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Schmucke Orte des Schreckens: Das kontaminierte Erbe der NS-Gebäude

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Im Gebäude am Stubenring 12 waren in der Nazi-Zeit ein Zwangsarbeiterlager und Sammelwohnungen für Jüdinnen und Juden, die in Konzentrationslager verschleppt wurden.©BIK/Matthias Egger

Die BIG lässt ihre Gebäude erforschen. Gefunden haben Historikerinnen und Historiker Häuser mit NS-Geschichte und eine beklemmende Kontinuität. Kasernen, Polizeistationen, Gerichte von heute waren damals Orte des Schreckens. Und hinter schmucken Gründerzeit-Fassaden lagen Sammelwohnungen, aus denen Jüdinnen und Juden ins KZ deportiert wurden.

Mauern können schweigen – sie können aber auch zum Erzählen gebracht werden. „Gebäude sind Kristallisationspunkte der Erinnerungskultur“, sagt Barbara Stelzl-Marx, Leiterin des Ludwig Boltzmann Instituts für Kriegsfolgenforschung und Professorin für Zeitgeschichte an der Universität Graz.

Für ein Forschungsprojekt der Bundesimmobiliengesellschaft BIG hat sie mit ihrem Team erstmals den „historischen Geigerzähler“ an 74 ausgewählte Gebäude im öffentlichen Eigentum gehalten und deren Nutzung in der NS-Zeit untersucht. Was sie gefunden hat? Bis auf zwei Fälle ein „kontaminiertes Erbe“. Hier wurde gefoltert, Zwang ausgeübt, nahmen Deportationen ihren Ausgang.

Und es gibt oft eine fragwürdige Kontinuität in der weiteren Nutzung dieser Bauwerke: Polizeistationen der Nazi-Zeit blieben auch nach dem Krieg Polizeistationen, Kasernen blieben Kasernen, Bezirksgerichte Bezirksgerichte. Man könnte das mit baulichen Gegebenheiten argumentieren. Allerdings blieb oft auch das Personal weitgehend gleich.

In einem anderen Fall zeigt sich die Banalität des Bösen in der Weiternutzung: Die Wiener Prinz-Eugen-Straße 12 war in den 1930er-Jahren die Zentrale der „Österreichischen Turn- und Sportfront“, nach dem Anschluss 1938 Sitz des „Nationalsozialistischen Reichsbundes für Leibesübungen“ – und bald nach dem Krieg einfach das „Haus des Sports“.

Prinz-Eugen-Straße 12, Wien

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Prinz-Eugen-Straße 12, Wien
 © APA-Images / brandstaetter images / Austrian Archives
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 © BIK/Matthias Egger

Für das Heute lernen

Warum es heute wichtig ist, zu wissen, welche Funktion Gebäude in der NS-Zeit hatten und welche Verbrechen dort begangen wurden, erklärt BIG-Geschäftsführer Gerald Beck: „Wir stehen an einem historischen Wendepunkt: Die letzten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sterben. Mit ihnen drohen persönliche Erinnerungen, aber auch historische Warnzeichen zu verblassen. Gleichzeitig erleben wir eine politische Gegenwart, in der weltweit nationalistische Stimmen wieder lauter werden und an verschiedenen Orten der Welt Demokratie in Gefahr gerät. Gerade deshalb ist es entscheidend, Verantwortung zu übernehmen – aus der Vergangenheit zu lernen, um die Zukunft mitzugestalten. Denn nur wer weiß, was geschehen ist, kann verhindern, dass es wieder passiert.“

Für Personen, die hierher mussten, waren das jedenfalls Orte der Angst und oft auch Ausgangspunkt persönlicher ­Katastrophen

Barbara Stelzl-MarxInstitut für Zeitgeschichte an der Uni Graz und Leiterin des Ludwig-Boltzmann-Instituts

Die Historikerinnen und Historiker rund um Barbara Stelzl-Marx sind mit einem Fragenkatalog an die einzelnen Gebäude herangegangen.

Wurde dieser Ort durch eine NS-Behörde genutzt, stand er unter Hoheit der NS-Justiz? Gab es eine erzwungene oder unter Druck erfolgte Eigentumsübertragung? Wurde physische Gewalt angewendet? Gab es Zwangsunterbringung? War der Ort Ausgangspunkt für Deportationen, wurde hier getötet oder wurden hier Menschen in den Tod geschickt?

Wird eine (oder mehrere) dieser Fragen mit Ja beantworten, spricht man von „historischer Kontamination“, ohne diese weiter zu klassifizieren. Denn: „Für Personen, die hierher mussten, waren das jedenfalls Orte der Angst und oft auch Ausgangspunkt persönlicher ­Katastrophen“, so Stelzl-Marx.

Hauptplatz 18, Deutschlandsberg

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Hauptplatz 18, Deutschlandsberg
 © Wien Museum
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 © BIK/Matthias Egger

In Grundbüchern, historischen Archiven, Sekundärliteratur etc. wurden die BIG-Gebäude erforscht. Was dabei zutage kam, kann man auf einer Online-Landkarte nachlesen. Zudem werden vor Ort Gedenktafeln angebracht und ein QR-Code leitet Interessierte zu den weiterführenden Informationen, erklärt BIG-­Geschäftsführerin Christine Donaus.

Informationsveranstaltungen und Dialogforen gibt es für jene Menschen, die in und mit diesen Häusern arbeiten. „Sie sollen die Geschichte gut kennen und ihr Wissen weitergeben“, so Beck. Weiteren Gebäuden würden durch die BIG untersucht, das werde mehrere Jahre in Anspruch nehmen.

„Ich gehe selbst jetzt mit ganz anderen Augen durch die Stadt“, sagt Historikerin Stelzl-Marx. Als Grazerin sei ihr früher nicht bewusst gewesen, in welchem Gebäude sie ihren Pass oder Führerschein abgeholt habe, erzählt sie. Die heutige Polizeidirektion war in der Nazi-Zeit Sitz der Gestapo, der SS, der SA. „Ein Ort des Schreckens, an dem über 40.000 Menschen in die NS-Terrormaschinerie gekommen sind.“

Paulustorgasse 12, Graz

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Paulustorgasse 12, Graz
 © BIK/Matthias Egger
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 © Wien Museum

Oder jenes Gebäude am Stubenring 12, nahe dem Wiener Büro des Instituts für Kriegsfolgenforschung im PSK-Gebäude. Auch hier sei sie oft vorbeigegangen. Heute weiß sie: Wo heute Büros des Landwirtschaftsministeriums sind, waren in der NS-Zeit ein Zwangsarbeiterlager und Sammelwohnungen für Jüdinnen und Juden. „Von hier aus sind vier Schwestern von Sigmund Freud ins KZ Theresienstadt deportiert und ermordet worden.“

Stubenring 12, Wien

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Stubenring 12, Wien
 © BIK/Matthias Egger
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 © Wien Museum
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Familie Freud: Sigmund Freuds Mutter Amalie (1835-1930) und die Schwestern Adolfine und Maria. Sie wurden vom Stubenring 12 ins KZ Theresienstadt deportiert und ermordet.

 © APA-Images / brandstaetter images / Austrian Archives

Für BIG-Geschäftsführerin Donaus ist die Kontinuität der Nutzung dieser Gebäude „ein wesentlicher Aspekt, wa­rum wir uns mit dem Thema befassen. Die Mauern unserer Gebäude sind teilweise jahrhundertealt und haben mehrere Staatsformen und Regierungssysteme überdauert – oft mit den gleichen Menschen, oft war aber auch ein und derselbe Mensch über Nacht plötzlich auf der anderen Seite. Diese Vorstellung ist durchaus beklemmend. Deswegen wird man ein Gebäude nicht abbrechen, aber wir haben den Auftrag, uns mit seiner Geschichte zu befassen und sie zu erzählen.“

Sie verweist aber auch auf positives Beispiel der heutigen Nutzung. Das Palais Epstein war in der NS-Zeit Sitz des Reichsbauamts. 1998 wurde es von der BIG angekauft. Seither nutzt es das Parlament, etwa für eine Demokratiewerkstatt für Kinder und Jugendliche.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 19/2026 erschienen.

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