US-Präsident Trump, Chinas Machthaber Xi und Kreml-Chef Putin stecken ihre Machtsphären ab. Vor welchen Gefahren unser Kontinent steht und wie er wieder wehrhaft wird, beschreibt die Politologin Jana Puglierin in ihrem Buch „Wer verteidigt Europa?“. In News erklärt sie, wie abhängig wir von den USA sind, welches Feindbild Russland und Rechtspopulisten im Westen teilen und was sie von Neutralität hält.
Sie sind Expertin für Sicherheitspolitik und transatlantische Beziehungen. Haben Sie die weltpolitischen Ereignisse im Jänner trotzdem ein wenig überrascht?
Überrascht hat es mich aus einer analytischen Perspektive kaum. Aber es hat mich persönlich erschüttert. Die Rücksichtslosigkeit, mit der Trump in Venezuela Völkerrecht gebrochen und dann einem NATO-Partner mit der Annexion von Territorium gedroht hat, hat eine neue Dimension erreicht. Ein so tiefes Zerwürfnis in den transatlantischen Beziehungen gab es bis dato nicht.
Ihr Buch startet mit einem fiktiven Bild aus dem Jahr 2029: Russland kontrolliert weite Teile der Ukraine und steht vor der NATO-Ostflanke, aus den USA kommt keine Hilfe, in Europa herrscht Unsicherheit. Wie verhindern wir das?
Die Idee war, die Themen des Buches anzureißen und danach aufzuschlüsseln: Die Unsicherheit über die russischen Absichten, die Uneinigkeit, was da genau passiert, und die verschiedenen Arten, wie man darauf blicken kann. Damit das Szenario nicht eintritt, müssen wir auf dem Pfad bleiben, den wir als Europäer gerade erst eingeschlagen haben: eigenständiger und militärisch weniger erpressbar zu werden. Jetzt dürfen wir nicht nachlassen, denn bei Sicherheit und Verteidigung geht es nicht um schnelle Erfolge. Das große Plädoyer meines Buchs ist aber: Wir brauchen in Europa mehr Einigkeit und Zusammenarbeit, vielleicht aber auch einen flexibleren Rahmen. Da hat das Grönland-Debakel auch geholfen, den Punkt zu machen.
Das Buch


Das Buch
Politikwissenschafterin Jana Puglierin beschreibt in ihrem Buch „Wer verteidigt Europa?“ die Bedrohungen, denen Europa ausgesetzt ist und was passieren muss, damit der Kontinent verteidigungsfähiger wird. Rowohlt, € 25,50
Inwiefern?
Man hat sehr schön gesehen, dass die Europäer einen Unterschied machen und das Denken in den USA beeinflussen können. Nämlich dann, wenn sie an einem Strang ziehen und erkennen, dass sie keine Manövriermasse sind. Sie haben Karten, die sie spielen können –, um bei Trumps Worten zu bleiben. Das war nicht der einzige Faktor. Aber der Druck, der dadurch auf die Märkte ausgeübt wurde, hatte einen Effekt. Die Zukunft Europas kann nur europäisch sein. Dessen müssen wir uns bewusst werden, um die Gefahr zu sehen, die von zunehmendem Nationalismus ausgehen kann.
Wie könnte der von Ihnen angesprochene flexible Rahmen aussehen?
Auf Englisch würde man sagen: whatever works, works. Europa ist in meiner Definition nicht deckungsgleich mit der EU. Ich spreche von demokratischen Staaten in Europa, also auch Großbritannien oder Norwegen, die Werte teilen und sich gemeinsam verteidigen möchten. Wir müssen also nicht die EU zu einem NATO-Ersatz umbauen. Wir sollten schauen, welche Formate funktionieren. Wir werden mehr Ad-hoc-Koalitionen von Ländern sehen, die die gleiche Bedrohungswahrnehmung haben.
Wo steht Europa in Sachen militärischer Eigenständigkeit?
Die Abhängigkeiten in der NATO sind weitreichend. Sie ist im Prinzip eine amerikanische Militärorganisation mit europäischer Beteiligung. Man kann sich das wie ein Rad vorstellen. Die Amerikaner sind die Nabe in der Mitte und die europäischen Militärs sind die Streben, die daran andocken. Nimmt man die Nabe raus, fällt das ganze Konstrukt erstmal zusammen. Wir sind von den Amerikanern im Bereich der Aufklärung und von Geheimdienstinformationen abhängig. Sie sind uns auch ungleich überlegen, was die Fähigkeiten im Weltraum betrifft. Und sie sind sogenannte Strategic Enabler: Sie haben Fertigkeiten, die überhaupt erst die Bewegung in einem Einsatzgebiet ermöglichen, wie Lufttransport, Luftbetankung, Logistik. Es geht aber vor allem um politische Führung. Die Amerikaner haben die NATO, die Europäer zusammengehalten.
Wie gelingt der Spagat zwischen Abhängigkeit und Emanzipation von den USA?
Wir sind in einer schwierigen Lage, weil wir vom wichtigsten außereuropäischen Alliierten existenziell abhängig sind, dieser Alliierte aber nicht mehr unsere Interessen teilt, teilweise dagegenarbeitet. Ich habe tiefes Verständnis für Politiker, die den Balanceakt versuchen und den Gesprächsfaden nicht abreißen lassen wollen. Aber wenn wir immer einknicken, sind wir leichter als Opfer zu erkennen, der Druck auf uns wird wachsen. Man kann die Amerikaner daran erinnern, dass Amerika auch von Europa abhängt, wirtschaftlich und militärisch. Ihre Militärbasen in Europa sind wichtige Punkte, um ihre Macht in andere Räume zu projizieren. Deswegen sollten wir uns auch nicht so klein machen.
Mir ist wichtig, dass wir uns nicht nur auf das Militärische konzentrieren. Wir sollten uns auch die Verwundbarkeiten unserer Gesellschaft vor Augen führen.
Welche konkreten Schritte sollte Europa jetzt setzen?
Der nukleare Bereich ist die größte Herausforderung, aber hier haben die Amerikaner ihren Schutzschirm bisher in keiner Weise infrage gestellt. Im konventionellen Bereich sollten sich die Europäer auf die Fragen fokussieren, wie sie eigene Fähigkeiten bekommen und die Rüstungsindustrie aufbauen können. In vielen europäischen Ländern kämpfen die Streitkräfte zudem mit Personalmangel und Überalterung.
Mir ist dabei wichtig, dass wir uns nicht nur auf das Militärische konzentrieren. Wir sollten uns auch die Verwundbarkeiten unserer Gesellschaft vor Augen führen. Es geht darum, Sensibilität zu erzeugen, kritische Infrastruktur besser zu schützen, uns auf Notfälle besser vorzubereiten. Wir brauchen ein Verständnis von Sicherheit, das umfassender ist, das Einzelne nicht nur als Konsumenten sieht, sondern ihnen eine aktive Rolle zubilligt.
Sie sprechen auch von gesellschaftlicher Resilienz.
Es gibt in Europa Gesellschaften, die das wesentlich besser hinbekommen als andere. Zum Beispiel in Finnland: Sie sind viel näher an Russland, in meiner Wahrnehmung aber viel gelassener im Umgang mit der Bedrohung. Denn sie sehen sich aktiv als Teil von staatlichen Maßnahmen. Man nennt das auch Selbstwirksamkeit: Sie haben das Gefühl, sie können etwas tun, um die Situation positiv zu beeinflussen. Bei uns besteht die Gefahr, bei den vielen Nachrichten von Kriegen und Konflikten ins Biedermeier abzugleiten oder in Panik zu verfallen und von Angst getrieben zu sein.
Wir sollten also den Kopf aus dem Sand ziehen und nach Finnland schauen?
Genau, oder ins Baltikum. Wir haben absolut das Potenzial, um uns in dieser Welt zurechtzufinden. Eine neue Studie des ECFR zeigt, dass die Welt Europa mehr zutraut als Europa sich selbst. Es ist eine europäische Malaise, uns selbst zu klein zu machen. Diesen Blick von außen sollten wir uns mit dem nötigen Maß an Bescheidenheit zu Herzen nehmen. Uns bleibt aber auch keine Wahl, wenn wir unser Modell verteidigen wollen. Schutz durch die USA, billige Energie aus Russland, China als verlängerte Werkbank – das ändert sich fundamental. Wir müssen uns darauf einstellen. Aber ich mag dieses Schlechtreden von Europa nicht.
Kann ein selbstbewusstes Europa Russland etwas entgegenhalten?
Ja, insbesondere hilft uns das, uns nicht spalten zu lassen. Es gibt bei Trump, Putin und Xi Bestrebungen, uns auseinanderzudividieren. Das Grönland-Debakel – das waren Festtage in Russland und China. Je mehr wir uns öffentlich streiten, desto mehr zeigen wir, dass wir im Zweifel nicht geeint dastehen würden. Mit Blick auf Russland sollte es uns um Folgendes gehen: Dem Kreml muss klar sein, dass ein Angriff auf europäisches NATO-Territorium zwangsläufig eine geeinte Reaktion, zumindest aller Europäer, zur Folge hätte. Und dass das enorm schmerzhaft für Russland und dieser Versuch zum Scheitern verurteilt wäre. Ich bin der festen Überzeugung, dass Abschreckung wirkt, gerade bei Bullys. Und dass sie auf Schwäche mit Aggression reagieren und auf Stärke mit Rückzug.
Welches Bedrohungsszenario durch Russland halten Sie für am realistischsten?
Mir ist am wichtigsten zu sagen, dass die Zukunft nicht in Stein gemeißelt ist. Sie hängt davon ab, welche Entscheidungen wir treffen. Wir sollten uns auf alle Eventualitäten vorbereiten und uns bewusst sein, dass Russland in der Vergangenheit auch hybride Mittel eingesetzt hat, um ein Ziel zu erreichen. Ist es erfolgversprechender, Europa dabei zu helfen, sich selbst zu filetieren, dann ist das für Russland eine bequemere und schwer nachweisbare Strategie.
Hybride Mittel – also Desinformationskampagnen und Hackerangriffe?
Auch die Unterstützung von systemkritischen Parteien in Europa. Meine These ist nicht, dass Russland hinter allem steckt. Das sind schon hausgemachte Probleme, die Russland verstärkt. In Russland wird von „Gayropa“*, vom Verfall der Sitten und vom Fahrrad fahrenden, vegane Bratwurst essenden Transsexuellen gesprochen. Aber dieses – überzogene – Bild herrscht teils auch in rechtspopulistischen Parteien in Europa und im MAGA-Lager*. Die haben schon ein gemeinsames Feindbild. Und Russland verstärkt diese Risse gezielt.
Gayropa:
Wird in Russland als Schimpfwort für das „schwule Europa" verwendet, wo man einen Verfall der Sitten ortet.
Österreich ist als neutrales Land nicht bei der NATO. Kann man damit noch etwas gewinnen?
Ich will als Deutsche nicht Österreich erzählen, was es zu tun oder zu lassen hat. Meines Erachtens ist die Neutralität eine gewisse Illusion. Auf dem System lastet durch die USA, Russland und China ein sehr großer Druck, durch den sich in Europa viel bewegen wird. Die Frage ist, ob man im Zentrum dabei sein will oder am Rand sein möchte.
In Österreich ist die Zustimmung zu einer gemeinsamen EU-Verteidigung gering. Was sagen Sie Skeptikern?
Ich halte mich an den Spruch, dass es in Europa nur kleine Länder gibt oder solche, die nicht wissen, dass sie klein sind. Bei der Verteidigung macht man in dieser neuen Weltordnung nur gemeinsam einen Unterschied. Und – wenn ich mir einen kritischeren Ton erlauben darf – in Österreich hat das auch ein bisschen das Geschmäckle von Trittbrettfahren.
MAGA-Lager
Die Make-America-Great-Again-Bewegung rund um US-Präsident Trump verfolgt eine nationalistische und populistische Ideologie.

Steckbrief
Jana Puglierin
ist Senior Policy Fellow beim European Council on Foreign Relations (ECFR), einem Thinktank für europäische Außenpolitik, und leitet dessen Berliner Büro. Pulgierin ist Expertin für Außen- und Sicherheitspolitik, Osteuropa und die transatlantischen Beziehungen
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 06/2026 erschienen.






