Intern oder extern? Das ist für den ORF die wichtigere Frage als Mann oder Frau. Doch statt Entweder-oder wäre Sowohl-als-auch besser für die Zukunft des Medienhauses. Naive Voraussetzung: rasante Gesetzesänderung und Selbstentmachtung der Politik.
Der Nationalrat beschließt diese Woche eine ORF-Gesetzesnovelle, die auch ein neues Kapitel über die „Vorzeitige Abberufung“ des Generaldirektors (GD) enthält. Wer glaubt, dies geschehe anlassbedingt, unterschätzt die prozessuale Langsamkeit von Demokratie. Das Hohe Haus folgt lediglich Vorgaben der EU. Doch niemand hätte die Parlamentarier hindern können, die legistische OP umfangreicher zu gestalten. Das gilt sowohl für mehr Unabhängigkeit des ORF-Stiftungsrats wie weniger Macht für den Alleingeschäftsführer.
Denn aktuell schlägt der GD noch vor Beginn seiner Dienstzeit Geschäftsverteilung und Direktoren vor. Radioleiterin Ingrid Thurnher erbt neben dem Team des zurückgetretenen Roland Weißmann auch die Funktion als Info-Chefin. Die vorläufige Generalin ist direkte Vorgesetzte der Chefredakteure. Ein Job, den sie für ORF III ausgeübt hatte. Journalismus ist die Basis der Ex-ZIB2-Moderatorin. Deshalb wirkt ihre Personalunion als inhaltlicher Glücksfall. Doch das gilt nicht für jeden GD. Und der ORF braucht mehr als nur Content.
Neue interne Favoritin
Die ersten Auftritte von Thurnher stempeln sie bereits zur Favoritin für die reguläre Wahl zur Generalin am 11. August. Dass SPÖ-Medienminister Andreas Babler sich eine Frau wünscht, sollte wegen Zuständigkeit des Stiftungsrats irrelevant sein, ist ihr aber hilfreich. Dass ÖVP-Mediensprecher Nico Marchetti mit externen Lösungen liebäugelt, erscheint ebenso unangemessen, doch als Bremsklotz für die Interimschefin, die noch nicht sagt, ob sie länger bleiben will. Mit 63 wäre sie im besten Alter, um parteipolitischem Druck zu widerstehen (ORF-Cheflegende Gerd Bacher war bei Antritt der letzten Periode fast 65).
So wie Bablers Gender-Zuruf trotz der verhaltensauffälligen ersten Generalin Monika Lindner (2002–2006) einen Punkt hat, ist Marchettis AußenAnsatz trotz guter Performance von Technik-Direktor Harald Kräuter berechtigt. Frauen an der Spitze bringen fast immer zeitgemäßere Unternehmenskultur. Die öffentlich-rechtliche Herkunft von Fernsehen und Radio prägt aber fast alle internen Besetzungen zur zukunftshemmenden Übergewichtung des guten alten Rundfunks. Ohne intimes Wissen um diese Geschichte birgt jedoch jede Weiterentwicklung des Medienhauses den Keim zum konstitutionellen Verlustgeschäft.
Alte externe Verdächtige
Diese gegenläufigen Anforderungen schreien nach mehr Teamarbeit als die Konstruktion mit dem Alleingeschäftsführer. Allfällige externe Kandidaten wie APA-Chef Clemens Pig oder Puls4Gründer Markus Breitenecker werden allerdings nur als Nr. 1 antreten. Für weniger sind und waren sie schon zu viel. Das gilt auch für jede ausländische Bewerbung, auf die viele hoffen, die es mit dem ORF gut meinen. Ohne In-HousePartner geht es kaum.
Um solche Fallgruben zwischen Leadership und Eitelkeiten zu überbrücken, wären bloß ein paar Sätze mehr im Gesetz zu ändern, als die EU fordert (und die Verfassungsrichter es zum Stiftungsrat taten). Mit einer derartigen ORF-Selbstentmachtung könnten Regierung und Parlament viel Vertrauen gewinnen. Doch Macht ist ihnen wichtiger als Vertrauen.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 12/2026 erschienen.






