Wie Empörung, Symbolpolitik und Social Media die Kultur verändern – und was das über den Zustand unserer Demokratie verrät.
von Maria Mayböck
Wien hat ein kulturelles Großereignis und eine politische Zerreißprobe hinter sich. Während der Eurovision Song Contest (ESC) auf der einen Seite ein willkommener Grund zum Feiern und für ausgelassene Stimmung war, wurde die Veranstaltung auf der anderen Seite von Boykott und Protesten begleitet.
Eine Seite kritisierte die Teilnahme Israels, andere warfen genau diesen Kritikern politische Instrumentalisierung vor. Noch bevor ein Ton gesungen wurde, war der ESC zum Schauplatz einer Debatte geworden, die weit über Musik hinausgeht: Wer darf auftreten – und wer entscheidet das eigentlich?
Proteste zu Israels Teilnahme beim ESC in Wien
Boykott und Proteste begannen vor einem Jahr, als Mitglieder der European Broadcasting Union, die den ESC veranstaltet, den Ausschluss Israels forderten. La sim Dezember die Teilnahme Israels beschlossen wurde, stiegen Spanien, Irland, die Niederlande, Slovenien und Island aus dem Bewerb aus.
In Großbritannien wurde jüngst die Boykottinitiative „No Music For Genocide“ gegen Israels Teilnahme laut, u. a. unterstützt von Roger Waters, Brian Eno, Peter Gabriel und Massive Attack. Pro-Israel antwortete darauf die Kontra-Boykott-Initiative, „Creative Community For Peace“ mit den Stimmen von u. a. Helen Mirren, Gene Simmons (Kiss), Boy George oder Sharon Osbourne.
Für die Zeit des ESC in Wien kündigte die Pro-Palästina-Bewegung Protestaktionen an, darunter eine Demonstration mit 3.000 Teilnehmern. Polizei, Kriminaldienst, Staatsschutz, Spezial- und Sondereinheiten waren im Einsatz für die Sicherheit. Unterstützung kam vom FBI in New York, das in der ESC-Woche eine Taskforce einrichtete. Israels Sänger Noam Bettan wurde während seines Aufenthalts in Wien abgeschirmt und vom israelischen Geheimdienst Mossad bewacht.
Kein Einzelfall
Dass kulturelle Veranstaltungen zunehmend zu Projektionsflächen politischer Konflikte werden, ist kein neues Phänomen. Im Oktober letzten Jahres erhielt der Publizist Michel Friedman die Nachricht, dass er auf Geheiß des Bürgermeisters in der norddeutschen Stadt Klütz von einer Lesung im Herbst 2026 ausgeladen worden war. „Das erste, das mir durch den Kopf ging, war“, so Friedman, „was mischt sich eigentlich ein Politiker ein in die Programmplanung eines kulturellen Literaturhauses?“
Ähnlich erging es in den letzten Monaten mehreren Künstlern und Künstlerinnen in der Türkei, in Deutschland, in Belgien. Ausgeladen. Abgesagt. Mal, weil sie jüdisch sind oder mit Israel in Verbindung gebracht werden. Mal, weil sie sich solidarisch mit Palästina zeigen. Mal weil sie Russen sind. Egal, wie und ob sie sich zu aktuellen Debatten oder Konflikten äußern, es gibt immer eine Gegenmeinung. Immer eine Masse, die dagegenhält. Die anprangert und diffamiert. Die fordert und Gesinnungspolizei spielt. Es ist nie genug. Nie richtig.
Die Grenzen der Macht scheinen zu verschwimmen. Wer entscheidet, wer auftreten darf? Wer beeinflusst wen? Verbietet uns ausgerechnet der meinungsstarke Mob die Meinungsfreiheit? Und was sagt das über den Zustand unserer Demokratie?
Die Macht der Vielen
Der „Mob“ ist ein Begriff mit negativem Beigeschmack. Im Kopf entsteht das Bild einer wütenden Masse, die undifferenziert alles niedertrampelt, was ihr in den Weg kommt.
„Seit den Ursprüngen der Demokratie beschäftigt man sich mit dem unheilvollen Einfluss der Masse“, sagt Reinhard Heinisch, Professor für Österreichische Politik in vergleichender europäischer Perspektive an der Universität Salzburg. Schon die antiken Philosophen misstrauten der kollektiven Leidenschaft: Platon warnte vor der Demokratie. Der Demos, das Volk, sei gefährlich. Zu emotional, zu verführbar. „Im Vergleich zur Polyarchie, wo die freien, vernünftigen, in sich ruhenden Menschen das Regieren übernahmen“, erklärt Heinisch.
Und weil man nicht davon ausgehen kann, dass die Mächtigen immer nur Gutes im Schilde führen, ist in einer liberalen Demokratie die Macht des Volkes durch Werkzeuge wie die Verfassung und den Rechtsstaat begrenzt.
Info
16.000 Menschen wurden bereits im Vorfeld des ESC sicherheitspolizeilich überprüft. Rund um die Stadthalle wurde der Sicherheitsstandard eines internationalen Flughafens erreicht.
1,5 Kilometer betrug der Radius der Geozone rund um die drei ESC-Veranstaltungsorte Stadthalle, Rathausplatz und Prater. Dort herrschte absolutes Flugverbot, auch für Minidrohnen.
Kein Gegenüber, kein Filter
Wo früher der Mob vor das Parlament gezogen ist, verlagert sich heute die empörte Masse zunehmend in digitale Räume. Nicht mehr die Fäuste sind die Waffe des Mobs, sondern Klicks. In politischen Kulturen wie Österreich, wo Protestverhalten durch Streiks oder Demonstrationen eher selten ist, bringe die Bevölkerung ihren Unmut bei Wahlen zum Ausdruck, oder suche ihr Ventil in den Sozialen Medien, so Heinisch. Somit hat sich die Debattenkultur verschoben und erweitert. Sie ist öffentlicher, unmittelbarer und ungefiltert.
Während früher ein kleiner Kreis der politischen und medialen Eliten die öffentlichen Meinungsführer waren, kann heute jeder an der Debatte teilhaben. Meinungen werden ungefiltert Teil des Dialogs und vermischt mit persönlichen Befindlichkeiten. „Früher gab es noch mehrere Filter, die vorgeschoben waren“, sagt Politikprofessor Heinisch. „Heute fehlen diese Filter.“ Echokammern bestätigen die eigene Meinung. Anonymität verleitet zu rauem Ton. So entstehen Selbstverstärkungsschleifen. Empörung in den sozialen Medien findet Aufmerksamkeit, die in Folge zu realen Konsequenzen führen kann.
Von Klicks zu Konsequenzen
Mit Betonung auf kann. Denn der Mob erscheint oft größer als er ist. „Wir schauen eher dorthin, wo es Aktion gibt. Die Nicht-Aktion sieht man nicht“, betont Heinisch. In anderen Worten: Auch wenn fünf Leute auf X lautstark etwas verlangen, kann es gut sein, dass 5.000 Leute dagegen sind, das aber eben nicht hinausbrüllen. Insbesondere im digitalen Raum ist schwer nachzuvollziehen, wie viele der „lautstarken“ Personen tatsächlich zu einer angekündigten Demonstration erscheinen würden, nur, weil sie den Aufruf geliked oder geteilt haben.
Die Masse mobilisiert sich dann am raschesten, wenn Identitätsfragen angesprochen werden. „Leute sind über emotionale Inhalte am besten zu erreichen“, erklärt Heinisch. „Das kann das christliche Abendland sein, das Einheimisch-Sein, das Gendern, oder das Deutsch-Sprechen.“ Wird ein Aspekt unserer Identität kritisiert oder angegriffen, wollen wir das richtigstellen – oder gehen zum Gegenangriff über. Und der kann online rauer ausfallen, als würden wir uns in der realen Welt gegenüberstehen. Im sicheren Umfeld der eigenen vier Wände in die Tasten zu hauen, ist eben doch gemütlicher, als sich mit einer fremden Person auf der Straße einen verbalen Schlagabtausch zu liefern.
Aus Sicherheitsgründen abgesagt
Emotion zieht. Sowohl bei den Algorithmen der Social-Media-Plattformen als auch bei politischen Eliten. Insbesondere Populisten beherrschen das Narrativ von „die da oben gegen uns hier unten“ perfekt. Dabei präsentieren sie sich bewusst an der Seite der Masse, machen die Eliten verantwortlich oder identifizieren einen Sündenbock für die Achillessehnen der Gesellschaft.
Über Algorithmen werden die emotional aufgeladenen Themen dann primär an die Menschen gespielt, die ohnehin schon prädestiniert für die Inhalte sind. Was folgt, ist ein Schneeballeffekt, der von simpler Rezeption über Meinungsmache bis Radikalisierung reichen kann. Was in der Theorie nach abstrakter Massenpsychologie klingt, zeigt sich in der Praxis an konkreten Fällen – etwa, wenn ein Konzert abgesagt wird, weil sich die Wut im Netz entlädt.
Dem geplanten Robbie-Williams-Konzert in Istanbul sollen Berichten zufolge Kampagnen auf Social Media vorangegangen sein, die zum Boykott des „Zionisten“ aufriefen. Die Posts wurden bis zu tausendfach aufgerufen, geteilt und kommentiert. Viele Kommentare verlinkten direkt Politiker und ihre Ämter, wie den türkischen Innenminister, den Gouverneur Istanbuls, das Ministerium für Tourismus und Kultur sowie das Innenministerium.
Von einer „Schande“ war hier zu lesen. Von „zionistischen Mistkerlen“. Vom „Terrorstaat Israel“. Davon, Robbie Williams nicht in „meinem“ Land haben zu wollen. Es wurden der Boykott und eine Absage gefordert und mit Gewalt gedroht. Das Konzert wurde abgesagt – „aus Sicherheitsgründen“. Mit dieser Begründung steht diese Absage nicht allein. Aus Sicherheitsbedenken strich Istanbul rund einen Monat zuvor auch das Konzert des jüdisch-algerischen Musikers Enrico Macias. Auch die norddeutsche Stadt Klütz sagte den Auftritt von Michel Friedman über ein Jahr im Voraus aus Sicherheitsgründen ab.


Nach der Absage in Berlin wurde der israelische Dirigent Lahav Shani vom Publikum in Berlin gefeiert. Dort hatte das Konzert nach der Ausladung vom Flanders Festival in Gent stattgefunden.
© APA-Images / REUTERS / Annegret HilseVorgeschobene Argumente
Hat der Mob gesiegt? Ja. Und nein. Ohne Mob, ohne wütende Mobilisierung auf Social Media,wäre die Stimmung wahrscheinlich nicht so aufgeheizt geworden. Doch muss deswegen ein Konzert abgesagt werden? „Das ist im Grunde das feigste Argument“, meint Jens Kastner, Universitätsprofessor für Soziologie und Kulturwissenschaften an der Akademie für bildende Künste in Wien. „‚Die Masse, der Mob, der Druck von außen ist so groß, dass wir die Sicherheit nicht garantieren können.‘ Was soll das bedeuten?“, ortet Kastner hier „vorgeschobene Argumente. Die Stadtregierung von Klütz „sehe sich gezwungen“, die Veranstaltung abzusagen, um die eigentlichen Gründe nicht nennen zu müssen.
Bei Absagen schwingt laut Heinisch häufig auch Symbolpolitik mit. Dabei gehe es gar nicht unbedingt um die Situation vor Ort, um das konkrete Konzert oder die ausgeladene Person. „Das hat sehr viel zu tun mit dem Selbstbild und welche Interessen ich verfolge“, meint Heinisch. Künstler, ihre Auftritte, oder das Absagen ihrer Auftritte werden von Politikern und Politikerinnen instrumentalisiert, um ihrer Wählerschaft eine bestimmte Einstellung zu symbolisieren. Und die darauffolgende mediale Aufmerksamkeit verschafft Sichtbarkeit. Sichtbarkeit ist Bekanntheit. Und Bekanntheit hilft bei Wahlen.
Leute sind über emotionale Inhalte am besten zu erreichen. Das kann das christliche Abendland sein, oder das Einheimisch-Sein, das Gendern
„Eine Absage ist nicht gleich Zensur“
Schränken diese Absagen die Demokratie ein? Zensieren wir uns selbst aus Symbolpolitik oder Furcht vor einem Shitstorm? Nein, meint Jens Kastner. Denn die Debatte endet nicht bei der Absage. In Wahrheit beginnt sie dort. Und das sei gut so.
Michel Friedmans Ausladung. Das abgesagte Robbie-Williams-Konzert. Jan Böhmermanns Absage an Rapper Chefket. Der Boykott gegen Anna Netrebko. Sie alle führten zu heftigen Diskussionen. In manchen Fällen zu erneuten Shitstorms. Aber, so Kastner, „eine Demokratie muss das aushalten“. Die Demokratie lebt von Meinungsfreiheit. Von der Pluralität der Meinungen. Von der Möglichkeit, Meinungen auszutauschen und zu hinterfragen. Die Ausladung eines Künstlers sei daher eher eine Frage der Professionalität als der Zensur.
Dabei ist die Masse nicht per se schlecht. Während der Mob vielleicht zurecht vorrangig negativ gesehen wird, sei die Masse auch ein notwendiger Bestandteil von gesellschaftlicher Transformation, gibt Kastner zu bedenken: „Das ist dann sozusagen eine gute Masse und ohne die geht es auch nicht.“
Proteste für oder gegen Regierungen, für oder gegen Gesetzesentwürfe haben zu gesellschaftlichen Veränderungen geführt, die ohne den Druck der Masse nicht möglich gewesen wären. „Sonst hätten wir nie ein Wahlrecht bekommen“, meint auch Heinisch. Aber auch der Meinungsfreiheit müssen Grenzen gesetzt werden, betont Kastner. Nämlich dann, wenn „eine Meinung so weit geht, dass sie andere verletzt, beschneidet und gefährlich wird für andere.“
Zwischen Hofnarr und Elite
War der Künstler in früheren Zeiten noch der Hofnarr, dessen Aufgabe es war, dem Herrscher die Meinung der Masse (wenngleich überspitzt und satirisch) entgegenzuhalten, wird der Künstler heutzutage als Teil der Elite wahrgenommen, „weil sie mehr verdienen, weil sie erfolgreicher sind oder weil sie in Filmen vorkommen. Und wer dort vorkommt, ist nicht einer des normalen Volkes“, argumentiert Heinisch. Die Masse erwartet, dass sie sich zu Themen positionieren. Künstlerinnen und Künstler werden dadurch zu Projektionsflächen der Debatte – und geraten in ein Spannungsfeld, das weit über die Kunst hinausreicht.
Doch wo endet die Verantwortung der Masse und wo beginnt die der Einzelnen, insbesondere jener, die durch ihre Kunst Meinungen prägen und Debatten anstoßen? Denn es bleibt die Frage nach der Trennung zwischen Werk und Künstler. Darf die Kunst kritisiert werden für die politischen Ansichten der Künstlerin?
Die Veranstalter des Flanders Festivals in Gent wollten nicht zwischen Werk und Künstler trennen und luden im vergangenen September die Münchner Philharmoniker mit ihrem designierten Chefdirigenten Lahav Shani aus. Die Begründung: „Im Hinblick auf seine Rolle als Chefdirigent des Israel Philharmonic Orchestra sind wir nicht in der Lage, ausreichende Klarheit über seine Haltung gegenüber dem genozidalen Regime in Tel Aviv zu schaffen.“ Die Ausladung führte zu einem Aufschrei in der Kulturszene und wurde heftig öffentlich debattiert. Das kurzerhand organisierte Sonderkonzert in Berlin wurde mit tosendem Applaus gefeiert und von politischer Prominenz beehrt.
Vom Mob zur Masse
Zurück zu Michel Friedman, denn er ging einen eigenen Weg der Bewältigung. Nach der Ausladung von der Lesung suchte Friedman das Gespräch. Um zu sehen, wie groß der Mob tatsächlich sei, der für Sicherheitsbedenken gesorgt hatte, reiste er eine Woche nach seiner Ausladung nach Klütz.
Auf dem Marktplatz versammelten sich rund 500 Teilnehmer und Teilnehmerinnen. Manche, um den Bürgermeister zu verteidigen, andere, um nicht in die rechte Ecke gedrängt zu werden. Einig waren sie sich am Ende nicht, befanden aber alle, dass der Austausch gut gewesen sei.
Auf dem Marktplatz wird aus dem Mob vielleicht wieder das, was er eigentlich ist: eine streitbare, vielfältige Masse. Ob auch der Stephansplatz diesen Raum einnimmt, bleibt offen.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 20/2026 erschienen.






