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Wahlkampf in Ungarn: Orbáns Zukunft auf der Kippe

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©Janos Kummer/Getty Images

Seit 16 Jahren haben Viktor Orbán und seine Fidesz Ungarn fest im Griff. Nach den Wahlen am 12. April könnte sich das ändern: Mit Péter Magyar hat ausgerechnet ein Ex-Fidesz-Mitglied beste Chancen auf den Wahlsieg. Welche Hürden Magyar und seine Partei Tisza bis dorthin noch überwinden müssen - und wieso Orbán eine Batteriefabrik zum Verhängnis werden könnte.

Am Sonntag, dem ungarischen Nationalfeiertag, stand Budapest Kopf. Einen Monat vor der Wahl hatten Viktor Orbáns Fidesz-Partei und das Oppositionsbündnis Tisza mit Spitzenkandidat Péter Magyar zu Großkundgebungen in der Hauptstadt aufgerufen. Den Kampf der Zahlen konnte die Opposition dabei deutlich für sich entscheiden: Zu Magyars „Nationalem Marsch“ kamen laut Schätzungen der Soziologin Andrea Szabó von der Budapester Eötvös-Loránd-Universität zwischen 160.000 und 170.000 Menschen, während Orbáns „Friedensmarsch“ 85.000 bis 92.000 Menschen anlockte. Steht Ungarn nach 16 Jahren Viktor Orbán vor einem Machtwechsel?

Ob es wirklich so weit kommt, wird erst das Wahlergebnis zeigen. In Ungarn sind viele nach wie vor skeptisch. Und das, obwohl die in ihrer heutigen Form erst seit 2024 bestehende Tisza die Umfragen schon seit Monaten anführt.

14 Prozentpunkte betrug der Vorsprung gegenüber dem Fidesz etwa laut einer Studie des Instituts „21 Kutatóközpont“ von Anfang März – zwei weniger als noch vor einem Monat. Einzig Orbán-nahe Meinungsforscher wie der US-Amerikaner John McLaughlin prognostizieren weiter einem knappen Fidesz-Sieg.

Einzementierte Macht

Skepsis ist dennoch nicht unangebracht. Seit die Fidesz regiert, hat sie ihre Macht immer weiter gefestigt. 2011 baute die Orbán-Partei das Wahlsystem um. Sie halbierte die Zahl der Abgeordneten und erhöhte den Anteil der Parlamentssitze, die per Mehrheitswahl vergeben werden. Für Großparteien wurde es so leichter, eine Zweidrittelmehrheit zu holen. „Das ist etwas, das gegen Fidesz arbeiten kann, wenn Fidesz nicht mehr die größte Partei wäre. Aber Fidesz hat auch noch weitere Tricks angewandt, die spezifisch ihnen helfen“, sagt Zsolt Enyedi, Politikwissenschafter an der Central European University.

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Budapest: Rund 160.000 Menschen kamen zur Wahlveranstaltung der Opposition am vergangenen Sonntag

 © HVG/Veres Viktor

Darunter ist das sogenannte Gerrymandering: Die Grenzen der Wahlbezirke wurden neu gezogen, um mehr Fidesz-Hochburgen zu schaffen. So konnte Fidesz bei der Wahl 2014 trotz Verlusten und mit nur knapp 45 Prozent der Stimmen die Zweidrittelmehrheit halten.

Auch ein Faktor: Wählerinnen und Wähler im Ausland. Hier gebe es zwei Kategorien, erklärt Enyedi. Ethnische Ungarn, die in den Nachbarländern leben, aber nie einen Wohnsitz im heutigen Ungarn hatten, und Auswanderer. Erstere könnten einfach per Briefwahl ihre Stimme abgeben. Wer aber schon einmal einen Wohnsitz in Ungarn hatte, muss zu einem Konsulat gehen und dort wählen. Erstere Wählergruppe habe es somit deutlich leichter, ihre Stimme abzugeben – und würde zu etwa 90 Prozent Fidesz wählen, sagt Enyedi. Außerdem sei noch wichtig, ob es die rechtsextreme Partei „Unser Heimatland“ ins Parlament schafft. Sie könnte theoretisch zum Zünglein an der Waage werden – und ist ideologisch natürlich näher an Fidesz.

Insgesamt würden all diese Aspekte Prognosen deutlich verkomplizieren. Es gebe aber eine Faustregel: „Ein, zwei, drei Prozentpunkte Abstand reichen für Tisza nicht. Sie müssen beim Stimmenanteil mindestens vier Prozentpunkte vor Fidesz landen“ – erst dann sei auch die Mandatsmehrheit abgesichert, sagt Politologe Enyedi.

Regierungsmedien und -Litfaßsäulen

Auch bei der Verbreitung ihrer Botschaften hat die regierende Fidesz einen deutlichen Vorteil gegenüber der Opposition. In den letzten Jahren gerieten immer mehr vormals unabhängige Medien unter die Kontrolle von Fidesz-nahen Unternehmern. Ein Prozess, der 2018 in der Schaffung der Stiftung KESMA mündete, die 470 Medienunternehmen unter ein gemeinsames regierungsnahes Dach brachte. Trotzdem hat Ungarn nach wie vor unabhängige Medien, die trotz knapper Ressourcen eine beachtliche Reichweite haben – etwa das Wochenmagazin HVG, der TV-Sender RTL, reine Online-Medien wie Telex, 444.hu und Direkt36 und der YouTube-Nachrichtenkanal Partizan.

Auch außerhalb der regierungsnahen Medien mobilisiert Fidesz massiv – teils auch mit öffentlichem Geld. Bei einem Spaziergang durch Budapest waren vergangene Woche viele Plakate zu sehen, die für eine Petition werben, die die Regierung nach Brüssel schicken will. Das Anliegen: Die Ukraine soll keine weiteren EU-Hilfen mehr erhalten. Die Botschaft ist dieselbe wie jene der offiziellen Fidesz-Wahlplakate, die mit der Angst vor dem Krieg im Nachbarland Ukraine spielen und Oppositionsführer Magyar gemeinsam mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zeigen. Schon Ort und Zahl der Plakate weisen auf die Diskrepanz zwischen Fidesz und den anderen Parteien hin. Die Plätze an den städtischen Litfaßsäulen sind Fidesz vorbehalten, auch sie gehören einem regierungsnahen Unternehmen. Die Oppositionsparteien plakatieren deutlich weniger und müssen sich mit Straßenlaternen und Ähnlichem begnügen.

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Spiel mit der Angst: Fidesz sei die „sichere Wahl“, Péter Magyar das Risiko mit Wolodymyr Selenskyj und Ursula von der Leyen

 © Jonas Heitzer

Magyar will alle Wahlbezirke besuchen

Wer Orbán vom Thron stürzen will, tritt also nicht nur gegen eine Partei an, sondern gegen ein System. Eine Herkulesaufgabe für Oppositionskandidat Péter Magyar, der dafür nicht nur einen erfolgreichen Wahlkampf in den sozialen Medien führt, sondern sich ein in der jüngeren Geschichte Ungarns beispielloses Pensum auferlegt. 2024 kündigte Magyar an, bis zur Wahl 2026 alle 107 Wahlbezirke Ungarns zu besuchen. Aktuell tritt er unter der Woche täglich an drei bis vier Orten auf, am Wochenende auch öfter.

Batteriefabriken als Bumerang

Vergangenen Donnerstagabend war Magyar etwa in Göd, einem verschlafenen Städtchen im Speckgürtel von Budapest. Der Ort hat für den Wahlkampf eine große Bedeutung. Direkt neben einem Wohngebiet steht eine riesige Fabrik. Der südkoreanische Konzern Samsung SDI produziert hier Batterien für Elektroautos. Die Orbán-Regierung hat das Unternehmen, genau wie den chinesischen Weltmarktführer CATL, mit massiven Förderungen ins Land gelockt. „Viktor Orbán wollte sich so gleichzeitig die breite Unterstützung von multinationalen Unternehmen, inländischen Unternehmern und Arbeitern sichern“, erklärt der Politikwissenschafter David Karas von der Central European University (CEU). Ungarn sollte so zum unverzichtbaren Teil der grünen Transformation der EU werden. Diese Industriestrategie scheint nun nach hinten loszu­gehen.

Denn seit einiger Zeit produziert die Fabrik vor allem Negativschlagzeilen: Samsung SDI soll sich nicht an Umwelt-und Arbeitsschutzbestimmungen gehalten haben, wodurch nicht nur die Belegschaft der Fabrik, sondern auch die Umgebung zu hohen Konzentrationen von reproduktionstoxischen* Lösungsmitteln ausgesetzt worden sein soll. Die Regierung soll dabei lange weggeschaut haben, um das milliardenschwere Investment des Unternehmens und das eigene Prestigeprojekt nicht zu gefährden. Zudem benötigt die Fabrik enorme Mengen Wasser. Aktuell wird dort mit öffentlichem Geld eine neue Zuleitung gebaut. Sie kann täglich bis zu 29.700 Kubikmeter Wasser aus der Donau zum Gelände leiten, was dem Bedarf einer 100.000-Einwohner-Stadt entspricht.

Péter Magyar in Göd

Gegen 19:00 Uhr haben sich auf dem Gelände neben der Fabrik rund 2.000 Menschen versammelt. Unter ihnen ist etwa Lorant, 52. Er sei vor allem hier, um Klarheit zu bekommen, sagt er. Vor sechs Jahren sei er vom Land hierhergezogen, wegen der besseren Jobchancen. Jetzt mache er sich Sorgen, wegen der Fabrik und der giftigen Chemikalien. Er habe bereits zwei Kinder, das reiche ihm. Aber vielleicht will sie ja einmal welche, sagt er, und zeigt auf seine Tochter. Er sei im rumänischen Siebenbürgen aufgewachsen, zur Zeit des ­Ceaușescu-Regimes. Vieles am heutigen Ungarn erinnere ihn an diese Zeit. Ob es mit Tisza wirklich besser werde, wisse er zwar nicht, aber einen Versuch sei es wert, sagt er.

Für Julia, 46, aus Budapest und ihre Freundin Katalin, 53, aus Göd sind das Demokratiedefizit und die Korruption im Land die größten Probleme. Sorgen bereiten ihnen auch die Schulen und das marode Gesundheitssystem. Magyar habe ihren Respekt vor allem mit seinem Durchhaltevermögen gewonnen, sagt Julia. Und sie sagt auch: „Unter normalen Umständen wäre er vermutlich nicht meine erste Wahl, aber das sind keine normalen Umstände.“

Mit etwa 20 Minuten Verspätung, tritt Péter Magyar auf die Bühne. Rund zwei Stunden spricht er, unterbrochen von einer kurzen Rede der Tisza-Kandidatin für den Wahlkreis Göd. Magyar spricht lange und ausführlich über die Fabrik und die Korruption im Land. Die staatlichen Investitionen in die Batterieindustrie will er gründlich prüfen, genauso die Einhaltung von Arbeitsschutzund Gesundheitsregeln. In einem Monat werde Ungarn wieder ein Rechtsstaat und eine Demokratie sein, verspricht er. Die Menge ist zufrieden, sie schwenkt Ungarn-Fahnen und die zwischenzeitlich verteilten Fackeln.

Nach seiner Rede bleibt Magyar noch rund 45 Minuten, bis alle Selfie-Jäger zum Zug gekommen sind. Trotz fortgeschrittener Uhrzeit und sinkender Temperaturen bleiben viele bis ganz zum Schluss. In der Hoffnung auf ein kurzes Interview mit Magyar reihen wir uns in die Schlange ein und sprechen dort noch mit Donát. Der 24-Jährige aus Szombathely (Steinamanger) studiert Jus in Budapest. Ihm gefalle an Magyar, dass er keine Angst vor öffentlichen Auftritten habe, während Orbán seine Wahlkampfveranstaltungen lieber vor ausgewähltem Publikum abhalte. Auch seine Prioritäten liegen bei Bildung, Gesundheit und Korruptionsbekämpfung. Erst einmal muss er sich aber mit einem hart erkämpften Foto begnügen. Und wir uns mit einem erwartbaren „No, no, no“ auf unsere Interviewanfrage – sowohl Tisza als auch Fidesz sprechen bis auf Weiteres nicht mit ausländischen Medien.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 12/2026 erschienen.

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