Jahrelang mussten Frauen das Beste aus dem machen, was das Schlechteste für sie ist. Sie haben Strategien gegen die Angst entwickelt und Maßnahmen gegen die Gefahr ergriffen. Damit ist spätestens seit vorletzter Woche Schluss, so die Hoffnung. Doch was wir gerade erleben, zeigt – daraus wird nichts.
Auch abseits der Fernandes-Ulmen-Causa ist es, das macht ein Blick in die Berichterstattung der letzten Wochen klar, kein gutes Jahr für Männer: Gegen den Sänger Christopher Seiler laufen Ermittlungen, wegen der Vorwürfe sexueller Belästigung räumte der ORF-Generaldirektor Roland Weißmann seinen Posten und ein Tischtennis-Trainer soll sich anzüglich gegenüber Jugendlichen verhalten und sich zu ihnen ins Bett gelegt haben. Und all das, nachdem der Fall Gisèle Pelicot und die Enthüllungen der Epstein-Files doch gerade erst die Welt erschüttert haben. Was Männer tun, ist manchmal gut, aber oft ist es eben ein Problem und ein unsichtbares noch dazu. Vorletzten Donnerstag hat sich das (vorerst) geändert.
In der Recherche von Der Spiegel erhebt Collien Fernandes schwere Vorwürfe gegen ihren ehemaligen Partner. Sie spricht davon, „virtuell vergewaltigt“ worden zu sein von ihm. Nach Darstellung von Fernandes soll Christian Ulmen jahrelang manipulierte, teils pornografische Bilder und Videos von ihr an andere Männer verschickt haben. In einigen Fällen habe er zudem Telefonsex geführt – mutmaßlich unter ihrem Namen und ohne ihr Wissen. Ulmen selbst wollte sich nicht dazu äußern. Sein Anwalt Christian Schertz weist die Anschuldigungen zurück und bezeichnet sie als „unwahre Tatsachen“.
Luke Mockridge, Till Lindemann und Christian Ulmen
Schertz hat Erfahrung mit Fällen, in denen sich Männer gegen Medienberichterstattung einerseits und Frauen, die mutmaßlich Opfer von ihnen geworden sind andererseits wehren. In der Vergangenheit hat er beispielsweise Luke Mockridge und Rammstein-Sänger Till Lindemann vertreten und er hat – hier schließt sich ein weiterer Kreis – in der ZDF-Doku „Deepfake Pornos – die Jagd nach den Tätern“ 2024 noch Folgendes gesagt: „Wir müssen das Recht ändern, um den Schutz der Betroffenen zu verstärken. (…) Es ist eine mediale Vergewaltigung.“
Diese mediale Vergewaltigung, die Collien Fernandes ihrem Ex-Mann vorwirft, hat eine Debatte befeuert, die überfällig war. Über 250 prominente Frauen fordern eine Gesetzesreform, um Frauen besser vor digitaler sexualisierter Gewalt im Netz zu schützen. In Deutschland soll noch diese Woche ein Gesetzentwurf vorgelegt werden, der „gerade pornografische Deepfakes künftig unter Strafe stellt, und zwar schon das Herstellen und Verbreiten“. Reicht das aus?
Zwischen Brüder, Vätern und Ehemännern
Dass die Gefahr nicht erst dort beginnt, wo Gewalt sichtbar wird, merken Frauen, sobald sie eine U-Bahn betreten. Sie merken das, wenn sie abends allein nach Hause gehen und wenn sie die einzige Frau am Tisch sind. Neutral haben sich Frauen nie durch diese Welt bewegt – sie haben gelernt, Blicke zu lesen und Gesten zu deuten, bevor daraus etwas potenziell Gefährliches entsteht.
Und sie haben gelernt, nicht allein nach Hause zu gehen. Nicht mit einem fremden Mann nach Hause zu gehen, ohne ihren Standort mit einer Freundin zu teilen. Nicht zu viel zu trinken und ihr Glas nicht stehen zu lassen. Sich einzufügen, aber aufzufallen. Männer wissen das, denn sie sind unsere Ehemänner. Unsere Väter und Brüder, unsere besten Freunde und Söhne. Doch Dinge zu wissen und Dinge zu erleben, das sind zwei unterschiedliche Realitäten.
Die Unschuldsvermutung
Während in Berlin Tausende demonstrieren, trenden bei Google die Suchbegriffe „collien fernandes nackt“ und „collien fernandes porno“. Und noch etwas dimmt die Hoffnung darauf, dass nun alles anders wird: Nach der Veröffentlichung waren es wie so oft in erster Linie Frauen, die sagten, schrieben und posteten, was sie dachten. Erst in der zweiten Reihe und einige Zeit später, taten es ihnen ein paar Männer gleich. Gestammelte Wortmeldungen zur Unschuldsvermutung mischten sich zu solchen, die zu bekennen gaben „noch ganz überfordert mit der Situation“ aber selbst davor gefeit zu sein. Es scheint, als müssten die meisten Männer noch herausfinden, was das alles mit ihnen zu tun hat.
Dabei lohnt es sich, Betroffenen nicht aus Naivität beizustehen, sondern allein aufgrund der Zahlen. Alle vier Minuten erlebt in Deutschland laut Bundeskriminalamt eine Frau Gewalt durch ihren Partner oder Ex-Partner. Laut Statistik Austria wurden 761.786 Frauen in Österreich ab dem Alter von 15 Jahren innerhalb oder außerhalb von intimen Beziehungen Opfer von körperlicher Gewalt. Jede Frau kennt ein Opfer aber kein Mann kennt einen Täter – diese Erkenntnis begleitet jede Debatte zu sexualisierter Gewalt.
Wozu brauchen wir noch Männer?
Schon seit Längerem stellen sich Frauen die Frage, was in Zeiten von finanzieller Selbstständigkeit der Mehrwert einer Beziehung mit einem Mann sein könnte. Ein Vogue-Artikel mit dem Titel „Ist es heutzutage peinlich, einen Boyfriend zu haben?“ schlug große Wellen in der Popkultur-Debatte des auslaufenden Jahres 2025. Die rein pragmatische Überlegung – er kocht schlecht, putzt wenig, und die Miete kann ich allein bezahlen – vermischt sich mit einer, die über Leben und Tod oder zumindest über die eigene Sicherheit entscheidet. Die Beziehung mit einem Mann kann nicht nur umständlich sein (herumliegende Socken, das Glas in der Spüle und nicht der Spülmaschine) – sie stellt mitunter ein Sicherheitsrisiko dar.
Collien Fernandes’ Erzählungen machen deutlich, was schon immer Realität ist, aber nur wenige wahrhaben wollen: Der Feind ist keine fremde Gestalt in dunklen Gassen, der Feind könnte neben mir auf dem Sofa sitzen und die Chips aus der Sofaritze kratzen. Fernandes und Ulmen waren 14 Jahre verheiratet, sie haben eine Tochter und eine Ehe geführt, die als einzigartig und erstrebenswert galt. Er, der lustige Teddy-Bär-Typ, erfolgreich und modern zugleich. Sie, die hübsche Moderatorin, die sich darauf verlassen kann, dass ihr Mann zuhause alles regelt, wenn sie arbeiten muss. Aus der Vorzeigeehe ist vergangene Woche eine geworden, die dem Abgrund des Patriarchats ein Gesicht gegeben hat.
Aus den eigenen vier Wänden in die Öffentlichkeit
Dabei ist Collien Fernandes weder die erste noch die einzige Frau, von der Deep-Fake-Fotografien durch das Internet geistern. Und auch Christian Ulmen ist nur einer von einigen Männern, die solch ein frauenverachtendes Material erstellen und davon Gebrauch machen. Ein Fall wie dieser entwächst nicht im luftleeren Raum, sondern aus einem Klima, in dem herbeigeführte Machtgefälle das Düngemittel für Missbrauch ist. Das gibt es in Beziehungen ebenso wie am Arbeitsplatz oder im U-Bahnhof. Die Lösung dafür ist sicher nicht, dass die Last der Verantwortung weiterhin bei denen liegt, die Hilfe brauchen. Doch immer noch wird von allen tatsächlichen Fällen partnerschaftlicher Gewalt nur ein kleiner Teil angezeigt.
Frauen, die den Schritt aus den eigenen vier Wänden hinaus in die Öffentlichkeit oder zur Justiz wagten, wurden in der Vergangenheit oft von der Machtlosigkeit der Gerichtsbarkeit belehrt, denn: Ein großer Teil der Anzeigen wird im Ermittlungsverfahren eingestellt. Das hat Folgen. Frauen, die Gewalt – analog oder digital – bei den Behörden melden und damit keinen Erfolg haben, scheitern nicht als Einzelfälle – sondern als Repräsentanz einer ganzen Gruppe. Das hat Einfluss auf all jene Frauen, die erwägen, sich zu äußern, und sich am Ende dagegen entscheiden. Das Problem ist nicht die Gewalt selbst, sondern das System, das darüber entscheidet, wie mit ihr umgegangen wird. Ein System, das Wissen vorgibt – aber Erfahrung nicht verhindert.






