Die Beinahe-Schließung der Beratungsstelle ZARA wirft Fragen nach dem politischen Stil und der Unabhängigkeit von NGOs auf. ZARA-Vorstandsmitglied Dieter Schindlauer beantwortet sie im News-Interview.
Jahrelang förderte der Bund die Opferschutzstelle ZARA – Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit. Damit ist, laut ÖVP aus budgetären Gründen, nun Schluss. Der Förderstopp traf den Verein völlig unvorbereitet und mit unmittelbaren Konsequenzen – es folgten Kündigungen und ein massiver Einschnitt bei der Beratung von Opfern von Hass im Netz.
Vorstandsmittglied Dieter Schindlauer sprach mit News über die finanzielle Abhängigkeit von NGOs, die Bedeutung des zivilgesellschaftlichen Opferschutzes und über die Frage, was passiert, wenn öffentliche Aufgaben ausgelagert werden.
Herr Schindlauer, durch den Förderungsstopp der Familienministerin Claudia Bauer (ÖVP) mussten Sie vorsorglich alle Mitarbeitenden kündigen. Wie sieht der Arbeitsalltag bei ZARA gerade aus?
Die Kündigungen sind ausgesprochen und die Fristen laufen, was bedeutet, dass vorerst alle weiterarbeiten. Dennoch herrscht bei uns große Unsicherheit. Wir befinden uns jetzt in einem Relaunch und bereiten Anträge in verschiedenen Ministerien vor, um den Betrieb ordnungsgemäß abzuwickeln. Da der Vorstand parallel zu den laufenden Jobs ehrenamtlich tätig ist, ist das Krisenmanagement in diesem Ausmaß, sagen wir, herausfordernd. Wie es konkret weitergeht, ist gerade noch nicht klar.
Was bedeutet das für Opfer von digitaler Gewalt, die bei Ihnen anrufen – erreichen die noch jemanden?
Sie erreichen schon jemanden, aber im Moment können wir Fälle jedoch nur dokumentieren und keine kostenlose Beratung oder Prozessbegleitung anbieten. Durch die mediale Präsenz sind die Meldungen massiv angestiegen. Dass wir jetzt nur gedrosselt arbeiten können, ist bitter, denn diese Hilfe ist das Herzstück unserer Arbeit. Wir hoffen jedoch, in etwa zwei Wochen wieder voll operativ arbeiten zu können.
Der Förderstopp erreichte Sie erst im April, rückwirkend für das laufende Jahr. Wie konnte es dazu kommen?
Der Stopp war ein massiver Schock. Bei der Weise, wie Hass im Netz gerade überall thematisiert wird, haben wir gar nicht damit gerechnet, dass wir keine Förderung mehr erhalten. Das war keine beidseitige Kommunikation, sondern eine einseitige Entscheidung. Unser Antrag stammt vom Oktober des Vorjahres. In der Vergangenheit wussten wir Ende des Jahres bereits, wie es weitergeht.
Was war anders?
Diesmal hieß es, man müsse die Entscheidung einer neuen Taskforce abwarten – wir sind eigentlich stärker als sonst davon ausgegangen, dass alles funktioniert. Da wir ohnehin die ersten drei Monate zwischenfinanzieren müssen und laufende Arbeitsverträge mit Fristen haben, ist durch die späte Absage eine Finanzierungslücke von mindestens fünf Monaten entstanden. Nur dank der vielen Spenden konnten wir die Zahlungsunfähigkeit bisher abwenden. Die meisten NGOs wären wahrscheinlich komplett eingegangen.
Mit 300.000 Euro lässt sich keine komplette Beratungsstelle betreiben
Die Ministerin argumentiert, ZARA mache keine „Familienpolitik im engeren Sinne“. Was entgegnen Sie diesem Politikverständnis?
Wir wurden bisher innerhalb des Bundeskanzleramts zwischen verschiedenen Zuständigkeiten hin- und hergeschoben. Natürlich ist Hass im Netz nicht primär ein Familienthema, aber eine Förderung mitten im Jahr und ohne Alternativen zu streichen, das kam unerwartet. Es kann auch nicht unsere Aufgabe sein, immer wieder rauszufinden, wer sich gerade zuständig fühlt. Auch der Vorwurf der Doppelförderung ist Blödsinn. Mit 300.000 Euro lässt sich keine komplette Beratungsstelle betreiben; wir müssen immer zusätzliche Gelder und Projekte akquirieren, um das Personal überhaupt halten zu können. Jede Stunde wird bei uns genau belegt und darf nur einmal abgerechnet werden und das ist auch richtig so.
Über die Hälfte Ihres Budgets 2024 stammt aus öffentlichen Mitteln. Müssten Sie finanziell nicht breiter aufgestellt sein?
Klar würden wir das gern, aber diese Vorstellung greift zu kurz. Wir konnten bereits die ersten sechs Monate, die wir in Vorleistung gegangen sind, durch Spenden finanzieren – das entspricht etwa einem halben Jahresbudget. Gleichzeitig sind zusätzliche Projektförderungen weggefallen, zum Beispiel aus EU-Programmen. Wir haben heuer ungewöhnlich viele Spenden erhalten, sonst wäre der Betrieb bereits eingestellt. Dennoch gilt: Spenden sind nicht planbar und können strukturelle Finanzierung nicht ersetzen. Der Wegfall von rund 300.000 Euro macht daher einen massiven Unterschied. Die Kosten laufen weiter, das Geld ist teilweise bereits eingeplant. Wenn es dann nicht kommt, gerät das gesamte System ins Wanken.
Ist ZARA dann überhaupt eine „unabhängige“ NGO?
Finanziell besteht eine Abhängigkeit, ja. Inhaltlich nicht – in den letzten acht Jahren hat sich nie ein Ministerium in unsere Arbeit eingemischt oder uns Vorschriften gemacht. Wir wollen auch gar nicht zu 100 Prozent vom Staat abhängen, weshalb wir uns breiter aufstellen möchten. Aber professionelle Beratung, wie wir sie anbieten, lässt sich nicht allein über Spenden finanzieren.
Gibt es einen vollwertigen Ersatz für die Arbeit von ZARA im Bereich „Hass im Netz“?
Nein. Vor allem unsere Niederschwelligkeit fehlt: Menschen wenden sich an uns, die sonst keine Anlaufstelle nutzen würden. Außerdem bearbeiten wir Fälle, die rechtlich schwer greifbar sind, aber für Betroffene sehr belastend. Da geht es auch um Begleitung für Leute, die massiv bedroht, gestört oder gestalkt werden. Ein Posting zu löschen, geht meistens flott, aber damit ist es oft eben nicht getan.


Falls es eine Einigung für die Zeit nach 2026 gibt, dann …
Wäre das gut! Aber danach haben wir wieder das gleiche Problem. Wie oft wir das noch mitspielen, kann ich nicht sagen, weil das wahnsinnig belastend ist. Für die MitarbeiterInnen sowieso, aber auch für uns als Vorstand. Wir haften alle mit unserem Privatvermögen für alles, was da schief geht. Das ist auch ein persönliches Risiko. Dennoch nehme ich die politischen Zusagen jetzt ernst.
Wie schätzen Sie die Zukunft der NGOs in Österreich ein?
Also, noch ist nicht das Worst-Case-Szenario eingetreten, das ist ja schon mal was. Generell gilt jedoch: NGOs entstehen dort, wo es Mangel gibt. Wenn Finanzierung wegfällt, verschwindet oft auch das Angebot. Die zentrale Frage ist daher: Soll der Staat diese Aufgaben selbst übernehmen – oder sie verlässlich zivilgesellschaftlich absichern?
Über ZARA
ZARA – Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit ist ein Verein, der Betroffenen von Rassismus sowie von Hass im Netz juristische und psychosoziale Beratung anbietet. Der Verein besteht seit 1999. 2017 wurde die Beratungsstelle #GegenHassimNetz eingerichtet, die österreichweit kostenlose rechtliche und psychosoziale Unterstützung bietet.
Die Opferschutzstelle ist seit 2010 als spendenabzugsberechtigte Organisation gelistet. Dem Verein wurde 2010 das Spendengütesiegel von der Kammer der Wirtschaftstreuhänder verliehen, wodurch sie sich jährlich einer externen Prüfung unterzieht, um die satzungs- und widmungsgemäße Verwendung der Spendengelder zu bestätigen. Zudem ist der Finanzbericht des Vereins einsehbar.
Seit 2018 wurde der Verein vom Bund mitfinanziert – in den vergangenen Jahren durch das Familienministerium. Im April gab das Ministerium bekannt, die Förderung nicht mehr zu vergeben. Daraufhin kündigten Vizekanzler Andreas Babler und Frauenministerin Eva-Maria Holzleitner (beide SPÖ) an, die ZARA-Förderung für dieses Jahr mit Mitteln aus dem Budget ihrer Ministerien zu übernehmen.
Steckbrief
Dieter Schindlauer
Dieter Schindlauer ist Menschenrechtsexperte, Jurist und Vorstandsmitglied des Vereins ZARA sowie österreichisches Mitglied im European Network of Legal Experts in Gender Exuality and Non-Discrimination. Derzeit leitet er die Implementierung eines EU-Projekts zur Förderung der Rechtstaatlichkeit in Nordmazedonien.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 19/2026 erschienen.






