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2nd Opinion: Toni Faber, Symbol

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Michael Fleischhacker

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Der neue Wiener Erzbischof möchten den populären Dompfarrer frühestmöglich in Pension schicken, damit die Bilder des Priesters in Frauenbegleitung aus den Medien verschwinden. Hinter der Wiener Kirchenposse lauern für Kirche und Gesellschaft sehr ernsthafte Fragen.

Was die Rolle der Religion in den spätmodernen westlichen Gesellschaften betrifft, befinden wir uns in einer interessanten Phase. Lange Zeit hieß es, Europa sei so etwas wie der Kältepol der Säkularisierung.

Auf die teils durchaus konfliktreiche Trennung von Kirche und Staat – Stationen waren die Französische Revolution, die bürgerliche Revolution in Deutschland und das Ende des Gottesgnadentums als Folge des Ersten Weltkriegs – folgte das Jahrhundert der mörderischen Ideologien und schließlich der Siegeszug des Konsumkapitalismus als präferierter Sinngenerator.

Esoterik und Islam

Als der seine ersten Verschleißerscheinungen zeigte, waren die institutionalisierten Religionsgemeinschaften, allen voran das Christentum in seiner katholischen Ausprägung, nicht in der Lage, die sich auftuende Sinnlücke zu füllen. Stattdessen boomten esoterische Veranstaltungen und individualisierte Spielarten des Spirituellen.

Mit der massenhaften Migration von Millionen Muslimen aus der arabischen Welt, die über keinerlei Erfahrung mit großangelegten Säkularisierungsprozessen verfügten, stellte sich die alte Machtfrage neu: Was ist wichtiger, das Bürgerliche Gesetzbuch und die derivativen Sinnangebote des spirituellen Markts, oder das strenge Sittengesetz einer Religion, die einen Totalitätsanspruch auf das Leben ihrer Mitglieder erhebt und weit davon entfernt ist, Religion als Privatsache zu sehen?

Ist Monotheismus Krieg?

Adolf Holl, der luzide Religionswissenschafter und Schriftsteller, vertrat die Ansicht, dass Monotheismus im Grunde Krieg bedeutet: Die Totalitätsansprüche unterschiedlicher Eingott-Religionen sind mit unseren Vorstellungen von weltanschaulich-religiösem Pluralismus nicht vereinbar. Es sei denn, einer gibt klein bei, beschließt, nicht mehr zu glauben, was das Glaubensbekenntnis vorgibt, und zieht sich auf die Pfarrhofjause zurück.

Ungefähr so ist es dann auch passiert. Und deshalb weiß unsere Gesellschaft heute nicht so recht, wie sie damit umgehen soll, dass eine schnell wachsende Minderheit das, was wir immer für unsere große Stärke gehalten haben – die Abkehr vom Absoluten, die Feier des Relativen – für ein untrügliches Zeichen von Schwäche und Degeneration hält.

Ritter des Absoluten

Bei Licht betrachtet, gibt es zwei mögliche Entwicklungen: Entweder die nächste Generation der zugewanderten Muslime geht den Weg, den wir seit den späten 60er-Jahren gegangen sind, und lässt sich davon zu überzeugen, dass Freiheit, Individualität und Konsum überzeugendere Angebote sind als das strenge Sittengesetz des institutionalisierten Glaubens. Oder wir steuern auf sehr grundsätzliche Auseinandersetzungen mit den Rittern des Absoluten zu, für die wir schlecht gerüstet sind, weil wir ja nicht einmal bereit sind, den Relativismus ernsthaft zu behaupten, den wir aus Bequemlichkeit leben.

Für die katholische Kirche bedeutet das am Ende, dass sie sich darüber klar werden muss, ob sie den mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil eingeschlagenen Weg der Anpassung an den sich wandelnden Zeitgeist weitergehen oder sich dazu entschließen will, jenen wieder einen Hort des Unbedingten und der Gewissheiten zu bieten, die das wollen.

Herr Jesus wird es schon gewusst haben

Vor allem in Deutschland und Österreich hat man diese Grundsatzfrage während der vergangenen Jahrzehnte ganz stark auf zwei Fragen, nämlich Frauenordination und Zölibat, also die Ehelosigkeit der katholischen Priester, verkürzt. Inhaltlich ist in dieser Thematik wenig zu holen, weil es sich um Institute handelt, die sich nicht auf die biblische Tradition berufen können, und wenn, dann auf eher humoreske Weise.

Ich war vor langer Zeit bei einem Gespräch anwesend, in dem der frühere Erzbischof von Wien, Kardinal Christoph Schönborn, gefragt wurde, wie es denn zu argumentieren sei, dass Frauen nicht zu Priestern geweiht werden können. Der Herr Jesus, erwiderte der Kardinal, werde schon gewusst haben, warum er nur Männer als Apostel berufen habe. Auf die Nachfrage, wie es dann zu erklären sei, dass nicht alle Bischöfe der Weltkirche palästinensische Fischer seien, reagierte er einigermaßen ungehalten.

Der kirchliche Umgang mit dem Thema Zölibat ist in Österreich seit langer Zeit mit der Person des Wiener Dompfarrers Toni Faber verbunden. Faber, der Society-Pfarrer, gilt als jemand, der auch kirchenferne Menschen für die Kirche interessiert, er hat angeblich viele Menschen zum Wiedereintritt in die katholische Kirche bewogen, steht aber seit Langem im Ruf, es mit dem Zölibat nicht so genau zu nehmen.

Vielleicht nimmt man eine Institution und ihr Regelwerk eher ernst, wenn man den Eindruck hat, dass sie das auch selber tut

Kardinal Schönborn hat das immer freundlich ignoriert, sein Nachfolger, Josef Grünwidl, möchte ihn jetzt zum frühestmöglichen Zeitpunkt in Pension schicken, um die Bilder des Priesters, der öffentlich mit einer Frau als Begleiterin auftritt, nicht mehr ständig in den Medien zu haben. Priester soll Faber auf jeden Fall bleiben, es geht hier weniger um Prinzipientreue, als um Reputationsmanagement und Öffentlichkeitsarbeit.

Der erwähnte Adolf Holl, der ebenfalls eine große Wirkung in außerkirchlichen Milieus entfaltete, allerdings als Intellektueller, wurde übrigens vom „liberalen“ Kardinal Franz König seines Priesteramts enthoben, weil er mit einer Frau zusammenlebte.

Und vielleicht ist es doch so, dass man eine Institution und ihr Regelwerk tatsächlich eher ernst nimmt, wenn man den Eindruck hat, dass sie das auch selbst tut.

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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 21/2026 erschienen.

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