Viktor Orbán bei einem Wahlkampfauftritt Ende März in Esztergom.
©ZUMA Press, IMAGOVor der Parlamentswahl in Ungarn wird der ländliche Raum zum entscheidenden Schauplatz. Während Fidesz dort traditionell stark ist, holt die Opposition auf – begleitet von einem polarisierten Wahlkampf.
Vor der Parlamentswahl am 12. April 2026 steht Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán vor einer der größten politischen Herausforderungen seit Jahren. Im Zentrum des Wahlkampfs steht der ländliche Raum, in dem traditionell die regierende Fidesz-Partei dominiert. Dort werden 88 der 106 Direktmandate vergeben – entsprechend hoch ist die strategische Bedeutung.
Ein Beispiel für die langjährige Bindung zwischen Regierung und ländlicher Bevölkerung liefert das Dorf Mályinka im Nordosten des Landes. Der Gastwirt Sándor Tóth, seit Jahrzehnten im Ort tätig, erhielt staatliche Unterstützung aus einem Förderprogramm für Lokale. Maßnahmen wie diese sind Teil einer Politik, mit der Fidesz gezielt strukturschwache Regionen anspricht. In vielen dieser Gebiete ist der Staat zentraler Arbeitgeber und Förderer, etwa über kommunale Beschäftigungsprogramme.
Es wird eng
Gleichzeitig zeigt sich ein Wandel. Umfragen deuten auf ein deutlich engeres Rennen hin als bei früheren Wahlen. Laut einer Erhebung liegt Fidesz in ländlichen Regionen nur noch knapp vor der oppositionellen Partei TISZA unter der Führung von Péter Magyar. Während Fidesz insbesondere bei älteren Wählern stark bleibt, erreicht TISZA vor allem jüngere Bevölkerungsgruppen.
Magyar setzt im Wahlkampf gezielt auf Präsenz vor Ort. Seit zwei Jahren reist er durch Städte und Dörfer und adressiert Themen wie Infrastruktur, Arbeitsplätze und Gesundheitsversorgung. Unterstützt wird diese Strategie durch Freiwillige, die im direkten Kontakt mit Wählerinnen und Wählern stehen. Beobachter sehen darin eine veränderte Dynamik gegenüber früheren Wahlkämpfen.
Verschärfter Ton im Wahlkampf
Parallel dazu hat sich der Ton im Wahlkampf deutlich verschärft. Die Regierungspartei setzt verstärkt auf anti-ukrainische Botschaften und zeichnet ein klares Gegenbild zwischen Stabilität und Bedrohung. Unterstützt wird dies durch Kampagnen, die laut Experten auch Desinformation und KI-generierte Inhalte umfassen. Kritiker sehen darin den Versuch, von wirtschaftlichen und sozialen Problemen abzulenken.
„Sie sind gefährlich!“ prangt über einem Plakat, das den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und Oppositionsführer Magyar nebeneinander zeigt. Und daneben steht der Aufruf: „Lasst sie uns aufhalten! Nur Fidesz!“ Andere Plakate zeigen Orbán entschlossen blickend vor der ungarischen Flagge mit dem Slogan „Lasst uns gemeinsam gegen den Krieg kämpfen!“
„In der Wahlkampfrhetorik wird gezielt eine Schwarz-Weiß-Malerei betrieben – Frieden gegen Krieg“, sagt die Historikerin Csilla Fedinec vom Zentrum für Sozialwissenschaften der Universität ELTE in Budapest. „Die Ukraine wird als eine Gefahr dargestellt, die amtierende Regierung als Garantin von Stabilität und Rationalität.“
Erhöhte Spannungen mit der Ukraine
Seit dem Stopp russischer Öllieferungen durch die über ukrainisches Gebiet verlaufende Druschba-Pipeline nach Ungarn haben sich die Spannungen zwischen den Nachbarländern verschärft. Laut Kiew wurde die Pipeline Ende Jänner bei russischen Angriffen beschädigt. Budapest wirft dem Nachbarn vor, die nötigen Reparaturarbeiten absichtlich zu verschleppen. Um Druck aufzubauen, blockiert die Orbán-Regierung einen eigentlich bereits beschlossenen EU-Hilfskredit für die Ukraine in Höhe von 90 Milliarden Euro.
Anfang März nahm die ungarische Anti-Terrorpolizei mehrere ukrainische Bankmitarbeiter fest, die einen Transport von Bargeld und Goldbarren begleiteten. Der Regierungspartei Fidesz nahestehende Boulevardzeitungen verbreiteten bei der Berichterstattung über den Vorfall mit KI erzeugte Bilder, welche die beschlagnahmte Summe deutlich übertrieben. Auf diese Bilder wiederum reagierten im Onlinedienst Facebook ungewöhnlich viele Nutzer mit nicht-ungarischen Usernamen ohne Profilbild oder Nutzerinfos – typische Anzeichen für gefälschte automatisierte Profile.
Desinformationen aus Russland
Experten berichten zudem von russischen Bemühungen, mit als Zeitungsartikel verpackten Falschnachrichten oder Deepfake-Videos eine anti-ukrainische Stimmung in Ungarn zu verbreiten. „Wir beobachten eine andauernde Desinformationskampagne zur Beeinflussung der Wahl in Ungarn, wie es sie auch bei den Wahlen in Moldau und Rumänien gab“, sagt der frühere Chef der ungarischen Cyber-Abwehrbehörde, Ferenc Fresz. Dabei seien die von russischen Gruppen verbreiteten Botschaften „weitgehend identisch mit der regierungstreuen Propaganda in Ungarn, so dass sie sich gegenseitig verstärken.“
Der ungarische Außenminister Peter Szijjártó weist den Vorwurf russischer Wahlbeeinflussung als „fake news“ zurück. Gleichzeitig versucht Regierungschef Orbán, seinen Rivalen Peter Magyar von der Oppositionspartei TISZA als Marionette der Ukraine und der Europäischen Union hinzustellen. „Wir müssen uns entscheiden, wer die nächste Regierung führen wird – ich oder Selenskyj“, rief er vor zwei Wochen bei einer Wahlkampfveranstaltung in Budapest.
Bei einer wenige Stunden später stattfindenden Oppositionsveranstaltung entrollte dann jemand eine ukrainische Flagge, und Regierungsvertreter und Pro-Orbán-Medien verbreiteten in Windeseile Fotos davon. In weniger als 24 Stunden gelang es allerdings, die Personen zu identifizieren, die die Flagge hielten – es waren Mitglieder der Fidesz-Jugendorganisation.
Ursula von der Leyen und die goldene Toilette
Die Zahl der aus Steuergeldern finanzierten Wahl-Plakatwände hat sich in Ungarn in den vergangenen Monaten vervielfacht. Zu sehen ist darauf zum Beispiel ein computergeneriertes Bild, auf dem Selenskyj gemeinsam mit Oppositionsführer Magyar und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen Geld in eine goldene Toilette wirft.
Aufbauen können Orbán und Fidesz bei ihrem Anti-Ukraine-Wahlkampf nach den Worten der Politologin Eszter Kováts von der Universität Wien auf einer in der Bevölkerung verbreiteten Angst, Ungarn könne in den Ukraine-Krieg hineingezogen werden. „Fidesz appelliert an das grundlegende Sicherheitsbedürfnis der Leute“, schildert Kováts. „Die Botschaft lautet: 'Wenn alles zusammenbricht, vertraut auf das, was ihr habt.'“






