Operationen ausschließlich dank Palantir stattfanden“, räumt Mosley auf die Frage nach der Zahl ein. Aber „grundsätzlich ist sehr, sehr klar, dass die Software einen Einfluss hat.“
Die Realität hinter den Zahlen
Mosley moniert, dass sich die meisten Akutkrankenhäuser dem FDP angeschlossen haben, die Plattform aber nicht nutzen, weil der NHS dies nicht vorschreibt: „Man hat eine Freiwilligenarmee, keine Wehrpflichtarmee“, sagt er. Doch nur vier Tage vor Jenricks Rede kam ein Bericht der Denkfabrik Health Foundation zu dem Ergebnis, dass Krankenhäuser, die das Entlassungstool von Palantir nutzen, ihre Rückstände nicht schneller abbauen als jene, die darauf verzichten.
Auch die geringe Nutzung erklärt nicht, warum Chelsea and Westminster, ein Krankenhausverbund im Westen Londons, die Plattform am intensivsten zur Verkürzung der Wartelisten einsetzt, seine Wartelisten aber dennoch schneller gewachsen sind als die fast aller anderen.
Ähnlicher Marketing-Hype zeigt sich auch im Verteidigungsbereich. Sir Tom Copinger-Symes, ein kürzlich in den Ruhestand getretener Generalleutnant, bezeichnet Palantir als „weltweit führend“ darin, komplexe militärische Missionen in verwertbare Datenströme zu übersetzen. Seine Sorge gilt jedoch der Art und Weise, wie das Marketing das Unternehmen als „KI-Komplettlösungsanbieter“ darstellt, statt als „Anbieter in einer viel breiteren Lieferkette“. Auch die Regierung hat diesen Eindruck bisweilen verstärkt.
Eine im vergangenen September angekündigte „strategische Partnerschaft“ mit dem Verteidigungsministerium ist weniger weitreichend, als es der Begriff vermuten lässt: „reine Fantasie“, sagt ein ehemaliger Beamter. Sie sei von Regierungsberatern vorangetrieben worden, die glaubten, das Ganze würde „gut aussehen“.
Fehlgeleitete Bedenken
Solche Verkaufstaktiken, unterstützt von der Regierung, haben dazu beigetragen, Palantir ins Zentrum einer Debatte über „technologische Souveränität“ zu rücken – jenes vage definierte, aber reale Gefühl, dass Großbritannien die Kontrolle über kritische Technologien verliert, und das zu einer Zeit, in der Amerika kein so vorhersehbarer und verlässlicher Verbündeter mehr ist. In dieser Hinsicht sind jedoch viele der speziell gegen Palantir gerichteten Bedenken fehlgeleitet.
Der NHS entschuldigte sich kürzlich, nachdem er nicht offengelegt hatte, dass einige Palantir-Mitarbeiter Zugriff auf identifizierbare Patientendaten haben könnten. Dies verstärkte die Befürchtungen hinsichtlich des US-amerikanischen Cloud Act von 2018, der der US-Regierung die Befugnis gibt, Daten von Technologieunternehmen anzufordern, selbst wenn diese bei ausländischen Tochtergesellschaften gespeichert sind.
In der Praxis erscheint es jedoch unwahrscheinlich, dass Palantir zur Herausgabe solcher Daten gezwungen werden könnte: Die Informationen verbleiben innerhalb des jeweiligen Trusts, der weiterhin für die Datenverarbeitung verantwortlich ist. Den Ingenieuren fehlen sowohl die rechtliche Befugnis als auch die technischen Zugriffsmöglichkeiten, um Patientendaten für andere Zwecke einzusehen.
Anlass zur Sorge
Eine weitere Befürchtung ist ein „Kill-Switch“-Szenario – etwa nach dem Vorbild der US-Regierung, die die Nutzung der neuesten Modelle von Anthropic für Nicht-US-Bürger untersagte. Doch wenn die Abhängigkeit von amerikanischen Technologiekonzernen Anlass zur Sorge gibt, existieren weitaus alarmierendere Beispiele.
Der NHS ist bei E-Mail und anderer Kommunikation wie Microsoft Teams, bei Cloud-Diensten und zunehmend auch bei KI auf Microsoft angewiesen: Gerade erst hat er 500.000 Microsoft-Copilot-Lizenzen erworben. Oracle, ein weiterer amerikanischer Tech-Konzern, ist sein größter Lieferant von Patientenakten.
Palantir „würde es nicht einmal in meine Top 100 der Dinge schaffen, über die ich mir Sorgen machen würde“, sagt Ben Moores, der bis zum vergangenen Jahr Beschaffungsberater des britischen Verteidigungsministers war.
Die Alternativen sind noch schlimmer
Allgemeiner betrachtet lenkt die Kontroverse um Palantir von einer unangenehmen Wahrheit ab: Es gibt nur wenige leistungsfähige britische oder andere europäische Alternativen zu den führenden amerikanischen Tech-Unternehmen. Der Staat kann manche Lösungen selbst entwickeln. Im vergangenen Jahr ersetzte das Wohnungsbauministerium ein Palantir-System zur Verteilung von Flüchtlingen durch eine eigene Lösung und sparte damit „Millionen Pfund“ an Betriebskosten.
Im Juni gab Frankreich bekannt, dass ChapsVision, ein heimisches KI-Unternehmen, ab 2028 den Vertrag mit der DGSI, der französischen Behörde für innere Sicherheit, übernehmen werde. In anderen Bereichen bleibt der Staat jedoch auf amerikanische Anbieter angewiesen.
Sollte Großbritannien eine Ausstiegsklausel für das FDP-Programm ziehen, wie es ein Sonderausschuss des Parlaments empfohlen hat, dürfte es nahezu unmöglich sein, bis zum kommenden Februar ein Konsortium als Ersatz für Palantir zu finden. „Alle anderen Unternehmen liegen meilenweit zurück“, sagt Bartlett. Auf dem Schlachtfeld könnte minderwertige Technologie britischen Soldaten das Leben kosten, argumentiert Sir Tom. Kollegen, die von amerikanischer Technologie begeistert sind, sollten allerdings darauf achten, nicht deren „vollständiges Paket“ zu kaufen, schlägt er vor. Aber „würden wir den drittbesten Panzer kaufen, nur weil er britisch ist?“
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