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Aktuell existieren spezielle Klassen für Hochbegabte nur als Schulversuch. Ab 2027 soll es eine eigene Sonderform im Regelschulwesen geben, bis 2030 will man laut wirkungsorientierter Folgenabschätzung vier "Allgemeinbildende höhere Schulen für Hochbegabte" schaffen. Erlaubt sind laut Gesetzesentwurf, dessen Begutachtungsfrist gerade zu Ende gegangen ist, aber auch nur einzelne Klassen an einem bestehenden Standort, der Lehrplan muss zur Reifeprüfung des Gymnasiums oder Realgymnasiums führen. Dadurch sollen Schülerinnen und Schüler, die dann doch nicht mit den erhöhten Anforderungen zurechtkommen, notfalls in eine reguläre Klasse am Standort wechseln können. Der Unterricht der Sonderform soll die Begabungen der Schüler möglichst gezielt unterstützen - etwa durch Vorziehen von Inhalten oder Abschlüssen, Erweiterung des Lehrplans, Hochschulkurse schon in der Schulzeit, Anpassungen beim Stoff (zusätzliche oder weiterführende Lerninhalte, individuelle Lernziele) oder Coaching und Mentoring.
Gegen die Einrichtung dieser nunmehr vierten AHS-Sonderform (Angebote für Berufstätige; Musik-, Sport- oder Englischschwerpunkt; Werkschulheim mit Handwerksausbildung) gibt es kaum Widerstand. Das konkret geplante Modell mit drei statt vier Jahren Unterstufe sehen Expertinnen und Experten allerdings skeptisch. Dadurch würde nicht nur ein etwaiger Wechsel in eine Regelklasse recht komplex.
Eine Verkürzung sei auch "weder für alle begabten Kinder noch für alle Schulstandorte passend und praktikabel", so die Warnung aus dem BG/BRG Wieselburg, wo man in der Hochbegabten-Klasse vom Modell mit einer drei- auf eine vierjährige Unterstufe umgestiegen ist. Hochbegabung betreffe nicht immer alle Fachbereiche und die sozial-emotionale Entwicklung verlaufe nicht immer synchron mit der kognitiven Leistungsfähigkeit, Fördermaßnahmen sollten deshalb möglichst flexibel sein. Auch im Österreichischen Zentrum für Begabtenförderung und Begabungsforschung (ÖZBF) der Pädagogischen Hochschule (PH) Salzburg will man frühe Spezialisierung und Beschleunigung nicht mit besserer Förderung gleichsetzen, außerdem werde die Unterstufe in den meisten bestehenden Schulversuchen vierjährig geführt.
Für das Hochschulkollegium der PH Oberösterreich steht die geplante Sonderform insgesamt im Widerspruch zu den Erkenntnissen aus Lern- und Unterrichtsforschung: Für individuellen Lernerfolg und soziale Integration und Inklusion wäre nämlich die Arbeit in heterogenen Lerngruppen besonders wichtig, mit dem geplanten Modell riskiere man noch dazu eine "Bildung sozial isolierter Eliten". Kritik kommt auch von den unabhängigen Lehrervertretern der ÖLI-UG: Mit dem geplanten Modell erreiche man nur einen verschwindend kleinen Teil der Schüler in wenigen Regionen, gleichzeitig würden in den Hochbegabten-Klassen Zehn- bis 14-Jährige durch die geplante dreijährige Unterstufe und das Verbot einer Klassenwiederholung unter Druck gesetzt. Die Gewerkschafter fordern stattdessen gute Konzepte und mehr Ressourcen zur Begabungsförderung an allen Schulen.
Die Arbeiterkammer würde die Begabungsförderung ebenfalls gern breiter aufsetzen: Der Lehrplan der Sonderform sollte auch in Regelklassen anwendbar sein, und das nicht nur an AHS. Die BMHS-Gewerkschaft fordert ihrerseits zusätzliche Ressourcen, um hochbegabte Schüler auch an den Berufsbildenden mittleren und höheren Schulen (BMHS) fördern und unterstützen zu können. Das Begabtenförderungszentrum ÖZBF plädiert generell für mehr Förderangebote. Immerhin hätten 16 Prozent eines Jahrgangs die kognitiven Voraussetzungen für schulische Spitzenleistungen, wenn die Lernumgebung passt.
Dementsprechend wurde auch in vielen Stellungnahmen begrüßt, dass einzelne Elemente der bisherigen Schulversuche für Hochbegabte - eigenständiges Erledigen von Arbeitsaufträgen, Lockerung der Anwesenheitsregeln in mittleren und höheren Schulen ab der 10. Schulstufe - künftig an allen Schulen genutzt werden können. Viel Kritik gab es allerdings daran, dass im Gesetz künftig Arbeitsaufträge und Hausübungen über das Wochenende, Feiertage oder Ferien nicht mehr verboten sein sollen und dass nicht mehr verpflichtend auf die Belastbarkeit der Schüler Rücksicht zu nehmen ist, etwa bei Hausübungen in anderen Fächern oder Schulveranstaltungen. Lehrergewerkschaft und der Psychologen-Berufsverband (BÖP) warnen vor Überforderung der Schüler; die Diakonie fürchtet überhaupt eine "Verlagerung schulischer Kernaufgaben in die Familie", wenn Arbeitsaufträge auch neuen Stoff beinhalten dürfen. Aus Sicht des Katholischen Familienverbands sollten Arbeitsaufträge nur als freiwilliges ergänzendes Angebot möglich sein.
Durch die geplante Lockerung der Anwesenheitsregeln erwartet die AHS-Personalvertretung "große Auswirkungen auf den Unterricht und auf das Zusammenleben in einer Schule" und verlangt, dass Änderungen deshalb nur bei Zustimmung von Lehrer-, Eltern und Schülervertretung möglich sein sollen. Im BÖP befürchtet man unterdessen, dass bei weniger Anwesenheitspflicht Probleme wie Schulangst, depressive Rückzugstendenzen oder Suchtverhalten erst später als bisher auffallen könnten.
