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Enpulsion-CEO Alexander Reissner: „Im All gibt es per Definition keine Grenzen“

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Alexander Reissner©Matt Observe

Aus einem jugendlichen Star-Wars-Fan wurde ein Weltmarktführer für Satellitenantriebe: Der Alexander Reissner spricht über die schwierigen Bedingungen für Start-ups, die Wachstumspläne von Enpulsion und die Frage, wie viel Platz im Weltall überhaupt noch ist.

Auch große Geschichten beginnen klein. „Ich war ein Science-Fiction-Nerd. Star Trek und Star Wars haben mich durch meine Kindheit begleitet. In meiner Fantasie bin ich Raumschiffe geflogen“, sagt Alexander Reissner. Das sagen viele seiner Generation. Doch nur eine Handvoll ist als Erwachsener CEO und Mitbegründer eines Unternehmens, das Antriebssysteme für Satelliten herstellt und damit Weltmarktführer ist.

Bei Reissner ging die Geschichte nämlich so weiter: Er studierte Physik, „vorbelastet“ durch seinen Vater, der an der TU Wien in diesem Fach unterrichtete. Dieser wiederum machte einen Tieftemperaturtest für die Weltraumfirma RUAG Beyond Gravity und „er hat mich ein bisschen dazugeholt“, erzählt Reissner. „Da habe ich mitbekommen, es gibt in Österreich jemanden, der etwas mit Weltraum macht. Ich bin sukzessive hineingestolpert.“

Bei einer Spezialvorlesung zum Thema Advanced Space Propulsion fragte er den Professor um einen Teilzeitjob. Später folgte ein PhD für Aerospace Engineering in Südkorea und an der TU Dresden, weil es in Österreich keine höhere Ausbildung im Space-Bereich gab. Sein Berufsweg führte ihn weiter zu FOTEC, ein Forschungsunternehmen der FH Wiener Neustadt, das er leitete. 2016 gründete er dann als Spin-off der FH Wiener Neustadt Enpulsion und wurde vom Wissenschafter zum Unternehmer.

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Feinarbeit: Neben dem Flughafen Schwechat fertigen die Enpulsion-Mitarbeiter die Satellitenantriebe. Jeder wird umfassend getestet, bevor er sich auf die Reise macht.

 © Matt Observe

Gleich neben dem Flughafen Wien stellen heute rund 70 Mitarbeiter Triebwerke her, die Satelliten, wenn sie einmal im Orbit sind, bewegen. „Der Satellit muss auf die richtige Umlaufbahn kommen, sein Kurs muss korrigiert werden, und er muss am Ende seiner Lebenszeit auch wieder heruntergebracht werden, damit er nicht als Müll zurückbleibt“, erklärt Reissner, was seine Produkte können.

Als Treibstoff für diesen elektronischen Antrieb dient das Schwermetall Indium, das durch ein elektrisches Feld ionisiert und durch kreisförmig angeordnete, haarfeine Düsen geschossen wird. Der Rückstoß dieses Strahls treibt den Satelliten voran. Verbaut ist das alles in einem Würfel mit weniger als 20 Zentimetern Seitenlänge.

Auf Wachstumskurs

Rund 150 solcher Antriebe stellt Enpulsion pro Jahr her. Nach dem Einstieg des Tech-Investors Nordwind Growth Anfang des Jahres will das Unternehmen weiterwachsen: Bis 2030 sollen 500 Stück produziert werden und bis zu 300 Menschen hier arbeiten. Enpulsion liefert an Kunden in den USA, Japan, Südkorea, auch Österreich und Europa.

„In Zukunft wollen wir gesamte Mobilitätslösungen für Satelliten anbieten“, erklärt Reissner. Denn noch komme das Steuersystem, das den Satelliten in die richtige Richtung dreht, bevor er angetrieben wird, von anderen Herstellern. Enpulsion will künftig beides liefern. „Das Ausliefern von Antriebssystemen machen wir seit mittlerweile zehn Jahren sehr erfolgreich und sind als eine der wenigen Firmen im Space-Bereich profitabel. Wir verbrennen nicht Investorengelder, um irgendetwas Cooles zu machen, sondern hatten von Anfang an den Anspruch eines Businessmodells, das sich selbst trägt“, sagt Reissner.

Er habe viele seiner Konkurrenten dadurch „verloren“, dass diese ihre Kostenstruktur auf zu schnelles Wachstum ausgerichtet hätten, „mit der Vorstellung 1.000 oder 2.000 Triebwerke pro Jahr zu liefern. Doch es werden ja nur insgesamt 1.000 bis 2.000 Satelliten pro Jahr hochgeschossen und die Hälfte davon gehört Elon Musk, der seine eigenen ­Triebwerke baut. Wir waren da von Anfang an konservativer und sind eher mit dem Kundenbedarf mitgewachsen.“

Der schwierige Weg zum Spin-off

Wobei die erste Hürde für sein Unternehmen zunächst einmal in der Gründung in Form eines Spin-offs der FH Wiener Neustadt lag. In Österreich gebe es zu wenige Ausgründungen aus Universitäten und Hochschulen, lautet oft Kritik, mit Hinweis auf das Vorbild TU München. Sind wir in Österreich zu wenig kreativ? Gibt es zu viel Bürokratie? Fehlt das Geld? Der Mut?

„Ein bisschen von allem“, sagt Reissner. „Österreich ist ein starkes Land bei Forschung und Entwicklung. Es scheitert nicht an Ideen. Aber wir sind kein Unternehmerland und wir haben auch keine Kultur, die Unternehmertum fördert.“ Das heißt in weiterer Folge: „Studierende, die eine gute Idee haben, kommen erst einmal gar nicht auf die Idee, dass sie damit ein Unternehmen gründen könnten. Und wenn doch, werden sie mit allen möglichen Gruselgeschichten abgeschreckt.“

Dazu kommt: „In Österreich haben wir das Problem mit dieser Neidgesellschaft. Ich sehe immer wieder Start-ups, die über die Frage stolpern, wem sie etwas wegnehmen. Man wird ja womöglich später Millionär mit einer Idee, die jemand anderer hatte.“

Problem Beihilferecht

Enpulsion war das erste Spin-off der FH Wiener Neustadt, „ein ganz schwieriger Prozess für beide Seiten“, erinnert sich Reissner. Eineinhalb Jahre haben er und die FH daran getüftelt, „dann kam ein Investor und hat gesagt, was ihr euch da ausgemacht habt, funktioniert nicht“. Ein Problem sei zum Beispiel das Beihilferecht, das Vorgaben macht, wie Know-how, das an einer Uni mit Steuergeld entstanden ist, kommerzialisiert werden darf. Sprich: Gründer brauchen zunächst einmal Spezialisten für diese komplexe Rechtsmaterie.

Reissner sagt: „Wenn du ein Student mit einer guten Idee bist, erklärt dir der erste Anwalt: ,Achtung, es gibt Probleme mit dem Beihilferecht.‘ Der nächste sagt: ,Du musst eine Lizenz mit der Uni machen.‘ Der dritte sagt: ,Wenn du in Konkurs gehst, darfst du zwei Jahre lang kein Unternehmen mehr gründen.‘ Dann kommt noch jemand und sagt: ,Du findest sicher keine Mitarbeiter.‘ Und dann sagt der Student: ,Dann gehe ich halt in eine Firma und lasse mich dort anstellen.‘ Für den Unternehmensstandort Österreich ist das nicht gerade hilfreich.“

Fazit: „Es braucht viele Helfer zur Gründung eines Start-ups.“ Er selbst, so Reissner, habe über das Gründerservice des Landes Niederösterreich zu den richtigen Beratern gefunden. An der als Vorbild genannten TU München gebe es ein ganzes Ökosystem, das Studierende und erfolgreiche Gründer zusammenbringe bzw. finanzielle Starthilfen leiste.

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Das Arbeitsgewand der Satellitenantriebsbauer: Das Zeichen markiert ESD-Kleidung, die elektrostatische Entladungen verhindert.

 © Matt Observe

Land der Zulieferer

Mitarbeiter holt Reissner heute dort, wo andere Industriebetriebe einsparen müssen. Von KTM zum Beispiel, wie er erzählt, und von anderen österreichischen Betrieben aus dem Automotivbereich, die als Zulieferer gerade unter dem Schwächeln der deutschen Automobilindustrie leiden.

Dass Österreich heute einen wachsenden Weltraumsektor hat, fußt für Reissner auch auf der Tradition der terrestrischen Zulieferer im Auto-, Bahn- und Luftfahrtsektor. „Da gibt es viele Hidden Champions. Aber jetzt sind wir in einer Situation, wo diese Märkte eher stagnieren oder schwächeln. Gleichzeitig bauen wir aber unglaublich viel Infrastruktur im Weltraum. Dafür kann man die Erfahrungen dieser Zulieferindustrie nutzen. Denn in Wahrheit waren wir im Weltraumsektor bis vor ein paar Jahren eine Wissenschafts- und Pionier-Community.“

Was hingegen eher nicht passiert: Dass Autozulieferer auf Weltraumindustrie umsatteln. „Im Automotivbereich liefert man Millionen von Stückzahlen, kosteneffizient, aber es ist völlig egal, wenn die ersten 200 Stück unglaublich teuer sind, weil sie umfassend getestet werden müssen. Im Weltraumbereich geht es insgesamt nur um ein paar tausend Stück mit hohen Zuverlässigkeitsanforderungen und man muss trotzdem Skalierungseffekte hineinbringen.“

Ausnahme: Ein Land wie Deutschland investiert Milliarden in den Space-Infrastrukturbereich. „Da haben große Zulieferer wie Rheinmetall dann genug Anreiz, umzurüsten. In Österreich ist der Markt zu klein, um große Firmen umzupolen. Dafür haben dann aber auch kleinere Firmen wie wir, die in den letzten zehn Jahren entstanden sind, die Chance, sich zu positionieren.“

Hilfreich dabei, Fuß zu fassen, ist die Tatsache, dass Österreich am europäischen Weltraumprogramm ESA teilnimmt, und jenes Budget, das hier eingezahlt wird, in Form von Aufträgen für bzw. Teilnahme an Weltraumprojekten zurückkommt. „Das hat aber auch den gefährlichen Effekt, dass man nicht unbedingt kompetitiv sein muss am Markt bzw. dass jene, die kompetitiv sind, nicht mehr zurückholen können, als Österreich eingezahlt hat.“ Österreich müsse dennoch mehr ins ESA-Budget stecken, sagt Reissner, und Geld dafür müsse auch aus dem Infrastrukturbudget kommen und nicht nur aus dem Wissenschaftsbudget.

Europa muss im All wachsen

Zu tun gäbe es genug für Unternehmen im Weltraum. Zunächst deshalb, weil Europa unabhängiger von den USA werden will. Wo sieht Reissner die größten Notwendigkeiten? „Wir haben momentan keinen sinnvollen Zugang zum All. Es fehlt die europäische Antwort auf Elon Musks SpaceX, um selbst Satelliten ins All bringen zu können.“

Europa sei in den Bereichen Erdbeobachtung und Navigation gut aufgestellt. „Wo wir aber ganz schwach sind, weil wir uns lange zu 100 Prozent auf die USA verlassen haben, ist alles, was das Thema Verteidigung betrifft. Die USA haben die Synergie zwischen ziviler und militärischer Nutzung immer massiv vorangetrieben, während wir in Europa immer nur den zivilen Bereich bedient haben.“

Rein technologisch ließe sich der Rückstand rasch aufholen. „Die Frage ist, wie schnell wird wie viel Geld investiert.“ Aufgrund seiner Regulatorien und der Tatsache, dass bei Entscheidungen in der EU 27 Mitgliedsländer mitreden, geht es langsamer als in den USA, wo man private Player, hoch subventioniert, machen lässt. „Wie Europa es macht, muss aber nicht unbedingt schlecht sein, wenn man bedenkt, wie viel kritische Infrastruktur in den USA in privater Hand ist“, meint Reissner.

Wer räumt den Weltraum auf?

Platz für staatlich oder kommerziell genutzte Satelliten gibt es im All genug. „Man könnte Millionen hinaufschicken. Nur nicht auf die Art und Weise, wie wir es jetzt tun“, sagt Reissner. Denn heute seien diese in ihrer Steuerungsfähigkeit so beschränkt, dass jeder für sich sehr viel Platz und freie Bahn braucht.

Satelliten müssten so navigierbar sein, dass sie auch in wenigen Metern Entfernung mit einer Geschwindigkeit von Tausenden km/h aneinander vorbeifliegen können. „Wir brauchen Verkehrsregeln für den Weltraum. Und: Wir müssen sicherstellen, dass alle Satelliten fit for the road sind, also eine Art Prüfpickerl haben.“

Es ist einiges wegzuräumen von den Sünden der Vergangenheit

Alexander Reissner
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 © Matt Observe

Was aber noch vor allen hochfliegenden Plänen passieren muss: „Es ist einiges wegzuräumen von den Sünden der Vergangenheit.“ Experten schätzen, dass 8.000 Tonnen Weltraumschrott herumfliegen. „Die herunterzuholen, ist teuer, und vor allem muss man sich erst einmal darauf einigen: Wer räumt dort oben auf? Wer zahlt die Müllabfuhr? Das ist eine geopolitische Problematik. Im All gibt es per Definition keine Grenzen. Man überfliegt alle Länder permanent. Also kann es nur eine globale Lösung geben. Da sehe ich in der heutigen Zeit die größten Schwierigkeiten.“

Die große Frage ist für Reissner: „Wird man das Problem lösen oder wird man den Orbit so lange zumüllen, bis es kracht, und man dann viele Jahrzehnte braucht, um ihn wieder nutzbar zu machen?“

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 21/2026 erschienen.

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