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Wollners "Everytime": Ein ruhiges Monument der Trauer

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Drei zwischen Zukunft und Vergangenheit
©The Barricades, Panama Film, Gregory Oke, APA
Mit einem Werk der Trauer, nicht des Schocks des Verlustes, hat sich die österreichische Regisseurin Sandra Wollner bei den laufenden Filmfestspielen von Cannes in der Sektion Un Certain Regard zu Wort gemeldet. "Everytime" ist eine über weite Strecken stille Arbeit, in der Birgit Minichmayr eine unüblich unaufgeregte Interpretation als Mutter abliefert, die mit dem Tod ihrer Tochter konfrontiert ist.

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Minichmayr spielt Ella, die in Berlin mit ihren beiden Töchtern Jessie (Carla Hüttermann) und Melli (Lotte Shirin Keiling) in einfachen, aber glücklichen Verhältnissen lebt - bis Jessie im Drogenrausch mit ihrem Freund Lux (Tristán López) verunglückt. Zeitsprung auf das Danach. Lux kehrt von einem Auslandsaufenthalt zurück, das Leben in Berlin ist scheinbar in ruhigen Bahnen weitergegangen, und doch hat Jessie eine Lücke hinterlassen.

Ella und Lux versuchen über die Generationen hinweg, mit der Trauer fertig zu werden. Am Ende brechen beide mit Melli zusammen zu jenem Familienurlaub nach Teneriffa auf, den Jessies Tod verhindert hatte. Und hier setzt die in Leoben geborene, aber in Berlin lebende Wollner auf die völlige Abkehr vom bis dahin etablierten Duktus.

Bis zur Ankunft in Spanien dominierte die hyperauthentische Schilderung eines Lebens mit Verlust, eines Lebens nach der Katastrophe. Die Filmemacherin interessiert nicht der Schock, sondern die Trauer, die auf diesen folgt.

Nicht zuletzt dank der ebenso uneitlen wie herausragenden Schauspielleistung von Birgit Minichmayr und Jungstar Tristán López gelingt "Everytime" ein Blick auf Menschen, die mit einer Lücke in ihrem Sein neu leben lernen müssen. Einer Lücke, die sie nicht mit Vorwürfen zu füllen suchen und die sich in einem voller Detailliebe geschilderten Alltag manifestiert. Geweint wird wenig und spät in "Everytime".

Wollner, die ihr vergangenes Werk "The Trouble with Being Born" bei der Berlinale zur Weltpremiere gebracht hatte, interessiert als Regisseurin wie als Drehbuchautorin nicht das Offensichtliche, das Aufgelegte, das genau aus diesem Grunde nicht gezeigt werden muss. Sie arbeitet mit Leerstellen. Auch Jessies Todessturz ist ein cinematografisches Meisterstück aus langem Zoom und ruhigem Schwenk.

Der völlige Wechsel dieser etablierten Tonalität hin zum Surrealen, Symbolistischen auf Teneriffa, die Abkehr von der psychologischen Mikrostudie dreier Menschen hin zum Kunstkino, kann man mögen und machen. Muss man aber nicht.

(Von Martin Fichter-Wöß/APA)

(S E R V I C E - www.festival-cannes.com/en/f/everytime/ )

WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/The Barricades/Panama Film/Gregory Oke

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