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In den nächsten Monaten feiern "K&D" live den 30er ihrer 1996 herausgekommenen Scheibe "DJ-Kicks". Mit der Show gastiert das DJ- und Produzentenduo am 20. August für ein Arena Open Air in Wien, danach geht es weiter nach Deutschland und in die USA. Bereits am Freitag erscheint der Re-Release von "DJ-Kicks" in einer remasterten Continuous-Mix-Version und im speziellen Boxset mit drei Vinyl-LPs heraus. Aus diesem Anlass gaben der gelernte Friseur Kruder (Jahrgang 1957) und der studierte Flötist und Gitarrist Dorfmeister (Jahrgang 1958) inmitten von Auftrittsverpflichtungen zwischen Deutschland und UK der APA in einem schriftlichen Interview Auskunft über wochenlanges Tüfteln an Bassläufen, das Nein-Sagen trotz großer Schecks und Wien als vormalige "Blase der Glückseligkeit".
APA: 30 Jahre nach der Erstveröffentlichung kommen die "DJ-Kicks" nun als Re-Release heraus. Sind Sie empfänglich für Nostalgie?
Peter Kruder und Richard Dorfmeister: Eher für Kontinuität. Nostalgie verklärt oft Dinge, die technisch eigentlich nicht gut waren. Wir hören uns das Material lieber mit einem aktuellen Ohr an: Hat der Groove die richtige Spannung etc.? Die "DJ-Kicks" war für uns ein Moment, in dem alles zusammenkam - das bündeln wir jetzt einfach neu, ohne im Gestern stecken zu bleiben.
APA: Wie geht es Ihnen beim Wiederhören - ist das Material durch die Bank gut gealtert?
K&D: Qualität altert nicht, sie reift. Wir haben damals Wochen damit verbracht, einen einzigen Basslauf so zu platzieren, dass er nicht nur wummert, sondern atmet. Diese Detailarbeit zahlt sich heute aus. Die Frequenzen sitzen immer noch da, wo sie hingehören.
APA: Welchen Stellenwert hat das Album rückblickend im Schaffen bzw. in der Karriere von K&D?
K&D: Es war der Beweis, dass man als DJ eine Story erzählen kann, die über das bloße Zusammenmischen von Tracks hinausgeht. Es war unser Ticket in die Welt, weg vom lokalen Phänomen hin zu einer globalen Ästhetik.
APA: "DJ-Kicks" war Ihr zweites Album nach der Debüt-EP "G-Stoned" aus 1993. Können Sie sich noch erinnern, wie Sie an die Sache rangegangen sind und welchen Zeitgeist dieser Sound bannen sollte?
K&D: Wien war damals eine Insel. Wir wollten die Hektik der frühen 90er-Techno-Welle gegen eine tiefe, dubbige Langsamkeit eintauschen. Es ging um das "Slow Down" - nicht als Wellness-Konzept, sondern als radikale musikalische Entscheidung.
APA: Angeblich haben Sie während der Entstehungszeit von "DJ-Kicks" Remix-Anfragen von Bowie und U2 abgelehnt. Woher kam dieses riesige Selbstbewusstsein?
K&D: Das war kein Übermut, das war Selbstschutz. Wenn du merkst, dass du aus einem Track nichts machen kannst, was deinen eigenen Standard erfüllt, dann musst du Nein sagen. Auch wenn der Scheck groß ist. Unsere Freiheit war uns da immer wichtig!
APA: Was muss ein guter Remix können?
K&D: Er muss das Original vergessen machen und gleichzeitig seine Seele behalten. Wir haben oft alles weggeschmissen außer einer Vocal-Spur und dann eine völlig neue Architektur darunter gebaut. Ein Remix ist bei uns eine Neukomposition.
APA: Inwiefern geht ein Remix, der ja eine Neuabmischung eines bereits vorhandenen Songs ist, überhaupt als eigenständiges Kunstwerk durch?
K&D: Schauen Sie sich die "K&D Sessions" an. Viele Leute wissen gar nicht, wie die Originale klingen. Wenn die Handschrift des Produzenten stärker ist als die Vorlage, dann ist es Kunst.
APA: K&D haben Wien Mitte der 90er zu so etwas wie der Welthauptstadt der elektronischen Musik gemacht. Wie haben Sie Wien in der Zeit, als Sie angefangen haben, selbst erlebt?
K&D: Es war eine Blase der Glückseligkeit. Wir konnten im Studio tüfteln, am Abend in den Club gehen und hatten nie das Gefühl, irgendjemandem etwas beweisen zu müssen. Diese Unbeschwertheit war der ideale Nährboden.
APA: Dieser Wiener Elektroniksound war bald ein international angesagtes Label. Gibt es etwas Wienerisches in diesem Sound oder hätte diese Musik überall anders auch entstehen können?
K&D: Diese gewisse "Lässigkeit" und die Melancholie. Es ist das Tempo einer Stadt, die sich weigert, sich zu hetzen. Das kriegst du in London oder New York so nicht in die Rille gepresst.
APA: Hatte dieser unglaubliche Hype damals auch Schattenseiten?
K&D: Dass man plötzlich zur Marke wird. Wir mussten aufpassen, dass wir vor lauter Tourneen und Anfragen nicht das verlieren, was uns ausmacht: das stundenlange, obsessive Arbeiten am Sound im stillen Kämmerlein.
APA: Kritiker monieren, dieser Slowbeat-Sound sei bald zu einer sedierenden Klangtapete geworden, zum Klischee der Wiener Café-Bar-Musik. Ist da was dran?
K&D: Erfolgreiche Musik wird immer dort gespielt, wo viele Menschen sind. Dass unser Sound in Bars funktioniert, ist kein Makel. Aber die Komplexität unserer Produktionen geht weit über "Hintergrundmusik" hinaus. Man muss nur hinhören.
APA: Vor zwei Jahren wurden die "K&D Sessions" neu herausgebracht, jetzt kommen die "DJ-Kicks". Ist es mit zunehmendem Alter ok, sein eigener Nachlassverwalter zu sein?
K&D: Es ist notwendig. Wir wollen sicherstellen, dass die Pressungen stimmen, das Artwork passt und der Sound die Dynamik hat, die wir uns vorstellen. Wenn du es nicht selbst machst, macht es irgendwer, dem das Herzblut fehlt.
APA: Sie sind gerade international auf Tour und bespielen große Venues. Visuals sind ein wichtiges Element bei den Live-Auftritten. Genügt die Musik allein nicht?
K&D: In einem Club mit 200 Leuten reicht das Licht einer alten Taschenlampe. Aber in einer großen Halle ist es eine audiovisuelle Reise. Die Visuals sind für uns eine zusätzliche Spur, die die Musik räumlich macht. Und schon seit den 90ern sind Visuals Teil unserer Performances.
APA: Ist das Publikum mit Ihnen mitgealtert oder gibt es eine junge Generation, die K&D neu entdeckt hat?
K&D: Beides. Es ist faszinierend zu sehen, dass 20-Jährige bei unseren Sets in der ersten Reihe stehen. Qualität scheint über Generationen hinweg zu funktionieren, weil dieser Dub-Vibe etwas Universelles hat.
APA: Man sagt jungen Menschen heute nach, sie würden weniger ausgehen, weniger trinken, selbstoptimierter sein. Was macht das mit der Clubkultur?
K&D: Die Leute heute sind bewusster, was okay ist. Aber der Club war für uns immer ein Ort der Auflösung. Wir versuchen, diesen Raum der Freiheit mit unserem Sound auch heute noch aufzumachen - egal, wie die Leute draußen ticken.
APA: Sie arbeiten seit dreieinhalb Jahrzehnten - mit einer Pause von 2012 bis 2017 - durchgehend zusammen. Wie ist das Verhältnis zwischen Freundschaft und Business?
K&D: Wir sind wie ein altes Ehepaar, das gemeinsam ein hochkomplexes Uhrwerk baut. Wir brauchen keine Worte mehr, um zu wissen, ob ein Beat sitzt. Das Business ist das Gerüst, aber der Kern ist blindes Vertrauen.
APA: Sie sind Träger des Goldenen Wiener Verdienstzeichens und vertreiben Ihren eigenen Wein. Was kann jetzt noch kommen?
K&D: Musik. Immer weiter Musik. Alles andere ist schöne Begleitmusik zum Leben, aber im Studio zu sitzen und diesen einen Moment zu finden, wo der Groove lebt - das ist unschlagbar.
(Die Fragen stellte Thomas Rieder/APA)
(S E R V I C E - https://kruderdorfmeister.com/ )





