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Generation Pension: Wie die Regierung ihre treuesten Wähler verliert

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©Unsplash, Vitaly Gariev

Die Pensionistinnen und Pensionisten waren bisher die stabilste Wählergruppe von ÖVP und SPÖ. Doch nun setzt die Regierung neuerlich zu schmerzhaften Einschnitten bei ihnen an – und das könnte wiederum für sie bei den nächsten Wahlen schmerzhaft werden. Wen wählen die Älteren, wie leben sie, was tragen sie zu Wirtschaft und Gesellschaft bei? Eine Vermessung.

Hätten bei der Nationalratswahl 2024 nur die Pensionistinnen und Pensionisten gewählt, hätten ÖVP und SPÖ gemeinsam fast eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Nationalrat. Laut Wahlanalyse von Foresight haben damals 39 Prozent dieser Bevölkerungsgruppe die ÖVP gewählt (deren Wahlergebnis insgesamt: 26,3 Prozent), 25 Prozent die SPÖ (21,1), „nur“ 21 Prozent die FPÖ (28,8), 8 Prozent die Grünen (8,2) und 5 Prozent die NEOS (9,1).

Nicht einmal ein Jahr später richtete Bundeskanzler Christian Stocker den Seniorinnen und Senioren im Fernsehen aus, dass ihre Pensionsanpassung unter der Inflationsrate bleiben werde. Seniorenbund-Chefin Ingrid Korosec damals auf die Frage, ob das ein Affront gewesen sei? „Ja, das war es.“

„Die beste Wahlhilfe für die FPÖ“

Lud die Regierungsspitze die Interessenvertreterinnen wenigstens vorab zum Gespräch, bevor offiziell wurde, dass im Doppelbudget 2027/28 wieder 550 Millionen Euro bei den Pensionserhöhungen eingespart werden sollen. „Das ist die beste Wahlhilfe für die FPÖ“, murren Babler-Kritiker. Politikwissenschafter Laurenz Ennser-Jedenastik von der Uni Wien geht davon aus, dass sich die Zuwächse der FPÖ in den Meinungsumfragen, derzeit liegt sie bei rund 36 Prozent, aus dieser Altersgruppe speisen, „die bisher nicht so sehr bei der FPÖ zuhause war“.

Meinungsforscher Christoph Haselmayer (Institut für Demoskopie und Datenanalyse) bestätigt das mit Blick auf seine Umfragen: „Die ÖVP ist bei den Pensionistinnen und Pensionisten immer noch stark, aber sie verliert an Boden. Aber die Blauen werden von Halbjahr zu Halbjahr stärker.“ Konkret: Wären kommenden Sonntag Nationalratswahlen würden nur noch 30 Prozent der Pensionistinnen und Pensionisten die ÖVP wählen, die FPÖ käme in dieser Gruppe bereits auf 26 Prozent, die SPÖ rutscht auf 22 Prozent ab.

„Das liegt aber nicht nur an den Einschnitten bei den Pensionen, sondern hier zeigt sich der allgemeine Unmut in der Bevölkerung und der Wunsch nach einem Systemwechsel“, sagt Haselmayer. Waren die Pensionisten bisher eine bewahrende Gruppe, seien nun auch sie zunehmend auf Wechsel eingestellt.

Bei den Menschen den Sparstift anzusetzen, statt in den Strukturen zu sparen, ist weder mutig noch nachhaltig

Ingrid Korosec

Im Krisenmodus seit Corona

Seniorenbund-Präsidentin Ingrid Korosec sagt auf die Frage, ob den Regierungsparteien die Pensionisten wegbrechen und was diese an der Politik besonders ärgert: „Die Stimmung ist – und das belegen aktuelle Umfragen – bei allen Gesellschaftsgruppen von Pessimismus geprägt. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir seit der Corona-Pandemie in einem Krisenmodus sind. Und es ist kein Ende in Sicht. Die Solidarität ist noch groß, aber enden wollend.

Wir brauchen politische Verlässlichkeit und Mut. Bei den Menschen den Sparstift anzusetzen, statt in den Strukturen zu sparen, ist weder mutig noch nachhaltig. Die Menschen sind in erster Linie verunsichert. Sie haben Angst. Und wenn aus Angst Wut wird, bleiben die Menschen bei der nächsten Wahl zu Hause oder wählen aus Protest und nicht aus Überzeugung. Das schadet dann natürlich den regierenden Parteien, aber vor allem der Demokratie.“

Ist es nur der Spardruck oder haben die Älteren an politischem Gewicht verloren, während ihre Zahl stetig wächst? Wer sind die Pensionisten, welche Rolle spielen sie in diesem Land?

2,6 Millionen Senioren

Derzeit bekommen in Österreich rund 2,6 Millionen Menschen eine Pension ausbezahlt. Durch die Überalterung der Gesellschaft wird diese Zahl in den nächsten Jahren kräftig in die Höhe schießen – auf 3,11 Millionen im Jahr 2045. Sie stellen dann ein Drittel der Bevölkerung.

Genau das ist es, was der Politik Kopfzerbrechen macht. Immer weniger Erwerbstätige zahlen in die Pen­sionskassen ein. Die Altersbezüge finanzieren sich über ein Umlagesystem. Wer arbeitet, zahlt ein, in der Annahme, dass man im Alter sein Geld wieder he­rausbekommt. Die aktuellen Pensionen werden von den aktuellen Arbeitnehmerinnen und -nehmern bezahlt. Und vom Staat, der die Lücke, die durch immer weniger Einzahler entsteht, aus dem Budget auffüllen muss.

36 Mrd. Euro Zuschuss

Insgesamt 36 Milliarden Euro schoss der Staat 2025 in den Pensionstopf zu. Aber – wird selten dazugesagt – damit werden nicht nur Pensionen bezahlt. Rund 5,1 Milliarden fließen in: Reha-Aufenthalte und Gesundheitsvorsorge (1,7 Mrd.), die Ausgleichszulage für Armutsbekämpfung (1,3 Mrd.), Zuschüsse für die Pensionen Selbstständiger (0,8 Mrd.), Wochen-, Kranken-, Wiedereingliederungs- und Reha-Geld (ebenfalls 0,8 Mrd.), Kosten für Kindererziehung (0,4 Mrd.) sowie Präsenz- und Zivildienst (0,1 Mrd.).

„Das Alterssicherungssystem ist mit Ausgaben und Aufgaben überfrachtet, die sozialpolitischen Zielsetzungen entspringen, aber eigentlich nichts mit den Pensionen zu tun haben“, erklärte WIFO-Pensionsexpertin Christine Mayrhuber im News-Interview. Reha-Geld oder die Berufsunfähigkeitspension (2024: 116.686 Personen) bezahle in anderen Ländern die Krankenkasse.

Hinterbliebenenpensionen (6,1 Mrd. Euro) würden ebenfalls aus dem Pensionssystem finanziert, obwohl dafür keine Beiträge einbezahlt werden. Die Ausgleichszulage ist eine Sozialleistung. „Steuermittel für das Pensionssystem sind legitim, weil gesellschaftspolitische Ziele verfolgt werden“, erklärt Mayrhuber.

21,7 Mrd. Euro Steuern

Die älteren Generationen kosten den Staat nicht nur etwas, sie zahlen auch. 21,7 Milliarden Euro pro Jahr liefern sie an Steuern und Abgaben an den Finanzminister ab. Rund ein Viertel des Lohnsteueraufkommens in Österreich ist auf Pensionen zurückzuführen. Dazu kommen Konsumsteuern, Kapitalertragssteuern etc. In die Krankenkasse zahlen die Pensionistinnen und Pensionisten rund ein Fünftel der Einnahmen ein. Die Regierung hat 2025 die Krankenversicherungsbeiträge für diese von 5,1 auf 6 Prozent erhöht. Das soll 3,3 Milliarden Euro Mehreinnahmen bringen.

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Senioren-Politik: Birgit Gerstorfer (SPÖ-Pensionistenverband) und Ingrid Korosec (ÖVP-Seniorenbund) fordern volle Inflationsabgeltung bei den Pensionen.

 © APA-Images, APA, Hans Klaus Techt

2.130 Euro Ausgaben

Die Seniorenorganisationen verweisen darauf, dass ihre Zielgruppe ein bedeutender Wirtschaftsfaktor sei. Rund 60 Milliarden Euro beträgt ihre Kaufkraft insgesamt, das sind etwa 25 Prozent des gesamten privaten Konsums in Österreich. Im Detail: Die jüngste verfügbare Konsumerhebung der Statistik Austria bezieht sich auf die Jahre 2019/20. Demnach liegen die Verbrauchsausgaben von Pensionistenhaushalten im arithmetischen Mittel bei 2.740 Euro (die höchsten Haushaltsausgaben haben die 45- bis 49-Jährigen mit 3.810, bei einer durchschnittlichen Haushaltsgröße von 2,91 Personen), heruntergerechnet auf Einzelpersonen bei 2.130 Euro.

Es gibt hier allerdings starke Unterschiede. Personen mit Pflichtschulabschluss verfügen nur über 1.550 Euro, Menschen mit akademischem Abschluss über 2.960 Euro. Schaut man auf die frühere berufliche Stellung, dann geben ehemals öffentlich Bedienstete am meisten Geld aus (2.410 Euro), ehemalige Arbeiterinnen und Arbeiter am wenigsten (1.670). Alleinlebende Männer, deren Pensionen in der Regel deutlich höher sind, geben mehr aus als Frauen (2.260 zu 2.010 Euro).

Wohnen und Energie als Hauptausgabe

Im Schnitt fällt etwas mehr als ein Viertel der Ausgaben auf den Bereich Wohnen und Energie, knapp 13 Prozent auf Ernährung und alkoholfreie Getränke, jeweils knapp 12 Prozent auf Verkehr und Freizeit/Sport/Hobby. Generell gilt: Ältere Menschen haben deutlich höhere Gesundheitsausgaben, und zwar um 74 Prozent mehr als jüngere Haushalte. Jüngere geben wiederum mehr fürs Fortgehen bzw. Essen gehen aus, während Ältere mit geringeren Kosten zu Hause kochen. Studien zeigen: Wer weniger Geld hat, verwendet mehr Zeit darauf günstigere Produkte und Sonderangebote zu finden.

Und apropos zu Hause: Von den 60bis 69-Jährigen leben knapp 58 Prozent im Eigentum (bei 30- bis 39-Jährigen: 36,8 Prozent), 54,6 Prozent mit Garten, erst mit zunehmendem Alter sinkt der Anteil der Eigenheimbesitzer auf 47,6 Prozent.

Seniorenratspräsidentin Ingrid Korosec sieht ihre Seniorinnen und Senioren finanziell am Limit. Sie verlangt die volle Inflationsanpassung bei den Pensionen: „Die Pensionistinnen und Pensionisten können das nicht mehr stemmen – weil sie bereits beim Doppelbudget 2025/2026 mit 8,4 Milliarden Euro bis zum Ende der Legislaturperiode enorm viel stemmen. Dazu kommt die zusätzliche Belastung durch die allgemeine Teuerung mit rund 150 EUR pro Monat. Statt bei den Leistungen und bei den Menschen zu sparen, sollte bei Doppel- und Dreifachgleisigkeiten, bei Förderungen und in den teuren Strukturen des Staates gespart werden, etwa im Gesundheitsund Pflegesystem. Bereits seit vielen Jahren fordere ich die ,Finanzierung aus einer Hand‘, damit nicht bei den Patientinnen und Patienten gespart werden muss.“

9 Mrd. Euro Ehrenamt

Auf neun Milliarden Euro schätzen die Seniorenvertreterinnen den Gegenwert der ehrenamtlichen Tätigkeiten ihrer Gruppe. Eine hohe Summe, die Zahlen der Statistik Austria zeigen jedoch, dass die über 60-Jährigen nicht die fleißigste Bevölkerungsgruppe sind. Laut einer Erhebung der Statistik Austria zur Freiwilligentätigkeit in Österreich waren 2025 39,4 Prozent der Pensionistinnen und Pensionisten in Vereinen, Nachbarschaftshilfe, Pflege, Kinderbetreuung etc. tätig.

Wesentlich höher ist der Anteil der Freiwilligen bei den Erwerbstätigen mit 54,2 Prozent und bei Menschen in Ausbildung mit 50,9 Prozent. Der Anteil der Pensionisten an allen Freiwilligen liegt bei 22,9 Prozent. Etwas mehr als sieben Stunden pro Woche investieren sie im Schnitt dafür. Den Hauptanteil der informellen Freiwilligentätigkeiten machen Kinderbetreuung, Pflege und Besuchsdienste aus.

1.002.934 Spitalsaufenthalte

Ältere Menschen sind häufiger krank, das zeigt die Erhebung der Statistik über die Spitalsaufenthalte. Von den 2.166.338 Spitalsaufenthalten in Akutversorgung 2024 entfielen 1.002.934 auf über 65-Jährige. (50–64-Jährige: 567.354) Erfreulich dagegen das subjektive Gesundheitsempfinden: 21,3 Prozent der 60- bis 75-Jährigen beurteilen ihren Gesundheitszustand mit sehr gut, 43,4 Prozent als gut, bei den über 75-Jährigen sind es immer noch 10,4 bzw. 29,8 Prozent. 80,3 Prozent sind „nie“ niedergeschlagen oder schwermütig, 90,4 Prozent haben „nie“ das Gefühl, versagt zu haben oder eine schlechte Meinung von sich selbst.

704 Verurteilte

Seniorinnen und Senioren werden weniger oft straffällig. Von insgesamt 25.445 verurteilten Personen im Jahr 2024, waren nur 704 älter als 65.

83,7 Prozent Autofahrer

Die Österreicher sind Autofahrer, die Pensionisten bleiben es. 83,7 Prozent ihrer Haushalte verfügen über mindestens ein Auto oder ein Motorrad. Allerdings leben sie im Straßenverkehr gefährlicher. 2024 verunfallten laut Statistik Austria insgesamt 6.877 über 65-Jährige, der höchste Wert seit Beginn der digitalen Aufzeichnungen 1992.

Den höchsten Anteil an den Verunglückten halten allerdings die 15- bis 24-Jährigen. „Nicht angepasste Geschwindigkeit“ ist bei Jungen bei 22 Prozent der Verunglückten Unfallursache, bei den Senioren hingegen nur bei acht. „Unachtsamkeit/Ablenkung“ betrifft Senioren hingegen mit 41 Prozent der Verunglückten, bei den Jungen 27 Prozent. Und die Älteren sind bei Unfällen, an denen sie beteiligt sind, weitaus öfter die Verursacher. Bei über 85-Jährigen sind es 83,1 Prozent.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 20/2026 erschienen.

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