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2nd Opinion: Moral-Dreifaltigkeit

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Michael Fleischhacker

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Eigentlich sollten Politik, Medien und NGOs in möglichst großer Distanz zueinander operieren. Seit einiger Zeit finden sie sich stattdessen zu einer moralistischen Dreifaltigkeit zusammen, die festlegen will, was man denken soll und was man nicht glauben darf. Aktivisten werden als Experten ausgegeben, NGOs agieren als politische Hilfs-Sheriffs, Medien hängen am Tropf des Staates.

Wenn Aktivisten aus Politik, Medien und NGOs sich zusammentun, um das Gute durchzusetzen, läuten bei immer mehr Menschen die Alarmglocken. Schnell ist dann von Kampagnen, ideologischer Bevormundung, pädagogischem Medien-Selbstverständnis und linker Kulturhegemonie die Rede. Und das nicht immer zu Unrecht.

Tatsächlich hat sich während der vergangenen zehn Jahre in den großen gesellschaftlichen Themenstellungen – Migration, Klimawandel, Ukraine-Krieg, Trumps ­Amerika, Israel-Gaza – eine Allianz aus „fortschrittlichen“ (also linken und grünen) Politikern, auf „Qualität“ pochenden Medien (öffentlich-rechtlicher Rundfunk plus Spiegel, Süddeutsche und Standard) und selbstbewussten NGOs gebildet, die sich als letzter Zufluchtsort der Demokratie gerieren. Diese Allianz gibt vor, welche Narrative korrekt und welche inkorrekt sind, was man zu denken und was man nicht zu glauben hat, kurz: wo die Moral wohnt.

Die Dreifaltigkeit des Moralismus arbeitet vor allem mit dem Mittel der Diskreditierung

Die Dreifaltigkeit des Moralismus arbeitet vor allem mit dem Mittel der Diskreditierung: Wer nicht will, dass zu viele Menschen aus anderen Kulturen in unsere Gesellschaften einwandern, ist ein Rassist. Wer sich nicht geräuschlos dem staatlichen Pandemieregime unterwirft, ist ein wissenschaftsfeindlicher Schwurbler. Wer den Verdacht äußert, dass auch ein Staat wie Russland legitime Sicherheitsinteressen haben könnte, ist ein Putin-Troll. Wer nicht akzeptieren will, dass die Hamas ein Teil der antikolonialen Bewegung ist, sondern eine primitive Terror-Organisation in ihr sieht, steht im Sold der zionistischen Faschisten. Dafür ist jeder, der bezweifelt, dass Israels militärische Reaktion auf den 7. Oktober verhältnismäßig war, ein Antisemit.

Das Strukturproblem

Wie problematisch oder selbstverständlich man das findet, hängt davon ab, welches Narrativ man selbst vertritt. Wer ohnehin so denkt, wie die moralistische Dreifaltigkeit es vorgibt, wird kein Problem haben. Wer jedoch nicht fortschrittlich genug oder sogar hartnäckig rückschrittlich in die Welt blickt, wird sich ärgern. Das ist auch ganz normal und gehört dazu: Das Recht auf die eigene Meinung beinhaltet nicht gleichzeitig das Recht auf Zustimmung. Ich selbst unterhalte mich sehr gern mit Vertretern der moralischen Dreifaltigkeit, denn was ich selbst denke, weiß ich ja schon.

Aber egal, wie man die Dinge inhaltlich sieht, an einem strukturellen Problem kommt man nicht vorbei: Politik, Medien und NGOs hätten eigentlich sehr unterschiedliche Rollen in einer offenen Demokratie, und diese Rollen würden eigentlich ein maximales Maß an Distanz verlangen. NGO ist die Abkürzung für Non-Governmental Organization, also Nichtregierungsorganisation. Dass NGOs zunehmend auch die Interessen von Regierungen vertreten und von diesen auch weitgehend finanziert werden, ist zumindest ein Etikettenschwindel.

Ähnliches gilt für das Verhältnis von Medien und Politik. Dass angesichts der wegbrechenden Geschäftsmodelle traditioneller Medienunternehmen neben dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk auch die privatwirtschaftlich organisierten Medienunternehmen in die finanzielle Abhängigkeit der Politik geraten, ist nicht gut. Und dass immer öfter NGO-Aktivisten medial als unabhängige Experten präsentiert werden, zeigt, dass auch dieses Distanzverhältnis nicht nur gelitten hat, sondern inzwischen eigentlich inexistent ist.

Wo Politik, Medien und NGOs distanzlos gemeinsame Sache machen und einander, weil sie eigentlich wissen, dass das nicht in Ordnung ist, ständig versichern müssen, wie wichtig das ist, um die Demokratie zu retten, den Populismus zu bekämpfen und das Überleben des Planeten zu gewährleisten, entsteht ein Paralleluniversum. Und außerhalb dieses Universums entsteht, was die Psychologie das Phänomen der Reaktanz nennt: Menschen, die gar nicht notwendigerweise anderer Ansicht sind als die moralistische Dreifaltigkeit, gehen in den Widerstand.

Der Fall Fernandes-Ullmen ist eines von vielen Beispielen, die zeigen, wie sehr das Internet und die sozialen Plattformen zu einem Ort geworden sind, an dem Männer ihrer Frauenverachtung freien Lauf lassen

Das jüngste Beispiel dafür ist der sogenannte Fall Fernandes-Ullmen. Noch ist nicht geklärt, was genau der Schauspieler Christian Ullmen seiner Ex-Frau, der Moderatorin Collien Fernandes, angetan hat. Offensichtlich hat er aber deren Social-Media-Accounts benutzt, um in ihrem Namen pornografisches Material in Umlauf zu bringen. Eines von vielen Beispielen, die zeigen, wie sehr das Internet und die sozialen Plattformen zu einem Ort geworden sind, an dem Männer ihrer Frauenverachtung freien Lauf lassen. Das tun sehr viele Männer auch in der analogen Welt. Hier wie da ist das Kernproblem nicht ein Mangel an gesetzlichen Regeln, sondern die Tatsache, dass diese Frauenverächter nicht von anderen Männern zur Rede gestellt und gestoppt werden.

Parallel dazu versuchen die deutsche Justizministerin und einige NGOs, das Netz und die sozialen Netzwerke stärker zu reglementieren und nehmen dafür auch Einschränkungen der Meinungsfreiheit in Kauf, wenn sie sie nicht sogar aktiv anstreben. Aktivistische Medien wie der „Spiegel haben die beiden, eigentlich wenig miteinander zu tun habenden, Themen zu einer Kampagne verknüpft, die den Fall Ullmen-Fernandes als Druckmittel zur Durchsetzung neuer gesetzlicher Regelungen verwendet.

Man muss nur einen flüchtigen Blick auf die Postings zur laufenden Berichterstattung werfen, um zu verstehen, was mit „Reaktanz“ gemeint ist.

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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 14/2026 erschienen.

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