Immer nur Krise? Oder alles halb so wild? Beides greift mit Blick auf die Welt im Großen und Österreich im Kleinen zu kurz.
Wir warten schon länger darauf: auf einen Aufschwung, auf ein bisschen Entspannung, auf eine Rückkehr zur Normalität. Und wieder müssen die Erwartungen vertagt werden. Kaum zeigt sich ein Hauch von Erholung in der Wirtschaft, trübt sich die Lage schon wieder ein. Das WIFO rechnet für 2026 mit 0,9 Prozent Wachstum. Das IHS ist vorsichtiger und erwartet heuer nur 0,5 Prozent. Viel mehr als ein mühsames Vorwärtstasten ist das nicht.
Womit der Wirtschaftsminister des Landes rechnet, ist nicht überliefert. Zuletzt postete er ein Foto aus Indien auf Instagram: er von hinten. Im Anzug. Vor Kränen und Containerschiffen. Also vor der Weltwirtschaft. So, als würde er sie gerade für uns vermessen. Was er sich zum mageren Wachstum denkt, sagt er nicht. Auch die Zielformel des Kanzlers – zwei Prozent Inflation – ist vorerst Makulatur. Und zu guter Letzt grätschte auch noch der Fiskalrat dazwischen und schätzt den Sparbedarf für Österreich bis 2027 auf 4,4 Milliarden Euro.
Nüchternheit ist der einzig produktive Zustand, der zwischen Alarmismus und Beruhigung liegt
Die Realität ist nicht schön. Vor allem aber lässt sie sich nicht schönreden: „Die Weltwirtschaft!“, „Die Anderen!“. Oder gar mit schönen Bildern auf Social Media zudecken. Der Vorwurf kommt trotzdem prompt, auch mit Blick auf die Medien: Immer werde alles schlechtgeschrieben. Immer Krise, immer Teuerung, immer Unsicherheit. Muss das sein? Wäre es nicht besser, auch einmal auf das Positive zu schauen? Besser noch: Ausschließlich auf das Positive? Ja, Krise verkauft sich medial besser. Dramatisierung bringt Aufmerksamkeit. Aber auch Beschwichtigung verzerrt die Wirklichkeit. Nüchternheit ist der einzig produktive Zustand, der zwischen Alarmismus und Beruhigung liegt.
Zuversicht braucht Wahrheit
Die Sehnsucht danach, die Dinge rosiger zu sehen, ist verständlich. Eine Gesellschaft braucht Zuversicht. Ohne sie kippt sie. In Erschöpfung, schlechtestenfalls in Zynismus. Hinzu kommt: Krisenrhetorik macht Menschen anfällig für einfache Antworten, die es aber in schwierigen Zeiten meist nur in der Theorie gibt. Hoffnung zu schüren, ist daher kein Luxus. Sie ist wirtschaftlich, politisch und seelisch ein Produktivitätsfaktor. Nur: Ein selektiver Blick auf die Wirklichkeit macht sie nicht besser. Er macht sie bloß angenehmer. Und am Ende steht dann wieder die Frage, die immer gestellt wird, wenn sich geschürte Hoffnungen in nichts auflösen: Warum hat niemand gesagt, wie arg es wirklich ist?
Gefährlich werden gute Nachrichten dort, wo sie zur Ausrede werden. Zum mentalen Weichzeichner: So schlimm ist es eh nicht. Österreich ist friedlich, organisiert, wohlhabend. Alles gut. Alles im Griff. Und überhaupt: Es gibt nur wenige Staaten, in denen es sich besser leben lässt als hier. Alles richtig. Der Vergleich mit dem Schlechteren tröstet. Der Vergleich mit dem Besseren treibt an. Politik sollte sich nicht an der Schwäche anderer messen, sondern an den eigenen Möglichkeiten. „Es könnte schlimmer sein“, ist der schlechteste Maßstab.
Ein Beispiel, nicht aus der Politik, aber typisch österreichisch: Das AKH und die MedUni Wien landeten gerade in einem Ranking von Universitätsspitälern auf Platz 20 weltweit. Klingt beeindruckend. Ist es auch. Nur: In der österreichischen Erzählung werden die anderen ausgeblendet. Bloß kein Vergleich, der wehtun könnte. München, Berlin, Zürich liegen in diesem Ranking vor Wien. Österreich ist gut. Aber die anderen sind besser. Der Balanceakt zwischen Zufriedenheit und Selbstzufriedenheit ist heikel.
Unsicherheit bremst
Ein anderes Argument lautet: Wer ständig von Krise spricht, macht sie erst groß. Pessimismus bremse den Konsum, Unternehmen investierten weniger, am Ende werde die schlechte Stimmung zur selbst erfüllenden Prophezeiung. Das ist zu kurz gedacht. Denn nicht die Wahrheit bremst eine Wirtschaft, sondern Unsicherheit. Wer weiß, woran er ist, kann entscheiden. Wirtschaft braucht gute Laune, vor allem aber braucht sie Berechenbarkeit.
Und: Das Positive zu sehen, heißt nicht, die Wirklichkeit zu beschönigen. Wer weiß, was funktioniert, weiß auch besser, was es zu verteidigen und zu wertschätzen gilt. Und dennoch zählt für die Sicherung unseres Lebensstandards auf Dauer nicht das gute Gefühl, in einem funktionierenden Land zu leben. Entscheidend sind Produktivität, Innovationskraft, Investitionen und Reformfähigkeit. Wohlstand muss immer wieder neu erarbeitet werden. Lebensqualität allein ist kein Wirtschaftsprogramm.
Gerade wenn alles als „halb so wild“ erzählt wird, wenn alles sowieso – in der Erzählung – besser ist als bei den anderen, verlieren auch Reformen an Dringlichkeit. Dann erscheinen Standortschwäche, Bürokratie oder Bildungslücken plötzlich wie Luxusprobleme. Dann trainiert eine Gesellschaft unter freundlicher Zuhilfenahme einer Politik, die Probleme eher ungern benennt, keine Resilienz, sondern Verdrängung. Resilienz entsteht nicht dadurch, dass man Krisen wegredet. Sie entsteht dadurch, dass man lernt, standzuhalten, ohne die Realität zu leugnen. Gute Nachrichten sind Trost. Weiter bringt uns erst der ungeschönte Blick.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 17/2026 erschienen.







