Der Abgang des ORF-Generals während des Schweizer Plebiszits gegen eine halbierte Haushaltsabgabe ist eine Chance für Stiftungsrat und Medienpolitik: Die einen müssen sich emanzipieren, die anderen loslassen. Das gilt trotz des Eklats am Weltfrauentag auch für den Gender-Wunsch des Vizekanzlers.
Der Rücktritt von Roland Weißmann als ORF-Chef kommt zum ungünstigsten und zugleich besten Zeitpunkt für eine massive Disruption auf dem Küniglberg. Ungeachtet der Fehler, die den Abgang ausgelöst haben, lag der Moment der Enttarnung kaum zufällig zwischen den letzten Sitzungen des Publikums- und Stiftungsrats vor der Stellenausschreibung für den nächsten Generaldirektor.
Das Gremium, das ihn am 11. August wählt, tritt erst nach Ende der Bewerbungsfrist wieder zusammen. Medienminister Andreas Babler präjudiziert diese Abstimmung bereits mit dem Wunsch nach einer Frau. Bis Redaktionsschluss hatte Ingrid Thurnher nicht dementiert, dass sie sich gemeint fühlen könnte. Martha Schulz zeigt in der Wirtschaftskammer, wie dauerhaft sich eine Interimsführung entpuppen kann.
Die Alternativen ohne Kanten
Wie bei der WKO ist im ORF eine Reform überfällig. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk benötigt eine neue Aufgabendefinition zum demokratischen Kommunikationsdienstleister. Dazu braucht er eine widerständige Spitze – obwohl die Koalition ein Vorschlagsrecht der ÖVP dafür ausgepackelt hat. Die aus ihr kolportierten Weißmann-Alternativen Alexander Hofer (NÖ-Landesdirektor) und Philipp König (Kronehit-Chef) haben noch keine Ecken und Kanten gezeigt, die sie besonders empfehlen. Im Gegensatz zu Magazinchefin Lisa Totzauer, die 2021 gegen Weißmann und Vorgänger Alexander Wrabetz angetreten ist.
Ob ihr die damals FPÖ-nahen Stimmen nun im Weg stehen oder nutzen, ist eine ebenso offene Frage wie jene, welche Frau Minister Babler sonst gemeint haben könnte. Zwei logische und kaum gängelbare Kandidaten, die nicht auf der ÖVP-Wunschliste stehen, sind Männer:
Markus Breitenecker, der Ex-CEO der Sendergruppe um Puls 4 und ATV, und Clemens Pig, der die Austria Presse Agentur von einem Rekordjahr zum nächsten führt. Der Fernsehmann war fast Drehbuch-Co-Autor der Medienenquete von Ex-ÖVP-Minister Gernot Blümel. Der APA-Chef hält bei einem Mediengipfel in Kooperation mit der LH-Konferenz unter Anton Mattle die Keynote – mitten in der ORF-Bewerbungsphase. Das wirkt auch angesichts der anstehenden Verwaltungsreform und der wahren Macht der Landeshauptleute nach einer unausgesprochenen Ansage. Im Gegensatz zu Harald Kräuter, der als gut beleumundeter Technik-Direktor des ORF noch in Deckung bleibt.
Beste statt parteinahe Köpfe
Mit keinem der Genannten sollte die ÖVP ein grundsätzliches Problem haben. Das hat sie nun eher mit Babler, der den Regierungspartner mit seinem Frauenwunsch düpiert. Auch im 35-köpfigen Stiftungsrat, der General oder Generalin wählt, sitzen nur zehn weibliche Mitglieder. Wenn er seinen ewig schlechten Ruf als willfähriges Instrument der Regierungspolitik ablegen will, ergibt sich nun die vielleicht letzte Gelegenheit. Der (rote) Vorsitzende Heinz Lederer und sein (schwarzer) Stellvertreter Gregor Schütze legen mit dem vorerst erstaunlich souveränen Handling des Falls Weißmann den Grundstein dazu.
Das Fundament taugt für den Rohbau eines ORF-Direktoriums der besten Köpfe – auch gegen allfällige (Vize-)Kanzlerwünsche. Das gilt in diesem Fall sogar für die ansonsten einschränkungslos zu unterstützende Gender-Begehrlichkeit.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 11/2026 erschienen.





