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Johannes Hofer, Obfrau-Stellvertreter der Politischen Kindermedizin, forderte: "Kein Kind darf vergessen oder übersehen werden." Der Versorgungsmangel beginne bereits bei der psychologischen Diagnostik, etwa von Autismus oder ADHS. Alleine in Oberösterreich warten demnach knapp 1.700 Kinder auf einen Diagnosetermin, und das bis zu zwei Jahre lang. Laut Hofer gibt es österreichweit derzeit 1.075 Kassenplanstellen für Ergo-, Logo- und Physiotherapie. Um ein bevölkerungsbereinigt ähnliches Versorgungsniveau wie Deutschland zu erreichen, bräuchte es mehr als sechsmal so viele Kassenplätze. Laut Hofer mangle es dabei nicht an verfügbaren Fachkräften: "Wir haben vor allem ein Finanzierungs- und Zugangsproblem." Die daraus folgenden Wartezeiten haben Konsequenzen für Betroffene: Es gehe wertvolle Zeit für die Entwicklung und frühe Förderung der Kinder verloren, so Hofer.
Angelika Heumader-Rainer, Geschäftsführerin der Liga für Kinder- und Jugendgesundheit (Kinderliga), sieht Kinderrechte durch die Mängel in der Gesundheitsversorgung verletzt: "Jedes Kind hat das Recht auf Gesundheit, Schutz, Förderung und bestmögliche Entwicklung. Dieses Recht ist in Österreich derzeit nicht ausreichend gewährleistet." Dies werde durch den Sparkurs der Bundesregierung verschärft. Von den 120 Mitgliedsorganisationen der Kinderliga sind, laut Heumader-Rainer, rund die Hälfte von Budgetkürzungen betroffen. Die Folge: weniger Präventionsangebote, weniger Plätze und längere Wartezeiten, teilweise auch Aufnahmestopps. Stattdessen bräuchte es flächendeckende Gesundheitsangebote, die Kinder dort versorgen, wo sie bereits sind, etwa in Schulen und Kindergärten. School Nurses, Schulgesundheitsteams und eine bessere Zusammenarbeit von Bildungs-, Sozial- und Gesundheitssystem seien Grundsteine einer modernen Kinder- und Jugendgesundheit, betonte Heumader-Rainer.
Die soziale Situation der Betroffenen habe Auswirkungen auf die Kinder- und Jugendgesundheit, sagte Martin Schenk, stellvertretender Leiter der Diakonie Österreich. So sei das Risiko, psychisch zu erkranken, bei Kindern und Jugendlichen aus ärmeren Familien doppelt so hoch wie bei jenen mit Wohlstand und sozialer Sicherheit. Gesundheit und Soziales müsse deswegen zusammen gedacht werden. Therapeutische Angebote müssten niederschwellig, leistbar und flächendeckend verfügbar sein, forderte Schenk.
Die Familien pflegebedürftiger Kinder stehen oft vor strukturellen Hürden, mit denen viele sich alleingelassen fühlen, schilderte Dominique Stiefsohn, die selbst Mutter eines pflegebedürftigen Kindes ist. Die Suche nach einem Therapieplatz dauert oft Jahre. Darüber hinaus mangle es an Ressourcen, Kinder mit Entwicklungsstörungen in das Bildungssystem zu integrieren und ihnen einen normalen Schulbesuch zu ermöglichen. Für pflegende Eltern bedeutet das Einschnitte in die eigene Berufstätigkeit. Diese sind dadurch umso mehr auf Hilfsleistungen wie Pflegegeld und kassenfinanzierte Therapieplätze angewiesen. Mit den Leistungen kommen hohe bürokratische Hürden. Auch lebenslange Diagnosen, etwa bei Trisomie 21, müssen jährlich nachgewiesen werden. Zudem seien die Formulare selbst für gebildete Muttersprachler nur schwer verständlich. "Unterstützung und Entlastung für Familien mit Kindern, die einen erhöhten Pflegebedarf haben, stellt man sich anders vor", so Stiefsohn.
Mit der Kampagne richtet #besserbehandelt.at einen Appell an die Politik: "Werden Sie jetzt tätig. Wir Expertinnen und Experten stehen seit langem bereit. Wir wissen, wo die Probleme liegen. Wir kennen die Versorgungslücken. Und wir kennen konkrete Lösungen. Es geht jetzt nicht mehr primär um Erkenntnis. Es geht um politischen Willen - und um die Kraft zur Umsetzung." Außerdem sind Betroffene dazu aufgerufen, die Kampagne mit eigenen Statements zu unterstützen. So sollen die Versorgungslücken in der Kindergesundheit sichtbar gemacht werden.
