Zwei Drittel der ORF-Belegschaft sind nicht journalistisches Personal. Sie bestimmen den Unternehmenskurs zu stark und stellen die Gesichter der aktuellen Skandale. Die Redaktionen sind in der Firmenstruktur zu schwach vertreten. Der in der Aufsicht integrierte Betriebsrat fällt durch Schweigen auf.
Auch abseits der Debatte um die staatliche Förderung von Medien und Journalismus ist eine klare Unterscheidung zwischen beiden sinnvoll. Sie werden zu schnell in einen Topf geworfen. Das zeigt sich deutlich an der von Affären befeuerten Diskussion um den ORF. Das Unternehmen hat 4.000 Mitarbeiter, nur ein Drittel davon sind Journalisten. Noch kleiner ist ihr Anteil an den Top-Jobs.
Von den 65 im Transparenzbericht ausgewiesenen Spitzenverdienern mit mehr als 170.000 Euro Brutto-Jahresgage hat bloß rund ein Dutzend redaktionelle Aufgaben– vom einfachen Moderator mit enormem Zuverdienst bis zum Chefredakteur ohne Nebengeräusche. Ebenso wenige sind aufgrund von Fernsehen der breiten Öffentlichkeit bekannt – von Cornelia Vospernik bis Armin Wolf.
Am geringsten ist der journalistische Anteil bei den Gesichtern der aktuellen ORF-Krise – nämlich null: Roland Weißmann verwies zwar immer auf seine redaktionelle Vergangenheit, ist aber in ihr aus gutem Grund nie besonders aufgefallen. Enterprise-Chef Oliver Böhm und Ex-Technik-Vize Thomas Prantner fuhren auf der Vermarktungsschiene. Letzterer hatte wie ORF-III-Geschäftsführer Peter Schöber bloß journalistische Anfänge.
Nur ein Fünftel ist Information
Wer den Journalismus auf jene Nachrichten verengt, die im landläufigen Sinne das Herz des öffentlich-rechtlichen Medienriesen sein sollten, wird auch abseits der Macher-Zahlen enttäuscht. Nur ein Fünftel der Programmstunden im ORF-Fernsehen wie -Radio tragen das Etikett „Information“. 60 bzw. 40 Prozent des Hörfunk- und TV-Angebots sind Unterhaltung.
Gemeinsam mit Kultur und Sport bildet diese Schiefl age zwischen Info- und Entertainment die vier Säulen der Programmleistung. Sie kostete 2025 fast 500 Millionen Euro (355 TV, 113 Radio, 27 Online). Die Einnahmen des ORF lagen aber über einer Milliarde. Der Rest kostet also mehr als das Programm – nicht nur imagemäßig wegen seiner Fehlleister.
Kritisch-konstruktiver Redaktionsrat
Aus dieser Perspektive erhält die Redaktionsvertretung des Hauses noch mehr Bedeutung, in dem fast ein Drittel aller österreichischen Journalisten arbeitet. Sie muss die Balance zwischen Arbeitgeber-Loyalität und Nestbeschmutzung finden. Dem Redaktionsrat gelingt dies unter Vorsitz von Dieter Bornemann bemerkenswert sensibel und kritisch. Sein Misstrauensvotum gegen die Stiftungsräte Heinz Lederer (SPÖ), Gregor Schütze (ÖVP), Peter Westenthaler (FPÖ) und Thomas Prantner (Steiermark) war zumindest für Letzteren schon der Anfang vom Ende.
Doch der Redaktionsrat hat keinen Sitz im wichtigsten Organ des ORF. Der Betriebsrat hingegen vier: Michael Cesar, Gerald Erler, Florian Gass und Christiana Jankovics fallen vor allem durch anhaltendes öffentliches Schweigen über alle Zustände auf. Das verbindet sie mit sechs Siebentel des 35-köpfigen Stiftungsrats.
Über die unsägliche parteipolitische Besetzung dieses Gremiums wurde hier oft genug lamentiert. Wenn Vizekanzler Andreas Babler seiner Linie zur Förderung privater Medien treu bleiben will, muss er auch für stärkeren journalistischen Einfluss auf den Kurs des ORF sorgen. Die Neukonstruktion seiner Sollte- Wohl-Aufsicht ist ohnehin unumgänglich. Die Einbeziehung der Redaktionen wäre ein gutes Signal für mehr Distanz zur Parteipolitik.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 20/2026 erschienen.







