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Spitzentöne: Warum der ORF unverzichtbar und die Kampagne gegen ihn durchschaubar ist

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Heinz Sichrovsky

©Matt Observe

Die Bemühungen, das öffentlich-rechtliche Fernsehen auszuhebeln und in bedenkliche Hände zu manövrieren, hatten nie bessere Erfolgsaussichten als unter dem Eindruck der obwaltenden Aberwitzigkeiten. Die Folgen sollten wir aber nicht aus den Augen verlieren.

Dass ich mich bei Ihnen gleich unbeliebt machen werde, freut mich klarerweise nicht. Aber ohne mich mit Beethoven vergleichen zu wollen, darf ich doch aufgreifen, was er über sein letztes Streichquartett geschrieben hat: „Muss es sein? Es muss sein!“ Nämlich: den ORF mit Entschiedenheit zu unterstützen. Die Causa Weißmann vs. Strobl kann ich nicht interpretieren, ich kenne beide nur flüchtigst.

Ich weiß aber, dass beide dem Unternehmen einiges gebracht haben: Weißmann konnte das Budget gegen die rabiaten Eigeninteressen der FPÖ über Erwartung verteidigen. Strobl hat den Sender durch die Pandemie pilotiert und die Umbaukosten des ORF-Zentrums 17 Millionen unter Plan gehalten. Was ihre außerdienstlichen Intimitäten betrifft, so fehlt mir neidlos die Innensicht. Ich interessiere mich dafür auch ebenso wenig wie für ihre Einkommensverhältnisse.

Aber über den Sender ORF III und seinen wieder in Bedrängnis gebrachten Direktor Peter Schöber kann ich Ihnen etwas erzählen. Eineinhalb Jahre ist das jetzt her, da sudelte es anonym aus diversen Medien, ohne zuvor auch nur eine Hauskläranlage passiert zu haben: Schöber habe die frühere Direktorin des Jüdischen Museums in Wien, Danielle Spera, in Abwesenheit antisemitisch beleidigt!

Denunziation durch Blödsinn

Bezichtigen Sie mich, den Steinzeit-Austrianer, aus dem Block West in Hütteldorf Schweizerkracher gegen Frauen und Kinder in den Familiensektor geschossen zu haben – die Anschuldigung könnte nicht dümmer sein. Gleich hielten der Vorsitzende der Kultusgemeinde, der Bezirksrabbiner, der Ordinarius für Judaistik, die Schriftstellerin Julya Rabinowich, der Vorsitzende des Mauthausen-Komitees und die angeblich antisemitisch Behelligte selbst solidarisch fest, was auch durch einfache Internet-Recherche zu ermitteln gewesen wäre: Kein anderer Sender hat mit ähnlicher Vehemenz die Shoa dokumentiert, aufklärende Veranstaltungen übertragen und beworben.

Damit, so dachte man, wäre die Causa infolge Widersinns in sich zusammengefallen. Aber eher schien der Beweis beabsichtigt, wie kommod sich in Zeiten der Unschuldsvermutung selbst offensichtlicher Schwachsinn in Tatsachen verwandeln lässt. Gleich nämlich folgte Welle zwei in Gestalt der schon institutionalisierten Stereotype, mit denen zuletzt viele Könner in Bedrängnis denunziert wurden.

Bald danach saß ich als Zeuge vor der ORF-eigenen Compliance-Kommission, um meine Eindrücke betreffend „Mobbing“, „Bossing“ bzw. „Klima der Angst“ wiederzugeben: kannte ich doch den kleinen Kultursender schon, als er noch der Wettersender TW1 war und idyllische Totalen aus Tourismusregionen übertrug. Damals haben wir das Buchmagazin „erLesen“ erfunden, das heute beim Format „Kultur heute“ gastiert. Aus dem Nichts wurde dann ORF III kreiert, ein belastbares Argument für die Unersetzlichkeit des öffentlich-rechtlichen Kulturauftrags.

Fachkräfte

Was ich der Kommission mitteilte, behandle ich vertraulich. Aber ich kann Ihnen schon etwas erzählen: wie Schöber und Operndirektor Roscic zur Corona-Zeit mit der Großtat „Wir spielen für Österreich“ die Depression der ganzen Branche in etwas Helles, Kreatives verwandelt haben. Die aus der leeren Oper übertragenen Vorstellungen erreichten mehr Publikum als das stets ausverkaufte Haus in einem Jahr.

Ansonsten kann ich bloß auf ein kleines Grüppchen Schöber-Opponenten hinweisen, das mich beharrlich mit Gerüchten und Anschuldigungen bemustern wollte. Zu den Vorwürfen des „Mobbings“ oder „Bossings“ kann ich als äußerst selten Anwesender nur Prinzipielles beitragen: Ich wäre an Schöbers Stelle nie in derlei Versuchung geraten, denn mancher Kampagnenbetreiber hätte infolge mangelnder Grundbegriffe gleich nach dem ersten Vorstellungsgespräch dauerhaft meinen Einflussbereich verlassen.

Ein Ressortzuständiger fragte mich – Ehrenwort! –, ob ich nächste Woche in die „Rosenkavalier“-Uraufführung gehe. Auf meinen Einwand, ich hätte mir 1911 die Zugfahrt nach Dresden noch nicht leisten können, berichtigte er sich: Er meine die Premiere! Die hatte ich am 13. April 1968 allerdings knapp versäumt, aber Otto Schenks ikonische Inszenierung konnte ich seither Hunderte Male sehen. Auch in der Repertoireaufführung, die der Fachmann für die Uraufführung hielt.

Nie dürfen wir vergessen, was uns blüht, wenn uns einer zeitverzögert den Orbán macht

Interessant ist auch, dass die Entlassung eines Betriebsrats, eines Hauptopponenten gegen Schöber, vom Arbeits- und Sozialgericht (nicht rechtskräftig) bestätigt wurde. Schöber musste sich damals dennoch einer „Schulung“ unterziehen und Kompetenzen abgeben. Womit die Causa offiziell beigelegt war.

In Geiselhaft der Reserve-Orbáns

Heute ist er als Opfer offener Kampfhandlungen gegen das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Geiselhaft geraten. Hier nachzugeben, wäre ein katastrophales Signal. Nie dürfen wir vergessen, was uns blüht, wenn uns einer mit nationaltypischer Verzögerung den Orbán macht. Der ORF als großes, tragfähiges, einflussreiches Unternehmen wird heute von der Gesamtheit der Bevölkerung finanziert.

Der Stiftungsrat repräsentiert neben der Regierung alle Parlamentsparteien und Bundesländer, das Publikum und die Belegschaft. Den ORF, tunlichst regierungsfinanziert, zu verzwergen, ihm gleichzeitig die Kooperation mit evtl. auch pülcherhafter Konkurrenz anzubefehlen: Das zu verhindern, scheint mir vordringlicher als die investigative Enthüllung der anatomischen Benefizien eines gewesenen Generaldirektors.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 19/2026 erschienen.

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