Kriege, Klimawandel, schwache Wirtschaft: Große Krisen begleiten unseren Alltag. Doch was können Einzelne schon dagegen ausrichten? In seinem neuen Buch „Keine Macht der Ohnmacht" schreibt der deutsche Soziologe und Rechtsextremismusforscher Matthias Quent gegen die Resignation an. Im Interview erklärt er, warum Rechtsextreme vom Ohnmachtsgefühl vieler profitieren, wie sich faschistische und demokratische Selbstermächtigung unterscheiden und warum Engagement glücklich macht.
Wann waren Sie zuletzt auf einer Demonstration?
Ich erinnere mich ehrlich gesagt nicht, wann ich zuletzt als Teilnehmer auf einer Demo oder Kundgebung war. Ich beobachte sie öfter aus wissenschaftlichem Interesse. Bei Anti-Remigrations-Demos hatte ich am ehesten auch die Rolle als Demonstrant.
Derzeit gäbe es viele Gründe, sich zu engagieren oder zu demonstrieren. Gleichzeitig herrschen Politikverdrossenheit und Klimamüdigkeit. Woher kommt das?
Zum Teil daher, dass Leute das Gefühl haben, sie haben sich engagiert, aber es hatte keine Auswirkungen. Ein trauriges Beispiel in Deutschland ist die Remigrationsdebatte: Vor zwei Jahren haben bis zu vier Millionen Menschen gegen rechts und die AfD demonstriert, es war die größte Protestbewegung in der Geschichte der Bundesrepublik. Aber die Regierung hat nicht mit Maßnahmen darauf reagiert. Manche haben auch überzogene Erwartungen: Dass von heute auf morgen alles anders wird, funktioniert in einer Demokratie so nicht. Engagement hat einen Impact, die Demos damals waren durchaus erfolgreich. Aber die Wirkungszusammenhänge sind komplexer, als an Wählerprognosen ablesbar ist.
Sie beschreiben dieses Gefühl der Ohnmacht als zentrales Problem, das uns bei der Bewältigung von Krisen im Weg steht. Wie zeigt es sich?
Dem Buch liegt eine Untersuchung zugrunde. Das Interessante ist: Ein Großteil der Menschen fühlt sich emotional in einem Kampfmodus auf Krisen. Sie wollen reagieren, aktiv sein, gestalten. Fragt man sie dann, wie sie gehandelt haben, sagen sie: Ich konnte gar nichts machen. Es gibt eine zentrale Kluft zwischen dem Anspruch, mitgestalten zu können, und der Wahrnehmung, wirklich etwas tun zu können.
Die Welt ist so komplex geworden, dass viele Menschen nicht mehr verstehen, was passiert
Woher kommt die Kluft?
Die Welt ist so komplex geworden, dass viele Menschen nicht mehr verstehen, was passiert. Ich nehme mich da nicht aus. Wer versteht schon, wie die Finanzmärkte genau funktionieren oder welche konkreten Auswirkungen Klimakrise und Kriege in Zukunft haben? All diese Ereignisse erreichen uns, auch durch die sozialen Medien, unmittelbar. Gleichzeitig meinen wir, wir können nichts tun. Aber dieses Gefühl ist gefährlich, weil es die Demokratie aushöhlt: Die Ohnmacht macht uns zu Statisten, aber in Demokratien sind wir Bürgerinnen und Bürger alle Aktivisten: Menschen, die im Alltag mitgestalten können, nicht nur bei Wahlen.
Ja, unsere Wirksamkeit ist begrenzt. Das ist auch gut so. Denn das Gegenteil – Allmacht – wäre etwas Totalitäres, etwas Faschistisches. Darum ist die Übermacht von Elon Musk und Co. so problematisch. Ohnmacht ist ein Stück weit auch Teil von Demokratie. Sie darf aber nicht so weit gehen, dass wir uns komplett fremdbestimmt fühlen.
Warum übersetzt sich das Gefühl des Kämpferischen nicht in Taten?
Zum Beispiel aus erlernter Hilflosigkeit: Wenn ich versucht habe, etwas zu verändern, es aber nichts gebracht hat, mache ich es vielleicht nicht wieder. Andere Menschen haben es gar nie gelernt. Wo sollen sie das auch, wenn in der Schule keine Mitbestimmung möglich ist oder sie an ihrem Arbeitsplatz nur Befehle ausführen?
Die Freiheit, mitbestimmen zu können, ist extrem ungleich verteilt. Wer am Fließband steht oder putzt – alles wichtige Arbeiten –, hat kaum Gestaltungsfreiheiten. Wenn in Krisen das Vertrauen in die Politik verschwindet, sagen mehr Leute: Um der Welt nicht ausgeliefert zu sein, will ich starke Führung, die für mich die Verantwortung übernimmt und die Komplexität auflöst. Dann kommen wir in einen autoritär-faschistischen Modus.
Von der Ohnmacht profitieren also vor allem die extrem Rechten. Was machen sie besser, um Menschen anzusprechen, die sich ohnmächtig fühlen?
Sie sind in der emotionalen Ansprache sehr erfolgreich. Sie verbinden sich mit ihren Anhängern zu einem Kollektiv der vermeintlich Entrechteten, signalisieren immer wieder: „Das einfache Volk wird übergangen und fremdbestimmt. Wir erschüttern das System! Werde Teil dieser Bewegung!“ Aber diese Wirksamkeit ist trügerisch: Autoritäre Führer machen keine Politik im Sinne der Menschen, die sie unterstützen.
Sie nutzen das Gefühl der Ohnmacht als Vorwand für eine autoritäre Transformation zu einem Staat, in dem weniger Beteiligung möglich ist und Ungleichheiten noch zunehmen. Wir sehen in Ungarn, Russland und überall, wo extrem Rechte an der Macht sind, dass die Bevölkerung weniger oder gar keine demokratischen Mitbestimmungsrechte hat. Auch die USA entwickeln sich in diese Richtung. Aber die Anhänger haben wenigstens das Gefühl, kollektiv wirksam zu sein.
Kann Selbstwirksamkeit auch in etwas Negatives umschlagen? Beim Sturm aufs Kapitol haben sich Demonstranten selbst ermächtigt …
Ja, um gegen ein demokratisches Wahlergebnis zu putschen und den eigenen Anführer zu einer demokratisch nicht legitimierten Allmacht zu bringen. So funktioniert die kollektive Handlungsfähigkeit faschistischer Bewegungen. Dahinter steht ein totalitärer Machtanspruch, der die eigene Ohnmacht – in dem Fall: die Wahl verloren zu haben – nicht aushält und zu Gewalt führt. In einer Demokratie sind Wahlergebnisse zu akzeptieren. Wenn es mir nicht passt, brauche ich bessere Strategien und Antworten, um das nächste Mal zu gewinnen. Der Unterschied zwischen einer faschistischen und demokratischen Selbstermächtigung liegt in der Begrenzung von Macht mit dem Ziel, Machtmissbrauch zu verhindern.
Wie blicken Sie als Rechtsextremismusforscher auf Österreich? In seinem aktuellen Rechtsextremismusbericht* warnt das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) vor einer neuen Generation von Neonazis.
Ich finde es sehr wichtig, dass es das unabhängige Berichtswesen des DÖW gibt, dass dort Fachleute aufzeigen, was im Land los ist und welche Überschneidungen es zwischen dem außerparlamentarischen Neonazismus und der FPÖ gibt. In jedem Land existieren lokale Besonderheiten, aber das Phänomen des Rechtsrucks ist global.
Der jugendliche Neonazismus erstarkt auch in Deutschland. In Karlsruhe stehen 14-Jährige vor dem Bundesverfassungsgericht wegen rechtsterroristischer Anschlagspläne, Schulen klagen über eine Flut von rechtsextremen Vorfällen, die sozialen Medien tun ihr Übriges. Wir haben auf verschiedenen Ebenen Parallelentwicklungen in Österreich und Deutschland, wo wir noch besser voneinander lernen können, was den Umgang damit angeht.
Rechtsextremismusbericht
2023 beauftragten Innen- und Justizministerium das DÖW, jährlich einen Bericht über Rechtsextremismus in Österreich zu erstellen. Diesen gab es in Österreich bereits bis 2002, unter Schwarz-Blau wurde er abgeschafft. Rechtsextremismus wurde in der Zwischenzeit als ein Kapitel im Verfassungsschutzbericht behandelt.
Der aktuelle Bericht wurde im Jänner präsentiert. Darin wird vor einer neuen Generation von Neonazis und einem „symbiotischen" Verhältnis zwischen Identitären und FPÖ, vor allem der Parteijugend, gesprochen. Die FPÖ übt regelmäßig Kritik am Bericht und dem DÖW.
DÖW-Leiter Andreas Kranebitter hat Rechtsextremismus als die quantitativ größte Bedrohung für unsere Demokratie bezeichnet. Stimmen Sie zu?
Das ist ein Konsens, dem wohl alle europäischen Fachleute und Sicherheitsagenturen zustimmen würden. Man sieht es in den Zahlen von Gewaltvorfällen. In Deutschland geht die Zahl der rechtsextremen Gewalt- und Straftaten stark nach oben, deutlich stärker als linke Gewalttaten, die oft zum Vergleich genannt werden.
Die größte Herausforderung ist die Verbindung zu den Rechtsaußen-Parteien in Europa, über die Identitäre Bewegung und andere Brückenakteure, nun auch noch mit der Unterstützung der Superreichen aus den USA, wie Elon Musk, und der russischen Desinformation. Natürlich gibt es auch einen organisierten Islamismus, linken Antisemitismus und diverse Splittergruppen. Aber eine so einheitliche und auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen wirkmächtige Bewegung wie den organisierten Rechtsextremismus gibt es nicht noch mal.
Die Mehrheit der Menschen ist gegen Rechtsextremismus und Faschismus. Sie schreiben, es ist demokratieförderlich, wenn Menschen ins Handeln kommen. Wie gelingt das, wenn man sich ohnmächtig fühlt?
Man überwindet Hilflosigkeit, indem man handelt. Also: einfach anfangen! Wir suchen häufig nach Vorwänden, warum wir nichts ändern können, wir rationalisieren die Ohnmacht. Meine Studie und viele andere Engagement-Studien zeigen: Wer sich politisch und sozial engagiert, hat eine höhere Lebenszufriedenheit, ist gesünder, kommt besser durch Krisen, ist weniger einsam und fühlt sich auch weniger hilflos, weil man diese Erfahrung von Selbstwirksamkeit hat.
Das kann in der Nachbarschaftsarbeit, in sozialen Bewegungen, der Kirche oder politischen Parteien sein – es gibt viele Möglichkeiten. Diejenigen, die besonders nah an Verschwörungserzählungen oder faschistischen Lösungen stehen, fühlen sich oft fremdbestimmt. Sie sagen, sie haben wenig Einfluss auf ihre Umgebung und ihr Leben. Aber wer das Gefühl hat, sein Leben aktiv gestalten zu können, ist auch weiter weg von antidemokratischen Positionen. Hoffnung kommt durchs Handeln.
Zahlen & Fakten
1.486 rechtsextreme bzw. fremdenfeindliche Taten gab es 2024 (2023: 1.208)
214 Taten mit erwiesenen oder vermuteten linksextremen Tatmotiven zählt der Verfassungsschutzbericht 2024 (2023: 97)
Ihre Erhebung zeigt, dass sich vor allem privilegierte Menschen engagieren. Wie erreicht man die anderen?
Unterschiedliche Gruppen brauchen unterschiedliche Angebote. Der politische Aktivismus muss lernen, in der Kommunikation deutlich abzurüsten und integrativer zu werden – für andere Bildungsniveaus, für Menschen, die nicht so mutig sind, wie man vielleicht glaubt, zum Beispiel bei Demos sein zu müssen. Für große Teile der Bevölkerung sollte man viel stärker im Alltag von Menschen ansetzen, die kaum Erfahrung von Selbstwirksamkeit haben. Gerade in einer Zeit, in der Einsamkeit ein Riesenproblem ist, geht es auch darum, Erfahrungen wie Gemeinschaft anzubieten.
Wie sieht das konkret aus?
Aufsuchende Stadtteil- oder Dorfarbeit zum Beispiel, da ist das Gespräch in der Kneipe vielleicht wichtiger als die politische Parole, die man ins Internet postet. Auch Vereine oder die Kirchen haben eine große Integrationsfunktion und könnten sich noch weiter öffnen. Relativ viele Menschen können sich außerdem vorstellen, bestimmte Produkte aus politischen Gründen nicht zu kaufen. Der Massenboykott von Disney, nachdem die Show von US-Comedians Jimmy Kimmel abgesetzt wurde, hat dazu geführt, dass dieser Einschnitt in die Meinungsfreiheit wieder zurückgenommen wurde. Auch das ist eine Form von Selbstwirksamkeit. Und Menschen bekommen das Gefühl, Veränderungen nicht hilflos ausgeliefert zu sein und gemeinsam einen Unterschied machen zu können.

Steckbrief
Matthias Quent
Matthias Quent ist Professor für Soziologie an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Er forscht vor allem zu Rechtsextremismus, Demokratie, Polarisierung und Zusammenhalt. 20216 gründete er das Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft Jena, das er bis 2022 leitete.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 14/2026 erschienen.






