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Familiäre Umfelder verschiedenster Ausgestaltung, in denen mehr als eine Sprache mehr oder weniger institutionalisiert angewendet wird, gibt es bekanntlich viele - Tendenz in der globalisierten Welt weiter steigend. Die Autorin schildert in ihrem Buch u.a. den Weg der eigenen Familie in die Mehrsprachigkeit. So manches daran war nicht vorherzusehen, wie der Leser bald erfährt. "Wie also umgehen mit der multilingualen Realität?", fragte sich die Wissenschafterin, und auch ihr Umfeld stellt viele derartige Fragen an sie. So ging Wittenberg wissenschaftlich an die Sache heran - nämlich mit einer tiefgehenden Recherche in einem Forschungsgebiet, das nicht so ganz das Ihre war, wie sie im Gespräch mit der APA erklärte.
Das gefundene "Wirrwarr" mit einer Vielzahl aus konkurrierenden Theorien und daraus abgeleiteten Handlungsansätzen für Betroffene motivierte Wittenberg dazu, etwas zu schreiben, das als eine Art Orientierungshilfe mit wissenschaftlicher Basis in möglichst allgemein verständlicher Sprache dient. Sie wollte den Fokus auf das echte Leben in Familien mit Mehrsprachigkeit legen, wo es auch viel um Identitätsfindung, Dialekte oder auch um Einsamkeit in speziellen Situationen geht.
Wittenberg führte viele Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen in ähnlichen Lebenslagen, aber etwa auch Interviews mit der kurdischstämmigen Bezirksvorsteherin von Wien-Alsergrund Saya Ahmad (SPÖ) oder Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS), der eine französische Mutter und einen ungarischen Vater hat. "Das waren dann auch oft Gespräche über Emotionen. In welcher Sprache kuscheln wir? In welcher Sprache schimpfen wir?", sagte Wittenberg, die dazu dann auch wissenschaftliche Hintergründe liefert.
Ein Fazit: Die allermeisten "stolpern irgendwie in diese Mehrsprachigkeit hinein." Im Umgang damit halten sich auch mittlerweile überkommene Mythen, wie etwa, dass Mehrsprachigkeit Kinder verwirre, Legasthenie begünstigen bzw. verursachen kann oder dazu führt, dass Kinder keine Sprache "richtig" lernen. "Heute wissen wir, dass das nicht so ist", betont die Forscherin, die auch erklärt, warum diese Positionen so nicht haltbar sind.
Neben Familien stehen auch Schulen vor Herausforderungen. Der Auftrag an die Schule ist hierzulande, dass ein Kind nach dem Durchlaufen selbiger in erster Linie "gescheit Deutsch spricht". Dazu kommen natürlich auch noch Aufträge zum Fremdspracherwerb, der Fokus liegt aber immer stark auf verschriftlichter Sprache. "Der normale Mehrsprachigkeitserwerb hat mit Schriftsprache aber überhaupt nichts zu tun", so Wittenberg. Um eine Sprache tatsächlich zu lernen und anzunehmen, brauche es Möglichkeiten, darin "einzutauchen". Dementsprechend sollte "jedes Kind die Chance haben, genug deutschen Input zu bekommen". Ja, Spracherwerb könne für Kinder auch schwierig und "hart sein. Aber je mehr Gelegenheit sie bekommen, diesen schwierigen Prozess durchzustehen", desto eher schaffe man es auch.
Was rät die Neo-Buchautorin also Betroffenen, die ihren Weg noch suchen? Da die Entscheidung zu Mehrsprachigkeit eigentlich immer eine Entscheidung der Eltern ist, sollten diese sich darüber klar werden, was sie wollen. Soll das Kind quasi "nur" gut mit den bulgarischen Cousins und Cousinen am Strand parlieren können oder einmal Shakespeare im Original lesen? "Je nachdem muss man seine eigene familiäre Sprachstrategie fahren", betonte Wittenberg.
Ein weiterer wichtiger Punkt: "Viel hilft viel." Spricht ein Kind etwa nur mit einem Familienmitglied an den Abenden kurz Mandarin, dann wird es die Sprache anders erlernen, als wenn es dazu auch noch Unterricht bekommt oder nur auf dieser Sprache Serien und Co. streamt. Wittenberg: "Das Dritte wozu ich rate, ist, dass man sich ein bisschen entspannt!" Man befinde sich in einem Prozess, der kein Projekt ist, das man sozusagen abschließen kann: "Die Kinder machen das schon. Man kann es ihnen auch zumuten." Kommt am Ende nicht das heraus, was man sich erhofft hat, sei das auch gut. Denn: Kann man am Ende ein paar Brocken Bulgarisch, ist das immer noch besser, als wenn man es gar nicht kann."
(S E R V I C E - Eva Wittenberg: "Maman, I have a Wackelzahn. Mehrsprachig erziehen", dtv, 304 Seiten, 14,40 Euro )
WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/Sotiris Bekas/dtv/Sotiris Bekas
