Was in Unternehmen die Basis für gute Führung ist, wirkt in der Politik oft schon wie Überforderung: Ziele benennen, Entscheidungen treffen, Widerstand aushalten, Verantwortung übernehmen. Stattdessen dominiert das Reden über Probleme. Und das Vermeiden ihrer Lösung.
Der Blick über den Tellerrand ist in Österreich nur dann beliebt, wenn dort jemand steht, der es noch schlechter macht. Dann kann man sich beruhigt zurücklehnen und sagen: Seht her, so schlecht sind wir gar nicht. Ansonsten vermeidet man diesen Blick lieber. Er könnte ja stören. Könnte Gewissheiten erschüttern. Könnte zeigen, dass andere Probleme lösen, über die hierzulande monatelang geredet wird. Denn reden kann dieses Land. Debattieren auch. Prüfen, vertagen, abwägen, zerreden – darin ist man geübt. Nur wenn es darum geht, irgendwann auch zu handeln, wird es kompliziert.
Statt sich wochenlang mit der Frage zu beschäftigen, welche Produkte unter eine Mehrwertsteuersenkung auf Grundnahrungsmittel fallen sollen, hätte ein Blick nach Spanien zumindest gezeigt, dass man mit Teuerung auch pragmatischer umgehen kann. Dort bietet eine Supermarktkette endlose Regalmeter voll mit Produkten um exakt einen Euro an: Hafermilch, Käse, Butter, Eier. Zahnpasta und Weichspüler auch. Doch Hinschauen ist gefährlich. Es könnte die österreichische Lieblingsdisziplin stören: so zu tun, als wäre jede naheliegende Lösung leider furchtbar kompliziert.
Der falsche Fokus
Das gilt auch für die Debatte darüber, ob man unbescholtene Männer ohne österreichische Staatsbürgerschaft ebenfalls zum Heer einziehen könnte. Jetzt, da dämmert, dass man bald jeden brauchen könnte, weil die Geburtenjahrgänge schrumpfen und Kinder mit österreichischem Pass weniger werden. Also wird über Militärdienst als Integrationsanreiz oder als Abkürzung zum rot-weißroten Pass nachgedacht. Die eigentliche Debatte aber spart man sich lieber: das Staatsbürgerschaftsrecht zu reformieren, Doppelstaatsbürgerschaft neu zu denken. Zu heikel. Zu unbequem.
Dasselbe bei der Sonntagsöffnung. Die Zeit „sei reif“, heißt es plötzlich. Natürlich nicht grundsätzlich. Sondern wegen des Eurovision Song Contest 2026 in Wien. Als wäre wirtschaftspolitische Vernunft ein Saisonprodukt, das nur bei Großereignissen kurz ins Regal gelegt wird. Davor war die Sache festgefahren: Gewerkschaft dagegen, wirtschaftlicher Nutzen fraglich, Diskussion beendet.
Und dann dieses neueste Lieblingswerkzeug aus dem Kasten der Symbolpolitik: Deckel drauf. Auf Mieten. Auf Spritpreise. Immer dort, wo maximale Aufmerksamkeit garantiert ist – und wo sich Handlungsfähigkeit demonstrieren lässt. Von einer konsistenten Politik kann trotzdem keine Rede sein. Warum also nicht auch einen Deckel auf Flugpreise, die pünktlich zu Ferienbeginn in lichte Höhen steigen? Weil man klimaschädliches Verhalten nicht fördern will? Weil Fliegen als Luxus gilt, Autofahren dagegen offenbar als Grundrecht – inklusive Pendlerpauschale und Dieselprivileg? Auch hier gilt: Was politisch entlastet wird und was nicht, folgt selten einer klaren Linie, sondern meist der Frage, mit wem man sich lieber nicht anlegt.
Was fehlt, sind Ziele, Richtung und vor allem der Wille, Menschen etwas zuzumuten
Viel Debatte, wenig Führung
Hinzu kommt: Politik verwechselt allzu oft das Besprechen eines Problems mit dessen Lösung. Hauptsache, man hat darüber geredet. Möglichst öffentlich. Möglichst empört. Möglichst folgenlos. Zu besprechen gibt es schließlich genug. An Krisen herrscht kein Mangel. Wirtschaftlich nicht. Militärisch nicht. Gesellschaftspolitisch schon gar nicht. Was fehlt, sind konkrete Antworten. Ziele. Richtung. Und vor allem: der Wille, den Menschen etwas zuzumuten. Denn genau darin liegt der wunde Punkt. Politik scheitert nicht am Erkennen von Problemen. Sie scheitert am Führen.
Führungskräften wird in Seminaren eingebläut, was in der Politik oft schon als Zumutung gilt: Richtung vorgeben. Ziele benennen. Erklären, warum Veränderung notwendig ist. Sagen, was geschieht, wenn man handelt – und wenn man nichts tut. Konflikte aushalten. Verantwortung übernehmen, statt sie wegzumoderieren. In Unternehmen ist das Basisprogramm. In der Politik wirkt es oft schon wie Überforderung. Auch, weil Führung kein Beliebtheitswettbewerb ist. Wer führt, kann nicht jeden ständig streicheln. Wer Verantwortung trägt, muss Entscheidungen treffen, die nicht allen gefallen. Muss Widerstand aushalten. Muss Orientierung geben, statt nach Umfragen zu handeln. Oder, um es mit dem Satz zu sagen, der Steve Jobs zugeschrieben wird: „Wenn du willst, dass dich alle lieben, dann werde Eisverkäufer.“
Genau daran krankt Politik. Sie will führen, ohne zu verärgern. Verändern, ohne zu verstören. Reformieren, ohne jemandem wehzutun. Am Ende landet sie bei dem, was sie am besten kann: bei Sätzen, die entschlossen klingen, aber wenig bringen. Veränderung entsteht nicht dadurch, dass man sie rhetorisch umkreist. Veränderung entsteht, wenn jemand sagt: Dorthin wollen wir. Das wird schwierig. Das wird nicht allen gefallen. Aber es ist notwendig. Und wir trauen euch zu, diesen Weg mitzugehen. Genau dieses Zutrauen fehlt. Wer Menschen nichts zumutet, nimmt sie nicht ernst. Wer ihnen nichts erklärt, gewinnt sie nicht. Vielleicht wäre genau das einen Blick über den Tellerrand wert: darauf zu schauen, was gute Führung ausmacht. Und sich zu fragen, warum davon anderswo mitunter mehr zu finden ist als in der Politik.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 13/2026 erschienen.







