Das Ende einer Weltmarke? Amazon-Milliardär Bezos spart ein paar Millionen, um die Trump-kritische Presse mundtot zu machen
©IMAGO/BONNIE CASHDer Herausgeber ist zurückgetreten, kurz nach der Bekanntgabe von Massenentlassungen. Wie Eigentümer Jeff Bezos steht er in der Kritik. Doch für die Verluste gibt es tiefer liegende Gründe.
von Annett Meiritz
Zuerst erschienen im Handelsblatt, am 8.2.2026
Alle Drähte zur „Washington Post“ kappen – unter dieser Betreffzeile wird im wohlhabenden Nordwesten der US-Hauptstadt seit Tagen darüber diskutiert, ob man sein Abo der „Washington Post“ kündigen müsse. In der Gegend leben viele Menschen über 70 mit guter Rente und üppigen Vorgärten. In vielen davon liegt allmorgendlich noch die in Plastik eingeschweißte Printausgabe der „Wapo“. Bald dürften es weniger sein.
„Die Journalisten der ‚Wapo‘ müssen sich der Tatsache stellen, dass sie jetzt für eine korrupte Organisation arbeiten“, schreibt ein Anwohner. Er habe sein Abo gekündigt, obwohl er dafür drei Stunden in der Warteschleife hing. Andere warnen, gecancelte Abos schadeten nur den verbliebenen Journalisten, nicht Eigentümer Jeff Bezos.
Anhand der Debatte merkt man schon: Es gibt keine eindeutigen und einfachen Antworten, wenn es um das Schicksal eines der renommiertesten internationalen Medienhäuser der Welt geht. Die „Washington Post“ war einmal die Zeitung mit den Enthüllungen zum Watergate-Skandal* (1972) oder zum Whistleblower Edward Snowden (2013). Heute ist sie ein Verlustgeschäft und kämpft ums Überleben.
Watergate:
Die Reporter Bob Woodward und Carl Bernstein deckten 1972 auf, dass hinter dem Watergate-Einbruch eine von Präsident Richard Nixon gesteuerte Spionage- und Vertuschungsaktion stand. Der Skandal zwang Nixon 1974 zum Rücktritt und brachte der Washington Post 1973 den Pulitzer-Preis.
Viele in den USA machen Amazon-Gründer Bezos*, der die Zeitung vor zwölf Jahren für rund 250 Millionen Dollar kaufte, dafür verantwortlich. Geld spiele für den Multimilliardär keine Rolle, schimpfte der linke Senator Bernie Sanders. „Er hat 75 Millionen Dollar für den Melania-Film und 500 Millionen Dollar für eine Jacht ausgegeben, um zu seiner 55 Millionen Dollar teuren Hochzeit zu segeln“ – aber für die 300 entlassenen Mitarbeiter, darunter Auslandskorrespondenten in Deutschland und im Nahen Osten, habe es nicht mehr gereicht.
Jeff Bezos
Jeff Bezos übernahm die Washington Post von der Familie Graham, deren Unternehmen „The Washington Post Company" die Zeitung von 1948 bis 2013 kontrollierte. Diese Holding ging ursprünglich auf den Verleger Eugene Meyer zurück, der die Post 1933 erworben hatte.
Die wirtschaftlichen Probleme reichen jedoch weiter zurück. Der Höhepunkt der Digitalabonnements lag Anfang 2021 bei rund drei Millionen, am Ende von Donald Trumps erster Amtszeit als US-Präsident. Diese Digitalabozahlen sanken danach kontinuierlich oder stagnierten bestenfalls. Die Printauflage ist inzwischen auf unter 100.000 Exemplare täglich gefallen. Bereits im vergangenen Jahr wurde Personal über Abfindungen reduziert.
Forciert wurde der jüngste Sparkurs vom britischen Herausgeber Will Lewis. Wie am Wochenende bekannt wurde, trat Lewis im Zuge des neuerlichen Kahlschlags zurück. Übergangsweise übernimmt Finanzchef Jeff D’Onofrio die Leitung. Der Wechsel deutet auf einen größeren Umbau hin.
Lewis, früher Manager bei Dow Jones und Herausgeber des „Wall Street Journal“, sollte bei der „Washington Post“ Leserschwund und zweistellige Millionenverluste stoppen. Bei seinem Amtsantritt sagte er: „People don’t read your stuff anymore“ („Die Leute lesen euer Zeug nicht mehr“). Er plante einen „dritten Newsroom“ für Menschen, die keine klassischen Nachrichten konsumieren, aber informiert bleiben wollen.


Zurückgetreten. Will Lewis, Bezos’ Exekutionsorgan bei der „Washington Post“, feuerte erst ein Drittel der Belegschaft und machte sich dann davon. Sein Werk ist getan.
© Bloomberg via Getty ImagesLewis war zwei Jahre auf seinem Posten. Das ist ein in den USA nicht untypischer Zeitraum, in dem Manager beweisen müssen, dass sie eine Kehrtwende schaffen. Der Niedergang ließ sich jedoch kaum aufhalten – auch wegen politischer Entwicklungen und Bezos’ Verhältnis zu Trump.
Libertäre Ausrichtung
Kurz vor der Präsidentschaftswahl 2024 untersagte Bezos eine Wahlempfehlung für die Kandidaten Kamala Harris oder für Trump. Viele Leser interpretierten dies als indirektes Entgegenkommen gegenüber Trump. Rund 250.000 Digitalabonnenten kündigten daraufhin, fast zehn Prozent der Abobasis. Nach Trumps Amtsantritt verordnete Bezos dem Meinungsteil der „Washington Post“ eine mehr libertäre Ausrichtung.
Kritiker verweisen darauf, dass sich Bezos und andere Tech-Unternehmer mit dem US-Präsidenten verbrüderten, in der Hoffnung auf regulatorische Ausnahmen oder handelspolitische Vorteile. Der einstige „Wapo“-Schlachtruf „Democracy Dies In Darkness“ („Demokratie stirbt in der Dunkelheit“) gerate zur Farce.
Das Klima für Leitmedien ist unter Trump ohnehin angespannt, denn der Präsident verklagt Häuser wie ABC, Wall Street Journal oder BBC auf hohe Summen wegen „unfairer“ oder „inakkurater“ Berichterstattung.
Es gibt aber auch Stimmen, die Bezos verteidigen, etwa „Wapo“-Chefredakteur Matt Murray. Bezos habe die Zeitung nach der Übernahme zunächst stabilisiert und stark in Personal investiert, argumentierte er – und legte nahe, dass sie ohne ihn vielleicht nicht mehr existieren würde.
In bester Gesellschaft
Vieles deutet darauf hin, dass strukturelle Herausforderungen das Unternehmen früher oder später eingeholt hätten. Wie viele Medienhäuser ringt die „Washington Post“ mit ihrer Rolle in einer sich wandelnden Öffentlichkeit. Die US-Wahl 2024 zeigte, wie stark sich das Meinungsbildung verschoben hat.
Zeitungsschwund
Nicht klassische Medien, sondern reichweitenstarke Podcasts wie der von Joe Rogan* beeinflussten Millionen Wähler.
Joe Rogan
Joe Rogan ist ein US-Podcaster und Comedian. Weltweit bekannt wurde er durch seinen Podcast „The Joe Rogan Experience" (seit 2009), der zu den erfolgreichsten Podcasts zählt und pro Folge Millionen Hörer erreicht.
Der US-Medienforscher John Wihbey spricht von einer „neuen Ära der Meinungsbildung“, die sich auch in Europa abzeichne. Branchendaten bestätigen den Wandel.
Laut Reuters Digital News Report sind in den USA (wie auch beispielsweise in Deutschland) soziale Medien inzwischen die wichtigste Nachrichtenquelle und haben etwa das Fernsehen überholt. Zusätzlich verändert Künstliche Intelligenz (KI) den Markt. KI-Suchzusammenfassungen und Chatbots reduzieren das Besucheraufkommen (Traffic) auf Nachrichtenwebseiten erheblich.
Der Weiterleitungsverkehr von Google zu Medienangeboten ist global bereits um rund ein Drittel gesunken. Parallel schrumpft der US-Zeitungsmarkt dramatisch: Seit 2005 hat das Land mehr als ein Drittel seiner Lokalzeitungen verloren, rund 3.300 Titel wurden eingestellt.
Innerhalb der „Washington Post“-Redaktion war Lewis immer umstritten. Berichte anderer Medien brachten ihn mit Vertuschungsversuchen in einem Abhörskandal in Großbritannien sowie mit Beratertätigkeiten für den damaligen Premierminister Boris Johnson während der „Partygate“-Affäre in Verbindung. Lewis bestreitet die Vorwürfe.
Kritik löste zudem sein Verhalten während der Entlassungen aus: In seiner Abschieds-E-Mail dankte er ausschließlich Bezos – und hatte nicht an der internen Versammlung zu den Kündigungen teilgenommen. Kurz darauf wurde er bei einer Super-Bowl-Veranstaltung gesehen.
Die ehemalige Vorsitzende der Redaktionsgewerkschaft, Katie Mettler, kommentierte seinen Rücktritt scharf: Sie sei erleichtert über seinen Abgang, hätte sich diesen jedoch gewünscht, „bevor alle meine Freunde ihre Jobs verloren haben“.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 07/2026 erschienen.






