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Leitartikel: Ein Leben in Teilzeit hat Konsequenzen

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Kathrin Gulnerits

©Matt Observe

Am Muttertag feiern wir die Frau, die scheinbar alles schafft: Kinder, Haushalt, Job. Wesentlich seltener sprechen wir darüber, dass dahinter oft Teilzeit, Betreuungslücken und alte Rollenbilder stecken, was zu einer der unangenehmsten Pensionsdebatten der kommenden Jahre führt.

Der Muttertag ist der Tag der Blumen und der Dankespostings. Abseits davon zeigt sich, wie Österreich Familie tatsächlich organisiert: Rund jeder zweite Kindergartenplatz bietet keine Öffnungszeiten, die mit klassischen Vollzeitjobs kompatibel sind. Unternehmen – etwa im Handel – profitieren gleichzeitig von möglichst flexiblen Teilzeitkräften. Österreich zählt bei der Teilzeitquote von Frauen seit Jahren zur Europaspitze. Väterbeteiligung wird dagegen noch immer sprachlich verniedlicht. „Papamonat“ klingt nach netter Zugabe, nicht nach gleichberechtigter Verantwortung. Viele Männer verzichten auf längere Karenzzeiten – aus Angst vor Karriereknicks, Einkommensverlusten oder dem Eindruck, beruflich nicht mehr voll belastbar zu sein. Willkommen in der Welt berufstätiger Mütter!

Am Ende landen viele Paare mit Kindern wieder in klassischen Rollenmustern. Nicht immer aus Überzeugung. Oft schlicht aus ökonomischer Vernunft. Die Widersprüche dieses Modells sind seit Jahren bekannt. Wesentlich seltener wird darüber gesprochen, welche finanziellen Folgen diese Lebensrealität langfristig hat.

Der Preis der Teilzeit

Ein Leben in Teilzeit hat Konsequenzen. Auch am Pensionskonto. Das ist keine moralische Bewertung, sondern die Logik des Systems. Das Pensionskonto bewertet keine Lebensmodelle – es „verrechnet“ Erwerbsbiografien. Natürlich entstehen viele Teilzeitbiografien nicht freiwillig –, sondern wegen fehlender Kinderbetreuung, mangelnder Ganztagsschulen, steuerlicher Fehlanreize oder aufgrund von gesellschaftlichen Erwartungen, nach denen Vollzeit arbeitende Mütter bis heute schnell als egoistisch gelten.

Spätestens wenn das Pensionskonto die langfristigen Folgen dieser Lebensrealität sichtbar macht, wird die Debatte schnell emotional. Dann geht es meist um die Frage, welche Leistungen der Staat künftig absichern kann. Deutlich seltener wird darüber gesprochen, welche Rolle private Vorsorge oder finanzielle Planung dabei spielen können. Oder warum Eigenverantwortung bei Ernährung, Fitness und Karriere als modern gilt, bei der Pension aber plötzlich als neoliberale Zumutung? Und ja, das setzt finanzielle Spielräume voraus, die viele Teilzeitbeschäftigte gar nicht haben.

Häufig sind nicht einmal Kind und Karriere schwer vereinbar – sondern schon Kind und Beruf

Zur Ehrlichkeit gehört auch: Es gibt Frauen, die diese Realität früh mitgedacht und bewusst Vollzeit gearbeitet haben. Weil sie finanziell unabhängig bleiben wollten. Weil sie zusätzliche Betreuung organisieren konnten oder einen Beruf haben, der genug Flexibilität zulässt. Und oft auch, weil sie eigene Bedürfnisse über Jahre hintangestellt haben. Denn häufig sind nicht einmal Kind und Karriere schwer vereinbar – sondern schon Kind und Beruf.

Moral & Mathematik

Und genau hier beginnt die eigentliche Pensionsdebatte. Denn Österreich diskutiert Pensionen gerne moralisch. Internationale Organisationen diskutieren sie mathematisch. Der Internationale Währungsfonds erklärt seit Jahren dasselbe: Wenn immer mehr Pensionisten von immer weniger Erwerbstätigen finanziert werden müssen, geht sich das irgendwann nicht mehr aus. Wenn Menschen länger leben, können sie nicht gleichzeitig länger Pension beziehen und obendrein noch immer viel zu früh aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden. Die Konsequenz daraus ist banal: höheres faktisches Pensionsalter, Kopplung an die Lebenserwartung, mehr private Vorsorge.

Viele europäische Länder haben das gesetzliche oder faktische Pensionsalter bereits angehoben. Österreich setzt dagegen bislang stärker auf Anreize zum freiwilligen Weiterarbeiten – etwa mit Begriffen wie „Aktiv-Pension“. Aber wenn die Politik selbst regelmäßig auf zusätzliches Arbeitskräftepotenzial älterer Beschäftigter verweist, warum hebt sie dann nicht einfach das Pensionsalter an? Wohl wissend, dass die Debatte über ein höheres tatsächliches Pensionsalter langfristig kaum zu vermeiden sein wird.

Natürlich haben Pensionisten berechtigte Ansprüche. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie ein immer kleinerer Anteil Erwerbstätiger diese Leistungen dauerhaft finanzieren soll. Je stärker die Zuschüsse aus dem Budget steigen, desto größer wird auch der Druck auf jüngere Generationen, die das System noch über Jahrzehnte tragen müssen.

Irgendwann wird dieses Land entscheiden müssen, wer länger arbeitet, wer weniger bekommt – und wer die Rechnung bezahlt

Das Pensionssystem wird bis heute wie ein Kulturgut behandelt. Entsprechend vorsichtig agiert die Politik bei Reformen. Jede kleine Änderung wird sofort als „Raub“ dargestellt. Die Belastung der Jüngeren wird hingegen politisch erstaunlich geräuschlos hingenommen. Während andere Länder ihre Systeme umbauen, versucht die Politik hierzulande vor allem, die Debatte darüber möglichst klein zu halten.

Doch auch die beste politische Erzählung setzt die demografische Realität nicht außer Kraft. Irgendwann wird dieses Land entscheiden müssen, wer länger arbeitet, wer weniger bekommt – und wer die Rechnung bezahlt. Zahlen werden sie ausgerechnet jene Generationen, deren Mütter einst gelernt haben, zurückzustecken, Teilzeit zu arbeiten und trotzdem allem gerecht zu werden.

Was meinen Sie? Schreiben Sie mir: gulnerits.kathrin@news.at

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 20/2026 erschienen.

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