ABO

Boehringer positioniert sich bei Abnehmspritzen

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
5 min
Markt für Abnehmspritzen wird immer größer
Der Pharmakonzern Boehringer Ingelheim hat mit seinem Hoffnungsträger Survodutid einen wichtigen Schritt in den milliardenschweren Markt für Abnehmmedikamente gemacht. In einer entscheidenden Phase-3-Studie verloren übergewichtige Probanden ohne Typ-2-Diabetes mit der Abnehmspritze innerhalb von 76 Wochen im Schnitt 16,6 Prozent ihres Körpergewichts, wie das Familienunternehmen am Dienstag mitteilte. In der Placebo-Gruppe lag der Gewichtsverlust bei 3,2 Prozent.

von

Damit bringt sich Boehringer weiter in Stellung für einen Markt, der bisher vom dänischen Pionier Novo Nordisk mit Wegovy und dem US-Pharmakonzern Eli Lilly mit Mounjaro dominiert wird. Während der Gewichtsverlust mit Survodutid in einer ähnlichen Größenordnung wie bei Wegovy liegt, reicht er nicht an die Spitzenwerte von Eli Lillys Mounjaro heran.

Boehringer-Chef Shashank Deshpande sieht darin jedoch keinen Nachteil für den späten Einstieg. "Wir wussten ja, dass wir etwas später auf den Markt kommen werden, aber mit der Glukagon-Komponente in Survodutid haben wir uns die Möglichkeit geschaffen, uns zu differenzieren", sagte er der Nachrichtenagentur Reuters. Das Medikament sei bewusst nicht auf den Massenmarkt für kurzfristige Lifestyle-Abnahmen ausgerichtet. "Wenn Sie einfach nur vor dem Strandurlaub zehn Wochen vorher mal ein paar Kilo verlieren wollen, dann bin ich mir nicht sicher, ob das die Patienten sind, die wir am besten bedienen können."

Boehringer setze stattdessen auf die Qualität des Gewichtsverlusts und auf Patienten mit Begleiterkrankungen. Erste Analysen zeigten, dass vor allem Fettgewebe abgebaut und die Muskelmasse weitgehend erhalten bleibe. Survodutid ist ein sogenannter dualer Agonist, der zwei Wirkmechanismen kombiniert: Die GLP-1-Komponente zügelt den Appetit und verstärkt das Sättigungsgefühl. Der Glukagon-Teil soll dagegen direkt in der Leber wirken, um dort Fett abzubauen, den Stoffwechsel zu regulieren sowie Entzündungen und Gewebeverhärtungen zu lindern.

Das Medikament richte sich daher gezielt an Patienten, die schädliches Bauchfett verlieren wollen oder bereits an Lebererkrankungen wie MASH leiden. Bei Letzterem hatte Survodutid in einer Phase-2-Studie bereits bei bis zu 83 Prozent der Patienten zu einer signifikanten Verbesserung geführt. "Es wird auch Patienten geben, die sicherlich etwas anderes versuchen wollen, weil wir eben den Fokus auf viszerales Fett und Leberfett legen", erklärte Deshpande. Die Nebenwirkungen wie Magen-Darm-Beschwerden fielen laut Boehringer mild bis mittelschwer aus und entsprachen denen anderer Medikamente dieser Klasse.

Konkrete Ziele für den angestrebten Marktanteil wollte Deshpande anders als etwa Konkurrent Roche - ebenfalls ein Nachzügler auf diesem Markt, der offen einen Platz unter den Top drei anstrebt - nicht nennen. Aussagen dazu seien Spekulation und stark von der Preisentwicklung abhängig. Er teile jedoch die Einschätzung von Analysten, dass der weltweite Markt für Abnehmmedikamente auf bis zu 150 Milliarden Dollar (127,7 Mrd. Euro) anwachsen könne. Weltweit sind Schätzungen zufolge mehr als eine Milliarde Menschen von Fettleibigkeit betroffen. "Der Markt ist so groß und es gibt viele Patienten, die bereits andere Therapien angewendet haben. Insofern mache ich mir keine Sorgen, dass wir diese Patienten nicht ansprechen können", sagte Deshpande. Zugleich rechnet er mit zunehmendem Preisdruck durch neue Wettbewerber und aufkommende Generika.

Im Bereich Stoffwechselerkrankungen will es Boehringer nicht bei Survodutid belassen. Ein neuartiger Dreifach-Agonist, der mehrere Stoffwechselwege gleichzeitig anspricht, soll im Laufe dieses Jahres in die Phase-2-Entwicklung gehen. Zudem arbeitet der Konzern an oralen Alternativen zu Abnehmspritzen - ein Feld, in dem Novo Nordisk und Eli Lilly bisher ebenfalls vorne liegen. Mit Blick auf die globale Pharmapolitik und den Druck der US-Regierung auf die Medikamentenpreise warnte Deshpande davor, dass Europa den Anschluss verlieren könnte. Wenn die Erstattung für neue Medikamente in Europa zu restriktiv bleibe, drohe eine Abwanderung der Industrie. "Es muss uns allen klar sein, dass hier sicherlich die Zukunft der Pharmaindustrie ein Stück weit auf dem Spiel steht."

Die vollständigen Daten der Studie mit Survodutid will Boehringer Ingelheim im Juni veröffentlichen. Einen konkreten Zeitpunkt für den Zulassungsantrag nannte das Unternehmen zunächst nicht. Der Fokus liege nun auf der Auswertung der Daten, die Einreichung bei den Behörden solle aber so zügig wie möglich erfolgen. Boehringer hat Survodutid vom dänischen Partner Zealand Pharma einlizenziert. Die Zusammenarbeit der beiden Unternehmen begann bereits im Jahr 2011. Boehringer ist jedoch allein für die weltweite Entwicklung und Vermarktung des Medikaments verantwortlich.

ERFURT - DEUTSCHLAND: FOTO: APA/APA/dpa/Sebastian Kahnert

Über die Autoren

Logo
Ähnliche Artikel
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER