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10 Jahre Panama Papers: Was ist geblieben?

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©Pond5 Images, IMAGO

Ein Datenleck, das Zeitgeschichte schrieb – und dennoch in weiten Teilen erstaunlich wenig Konkretes im Gedächtnis hinterlassen hat.

Anfang April 2016 wurde öffentlich, was bis dahin als das größte jemals von Journalisten und Journalistinnen ausgewertete Datenleck galt. Auch in Österreich berichtete vor allem der ORF über den Datensatz einer Steuerkanzlei aus Mittelamerika. Und das sogar im Rahmen einer Sonderausgabe der Zeit im Bild.

Doch zehn Jahre später ist davon scheinbar wenig geblieben. Welche konkreten Geschichten blieben in Erinnerung, die damals für Aufsehen sorgten?

Verblasste Erinnerungen

Eine nicht repräsentative Umfrage innerhalb der Redaktion, durchgeführt im Rahmen der wöchentlichen Konferenz, zeichnet hier ein klares Bild: Die Erinnerungen sind weitgehend verblasst. Abgesehen von einem Hinweis auf den Rücktritt eines Politikers in Island blieb offenbar kaum etwas haften.

Doch worum ging es bei den Panama Papers eigentlich – und warum scheint in Österreich und wohl auch im benachbarten Ausland kaum mehr geblieben zu sein als das Stichwort eines Datenleaks rund um internationale Steueroasen und dahinterstehende Offshore-Netzwerke? Selbst der Autor dieser Zeilen, obwohl nicht ganz ohne Berührungspunkte, tut sich schwer, retrospektiv zu benennen, was genau enthüllt wurde. Und mehr noch: welche Konsequenzen daraus tatsächlich folgten – vor allem in Österreich.

Spuren im Datennebel

Ein Blick in die Nachrichtenarchive hilft: In Österreich drehte sich die erste Welle der Berichterstattung vor allem um Treffer mit heimischem Bezug. Hier ein Unternehmer mit auffälligen Verbindungen nach Ungarn, dort eine im Osten engagierte Großbank. Vieles blieb bei Hinweisen, bei „Treffermeldungen“. Mit Abstand wirkt das meiste davon erstaunlich fern. Eher Spurensuche als abgeschlossene Geschichten: hier eine Offshore-Firma eines in Österreich ansässigen Oligarchen, dort eine Konstruktion mit Immobilienbesitz im Land. Konkrete Erzählungen sind rar.

Dabei war das Ausmaß erheblich: 2,6 Terabyte an Daten, 11,5 Millionen Dokumente. Rund 400 Journalistinnen und Journalisten aus mehr als 80 Ländern waren an der Auswertung beteiligt. Das bis dato wohl größte journalistische Kollektiv stellte sich in den Dienst der Aufarbeitung.

Das Leak selbst als Nachricht

Und doch ist es das Kerngeschäft des Journalismus, insbesondere des investigativen, zu berichten, was ist. Nur: Worauf richtet sich der mediale Fokus, wenn zunächst die Aufregung über das Datenleck selbst die Schlagzeilen dominiert – das Dabeisein, das Mitziehen im Sog der internationalen Aufmerksamkeit.

Gerade in der ersten Welle der Berichterstattung hätte zumindest eine Geschichte jene Tiefe erreichen müssen, die bleibt. Ein Fall, eine Enthüllung, ein greifbarer Sachverhalt. Stattdessen blieb vielerorts das Leak selbst die eigentliche Nachricht – und damit auch die einzige, an die man sich heute erinnert.

Dabeisein war alles

In einer Vielzahl an Texten rückte stets die kooperative Form der Aufarbeitung in den Vordergrund: Wie viele Daten, wie viele Kolleginnen und Kollegen, welches Konsortium. Der Blick richtete sich regelmäßig auf das Projekt selbst. Dabeisein war scheinbar alles. Und wer dazugehören wollte, musste sich an klare Spielregeln halten – wie in einem Londoner Members’ Club. Eine geschlossene Gesellschaft im journalistischen Sinne.

Und doch lässt sich ein gewichtiges Gegenargument nicht von der Hand weisen: Wenn es wenig in den Datenbanken gibt, das sich konkret und zu Ende erzählen lässt, kann am Ende halt auch wenig hängenbleiben. Die Einordnung, die Zusammenhänge – all das hätte längere und weitere Recherchen erfordert, oft mit ungewissem Ausgang, nicht selten mit dem Risiko des Scheiterns.

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Zentrum: Von Panama aus spannte sich ein weltweites Offshore-Netz mit Tausenden Kunden.

 © APA Images, Ed Grimaldo, AFP

Abstrakte Wirksamkeit

Ganz ohne Wirkung blieb die Recherche dennoch nicht – auch wenn sich viele ihrer Erfolge auf internationaler Ebene abspielten. Die Panama Papers führten zu Rücktritten politischer wie wirtschaftlicher Entscheidungsträger, zu Steuernachzahlungen in Milliardenhöhe und zu Strafverfahren in zahlreichen Staaten. Finanzregeln wurden verschärft, das globale Finanzsystem ein Stück weit transparenter gemacht.

Für Banken bedeutete das heute vor allem strengere Dokumentationspflichten: Sie müssen jetzt genauer festhalten, mit wem sie Geschäfte machen – und wer letztlich hinter so mancher verschachtelter Firmenkonstruktion steht. Die gelebte Intransparenz, lange Teil der Kultur am österreichischen Finanzmarkt, wurde Schritt für Schritt zurückgedrängt. Erst mit konsequenterem Vorgehen der Finanzmarktaufsicht (FMA) setzte ein unfreiwilliges Umdenken ein – sehr zum Unmut einer ganzen Brigade an Anwälten, Steuerberatern und Wirtschaftsprüfern, die ihr Geschäftsmodell unter Druck sahen.

Entscheidend war dabei weniger ein einzelnes Ereignis als eine Verdichtung internationaler Entwicklungen im Zuge geopolitischer Spannungen, die bestimmten Praktiken zunehmend einen Riegel vorschoben. Spätestens mit dem Ukraine-Krieg und den damit verbundenen Sanktionslisten wurde daraus auch ein spürbarer Druck auf die großen Finanzakteure. Auch in Österreich. Die Bank mit Blick auf den Wiener Stadtpark bekam das zu spüren.

Quo vadis?

Wie die später noch folgenden Datenleaks wie die „Paradise Papers“ oder die „Pandora Papers“ gezeigt haben, setzte sich die eingeschlagene Strategie fort, die kooperative Aufarbeitung weit stärker zu betonen als die erzählerische Verdichtung durch darüber hinausgehende Recherchen. Für das Publikum bedeutete das vor allem eines: zunehmende Ermüdung. Angesichts der möglichen Tragweite dieser Datensätze ist das bedauerlich.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 14/2026 erschienen.

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