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2nd Opinion: Schwurbelorgien

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Michael Fleischhacker

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Man trifft in letzter Zeit immer mehr Menschen, die sich im Ton der Verschwörungstheoretiker über die Verschwörungstheoretiker auslassen. Ihr Lieblingsgegenstand ist Peter Thiel, der angeblich an der Abschaffung von Demokratie und Wettbewerb arbeitet und überhaupt ein ziemlich böser ist. Sagt der Deutschlandfunk, und der muss es wissen.

Die Schwurbler, das wissen wir spätestens seit der Pandemie, sind immer die anderen. Man konnte vor einigen Jahren wider besseren Wissens behaupten, dass die Durchimpfung der kompletten Bevölkerung inklusive Kinder die Pandemie beenden würde – und gleichzeitig alle, die gegenüber der propagierten Immunisierungswirkung der Corona-Impfung ein gewisses Maß an Skepsis an den Tag legten, als wissenschaftsfeindliche Schwurbler verunglimpfen.

Man kann auch als Universitätsprofessor erklären, dass man demnächst aus Wien wegziehen wird, weil man dort mit großer Wahrscheinlichkeit verbrennen wird – und sich gleichzeitig darüber beschweren, wie starrköpfig sich die Autonarren und Kachelofennazis den glasklaren und unwiderlegbaren Erkenntnissen der Klimapolitologie verweigern. Der inzwischen endemisch gewordene Unfug lässt sich unwidersprochen verbreiten – finanziert selbstverständlich von den Beschimpften –, wenn man entweder kurzfristig über die Machtmittel verfügt oder schon immer den morgendlichen Moralbrei mit den ganz großen Esswerkzeugen zu sich genommen hat.

Man kann also von sinnlosen, aber authentischen Unterhaltungen sprechen

Durchschnittsdummschwätzer

Nach diesem Muster, nämlich als Schwurbelorgien, laufen inzwischen so gut wie alle Debatten ab, egal, ob sie sich am Wirtshaustisch oder im Bildungsradio ereignen. Im Gasthaus habe ich in den ersten Tagen des Jahres einige Menschen getroffen, die sich so ausführlich mit dem ihnen bestens vertrauten Innenleben von Putin, Trump und Xi Jinping beschäftigen, dass ihnen die Zeit fehlt, einen wirklichen Job zu haben. Die Empörung darüber, dass nicht mehr Menschen auf der Welt die Dinge so klar sehen wie selbst, ist dabei überhaupt nicht gespielt. Man kann also von sinnlosen, aber authentischen Unterhaltungen sprechen.

Einer der beliebtesten Treffpunkte der Durchschnittsdummschwätzer dürfte der Deutschlandfunk sein, jedenfalls hat ein Gutteil des Unsinns, der mir in Wirtshaus- und Straßenbahnunterhalten unterkommt, irgendetwas als Quelle, das zuerst im Deutschlandfunk publiziert wurde – bevor es mit hechelnder Begeisterung vom österreichischen Bildungsradio Ö1 übernommen worden ist. „Die Peter Thiel-Story“ zum Beispiel ist ein 6-teiliger Podcast, der im Deutschlandfunk vom mutmaßlichen KI-Spezialisten Fritz Espenlaub moderiert wurde und derzeit die Haupterzählung jener Verschwörungstheoretiker ist, die sich mit Inbrunst den besonders gefährlichen Verschwörungstheoretikern aus dem Silicon Valley entgegenstellen.

Deren gefährlichster soll eben Peter Thiel sein, was man schon daran erkennt, dass er ein schwuler Schachspieler mit deutschen Wurzeln ist, der Maßanzüge und die Verantwortung für den politischen Aufstieg von JD Vance trägt, das ökonomische Ende von Gawker herbeiverschworen hat und sich mit einem Innsbrucker Theologen über Carl Schmitt, René Girard und ein paar besondere Einzelheiten der Apokalypse unterhält.

Wenn man nicht wüsste, dass das, was man da hört, von der öffentlich-rechtlich dominierten Medienblase, vom linksintellektuellen Kulturbetrieb und von der staatlich finanzierten NGO-Community für den Höhepunkt des moralisch wertvollen Investigativjournalismus gehalten wird, könnte man beim Hören Lachkrämpfe bekommen. Weil man es aber weiß, bleibt einem das Lachen im Halse stecken.

Wie am Wirtshaustisch

Es ist genauso wie am Wirtshaustisch: Da sitzen Leute, die einem klar machen wollen, wie schlimm all die Verschwörungstheoretiker sind. Und dann tragen sie ihre eigenen Quadratverschwörungstheorien in einem Ton und Duktus vor, gegen den sich die Atomwaffentiraden im russischen Staatsfernsehen wie die Vorlesung eines Harvard-Soziologen anhören. Der Deutschlandfunk-Podcast will mir als Hörer nicht erklären, wer Peter Thiel ist, was er macht und wie das im Vergleich zu dem aussieht, was andere in seiner Branche und Lage tun. Dieser Podcast will mir mit den primitivsten Mitteln zuraunen, dass Peter Thiel ein Böser ist, dem aber wir, die Guten, auf der Spur sind. Wir wissen noch nicht, ob wir ihn aufhalten können, aber es soll hinterher doch keiner sagen können, er hätte nichts gewusst.

Thiel, nur damit Sie es auch wissen, beschäftigt sich mit der Offenbarung des Johannes aka Apokalypse, mit dem Antichristen und mit Armageddon, vor allem mit dem „Katechon“, dem „Aufhalter“ jener Figur, die das Auftreten des Antichristen verhindern und das Ende der Welt hinauszögern kann (damit freilich auch die Parusie, die Wiederkehr des Heilands, aber das ist eine andere Geschichte). Was man halt so diskutiert, wenn man sich für politische Theologie interessiert (ach, lebte doch Rudolf Burger noch).

Großartiges Gruselthema

Außerdem sagt Thiel, dass „Wettbewerb für Loser“ ist, weil der geniale Gründer ein Produkt baut, das es noch nicht gibt, während jemand, der gern Wettbewerb haben will, einfach ein weiteres Restaurant in Downtown Chicago aufmachen kann. Ziemlich böse, oder?

Man muss weder Carl Schmitt mögen noch René Girard verstehen (letztlich handelt es sich dabei um mythologisierten Josefinismus, also etwas sehr Österreichisches), und die Verknüpfung von Künstlicher Intelligenz und Apokalypse ist sicher ein großartiges Gruselthema. Mir ist halt Peter Thiel lieber als der Deutschlandfunk, weil ich originelle Verschwörungstheorien herausfordernder finde als empörtes Moralgeraune.

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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 3/2026 erschienen.

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