Deutschlands Botschafter in Wien, Vito Cecere, spricht über Selbstbilder, Missverständnisse und die Frage, wie viel Klartext Diplomatie aushält.
Herr Botschafter, wenn Sie heute in Berlin in drei Sätzen berichten müssten, was ist Österreichs größte Stärke für Europa – was wären diese Sätze?
Ich würde berichten, dass die österreichische Bundesregierung ein verlässlicher Partner in Europa ist, von dessen Einschätzungen wir im Dialog beider Staaten immer wieder profitieren.
Und der blinde Fleck?
Von blinden Flecken würde ich nicht sprechen. Es gibt aber Debatten, die etwas intensiver stattfinden könnten. Dazu gehört zum Beispiel die Frage, wie sich Österreich in einer veränderten globalen Sicherheitslage aufstellt.
Was ist man als Botschafter? Übersetzer, Seismograf, Lobbyist?
Man ist formal der Repräsentant seines Landes im Gaststaat. Das heißt, ich vertrete Deutschland in seiner ganzen Breite, Vielfalt und in seinen Interessen. Die zweite Aufgabe besteht darin, die deutsche Bundesregierung und das Auswärtige Amt über Österreich zu informieren und ein möglichst facettenreiches Bild nach Berlin zu übermitteln. Der dritte Aufgabenbereich ist die Behördenleitung. Wir haben hier in Wien die zweitgrößte Passstelle außerhalb Deutschlands in der Welt – nach Bern.
Was ist ein Missverständnis über Diplomatie, mit dem sie gerne aufräumen würden?
Das größte Missverständnis ist, dass der Botschafter immer Krawatte trägt – auch im übertragenen Sinne. Diplomatie ist heute mehr als ein Government-to-Government-Geschäft. Es geht zunehmend auch darum, eine Public Diplomacy zu entwickeln und zu prägen. Das heißt, die Kommunikation in die Gesellschaft des Gastlands hinein. Es geht also viel um den Austausch mit der Zivilgesellschaft, mit Wirtschaftsvertretern, mit Kultureinrichtungen, um das gegenseitige Verständnis zu fördern.
380.000 ...
... Deutsche (Haupt- und Nebenwohnsitz) leben in Österreich. 2015 waren es rund 150.000.
Kommunikation auch in dem Sinne, um zu zeigen, dass wir Deutschen eh ganz nett sind?
Wir sind nett, das kann ich bestätigen. Wir sind auch nicht so humorlos, wie uns immer unterstellt wird. Rund 380.000 Deutsche leben in Österreich. Deutsche Staatsbürger sind die größte Migrantengruppe im Land. Der Austausch auf der menschlichen Ebene funktioniert. Und das übersteht dann auch das ein oder andere Klischee, das es immer noch geben mag. Ich glaube, da sind wir alle mittlerweile etwas entspannter.
War Wien Ihre Wunschstadt?
Ja, das war ein Wunschposten. Ich bin sehr froh, dass das vor zweieinhalb Jahren geklappt hat. Ich fühle mich sowohl dienstlich als auch privat hier sehr wohl.
Wer klopft Ihnen im übertragenen Sinne auf die Finger? Berlin, das Protokoll, das Gastgeberland?
Im besten Fall tut das natürlich niemand. Aber es liegt in der Natur der Sache, dass die deutsche Botschaft die Schwerpunkte ihrer Arbeit von den Prioritäten des Außenministeriums in Berlin und der Agenda der Bundesregierung ableitet. Wir sind sehr froh darüber, dass wir eine österreichische Bundesregierung erleben dürfen, mit der es bei vielen Themen, auch bei Fragen der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit, eine große Übereinstimmung gibt. Das hätte auch anders sein können, wie wir alle wissen.
Gibt es ein Deutschlandbild, wo sie gerne mehr hinwirken würden?
Es ist wichtig, deutlich zu machen, dass Deutschland mit seinen 84 Millionen Einwohnern eine sehr vielfältige Gesellschaft ist. Und das bringt unserem Land große Vorteile. Vielfalt ist etwas Positives. Wir kennen die Diskussion, auch darüber, wie herausfordernd Zuwanderung und Integration oft sein können. Aber wir müssen ein realistisches Bild des eigenen Landes zeichnen. Und dazu gehört bei allen Herausforderungen eben auch, dass Deutschland und viele andere europäische Staaten wirtschaftlich sehr von Zuwanderung profitiert haben.
Belehren verbietet sich aus meiner Sicht, gerade auch im deutsch-österreichischen Verhältnis

Der Botschafter wurde einbestellt, heißt es. Wie muss man sich so was vorstellen?
Das ist ein formaler Akt. Der Botschafter bekommt eine Einbestellung und hat eine gewisse Zeit, innerhalb derer er im Außenministerium zu erscheinen hat. Und dann wird einem die Position des Ministeriums, der Regierung des Gastlands erläutert. Ich bin der Geschäftsträger, der die Beschwerde des Gastlands offiziell annimmt und weiterleitet.
Wie weit dürfte ein Botschafter gehen, wenn er Dinge ansprechen will, die vielleicht das Gastgeberland nicht so gerne hören möchte?
Meine Prämisse ist, dem Gastland Respekt entgegenzubringen und nicht schulmeisterlich aufzutreten. Es ist wichtig, sich auf ein Land einzulassen, Interesse zu entwickeln und mit offenen Augen und Ohren durch das Land zu gehen. Belehren verbietet sich aus meiner Sicht, gerade auch im deutsch-österreichischen Verhältnis. Aber das heißt nicht, dass ich nicht auch als Botschafter eine Position vertreten kann. Dass ich deutlich mache, wofür Deutschland steht.
Ein Beispiel?
Das Mercosur-Abkommen. Wir alle wissen, dass Deutschland mit großer Überzeugung hinter diesem Freihandelsabkommen steht. So eine Positionierung schafft Klarheit und Verbindlichkeit. Österreich war in dieser Frage weniger klar.
Das Mercosur-Abkommen wurde seit 25 Jahren verhandelt und nochmals wegen Bedenken an den EuGH verwiesen …
Das Abkommen wird zu einem Anstieg der Exporte aus Europa in die südamerikanischen Staaten von knapp 40 Prozent führen. Es erweitert den für unsere Industrie so wichtigen Zugang zu Rohstoffen, und es stärkt die Beziehungen in eine geopolitisch wichtige Region. Es ist richtig, dass die EU-Kommission das Interimsabkommen, das in alleiniger EU-Zuständigkeit liegt, nun vorläufig zur Anwendung bringt. Deutschland begrüßt das ausdrücklich. Die letzten Wochen und Monate haben uns allen sehr klar vor Augen geführt, dass wir unsere Handelsbeziehungen ausbauen und diversifizieren müssen.
Jedes Land sollte aus wohlverstandenem Eigeninteresse daran gelegen sein, darüber nachzudenken, wie es sich in puncto Sicherheit aufstellt
Welche politische oder gesellschaftliche Debatte wird in Österreich völlig anders geführt als in Deutschland?
Schwer zu sagen. Ich glaube, dass vor dem Hintergrund der außenpolitischen Rahmenbedingungen, innerhalb derer sich Österreich bewegt – Stichwort Neutralität – hierzulande bestimmte Diskussionen notwendigerweise anders verlaufen müssen. Österreich ist politisch ein starker Unterstützer der Ukraine, was wir aus deutscher Perspektive sehr begrüßen. Gleichwohl hat das Ganze dort seine Grenzen, wo Fragen der Neutralität berührt sind. Dort bemerkt man Unterschiede in der Diskussion. Ich nehme aber wahr, dass die Neutralitätsdebatte in den letzten anderthalb bis zwei Jahren etwas lauter geworden ist. Nicht über die Grundsatzfrage Neutralität ja oder nein, sondern über die Frage, wie man auch als neutraler Staat seine Sicherheit gewährleisten kann.
Wie blicken Sie auf die Neutralitätsdebatte? Die harte Zuschreibung ist ja, Österreich ist Trittbrettfahrer.
Meine Wortwahl wäre das nicht. Wir respektieren die österreichische Neutralität. Eine Diskussion darüber muss im Land selbst entstehen und hier geführt werden. Aber entscheidend ist, dass in der veränderten sicherheitspolitischen Lage in Europa jedes Land aus wohlverstandenem Eigeninteresse daran gelegen sein sollte, darüber nachzudenken, wie es sich in puncto Sicherheit aufstellt.
Eine andere Debatte ist die der Brandmauer, die wir in Deutschland sehr intensiv führen. In Österreich wurden Koalitionsgespräche mit der FPÖ geführt. Wie blicken Sie darauf?
Wir wissen um die Parteien- und Parlamentsgeschichte in Österreich. Sie weisen zu Recht darauf hin, dass die FPÖ im hiesigen politischen System eine andere Rolle spielt als etwa die AfD in Deutschland. Sie war mehrfach an der Bundesregierung beteiligt, stellt aktuell einen Landeshauptmann. Aber seit dem Ausscheiden der FPÖ aus der Regierung hat es in dieser Partei auch Veränderungen gegeben, die dazu führen, dass aus Deutschland genauer hingeguckt wird – Stichwort Radikalisierungstendenzen. Die FPÖ von heute wird in Deutschland anders eingeschätzt, als die FPÖ von vor zehn Jahren. In Deutschland ist die Sache insofern sehr klar, weil alle politischen Akteure der Mitte eine Zusammenarbeit mit der AfD ausschließen.
Österreich vergleicht sich gern mit Deutschland, aber Deutschland weniger mit Österreich. Ihre diplomatische Antwort darauf?
Es gibt Themen – beispielsweise Digitalisierung – da kann Deutschland einiges von Österreich lernen. Auch wenn der Unterschied in der Bevölkerungsanzahl schon ins Gewicht fällt. Im Bereich der erneuerbaren Energien hat Österreich eine Vorreiterrolle, gerade was die Stromerzeugung mit Wasser, Windkraft und Photovoltaik angeht.
Und umgekehrt?
Die politische Debatte ist in Österreich an der einen oder anderen Stelle schon sehr zugespitzt. Solche Debatten kennen wir sicher auch aus Deutschland, aber man lässt sich bei uns vielleicht stärker darauf ein, die Themen mit etwas mehr Ruhe zu diskutieren. Auch schwierige Fragen.
Wie erleben Sie das österreichische Pendeln zwischen sehr selbstbewusst und sehr selbst zweifelnd?
Dazu besteht kein Anlass. Das Land und die Menschen haben allen Grund zu Selbstbewusstsein und Zuversicht.
Ralf Rangnick*, unser berühmtester Deutscher in Österreich, wird mit sehr viel Wohlwollen aufgenommen. Was macht er anders in Ihren Augen?
(lacht) Ich hoffe, er ist nicht der Einzige, der mit Wohlwollen aufgenommen wird. Ralf Rangnick nimmt seine Aufgabe sehr professionell wahr. Das wird sehr geschätzt. Ebenso seine Klarheit und seine Überzeugungen – fußballerisch und auch jenseits des Platzes. Er ist dafür bekannt, dass er auch zu gesellschaftlichen Themen Haltung zeigt. Das wird offensichtlich nicht negativ aufgenommen.
Ralf Rangnick
Seit Mai 2022 ist der Deutsche Trainer der österreichischen Nationalmannschaft.
Mit welchen Vorstellungen sind Sie gekommen? Mein schwerster Denkfehler war: gleiche Sprache, es kann mir nichts passieren.
Das ist immer ein Denkfehler, denn nichts trennt uns mehr als die Sprache, wie auch Bundespräsident Van der Bellen gelegentlich zitiert wird. Ich habe ähnliche Vorstellungen gehabt wie viele Deutsche über Österreich: das Land der Berge, die Alpenrepublik, die für viele Deutsche Urlaubsziel und Sehnsuchtsort ist.
Welches Bild mussten Sie korrigieren?
Am ehesten vielleicht den Blick auf den Wirtschaftsstandort. Österreich ist nicht nur ein Tourismusland, sondern auch ein Industrieland, ein Hightech-Land, ein Innovationsland.
Wie erleben Sie Österreich in der EU – als Motor, als Mitläufer, als Mittler?
Ich würde Österreich eher als einen verlässlichen Partner sehen, der immer wieder auch Diskussionen voranbringt. Wenn man beispielsweise die Frage der EU-Erweiterung um die Staaten des westlichen Balkans betrachtet, da ist Österreich sicherlich einer der Treiber und Fürsprecher dieser Länder. Im Bereich der Unterstützung für die Ukraine sehen wir Österreich an der Seite der überwiegenden Mehrheit der EU-Staaten. Zumal diese österreichische Bundesregierung sich von Beginn an sehr pro-europäisch positioniert hat. Österreich ist ein aktiver Stabilitätsfaktor und sicherlich nicht nur ein Mitläufer.
Ich bin davon überzeugt, dass jeder Krieg letztlich nur diplomatisch beendet werden kann
Es gibt Stimmen, die sagen, Diplomatie statt Konfrontation hätte den Krieg in der Ukraine verhindert. Gehen Sie mit?
Bei einer solchen Abwägung gibt es selten die eine richtige Antwort. Im Nachhinein kann man sich immer darüber Gedanken machen, ob es zu wenig oder zu viel Diplomatie war, ob man zu naiv war oder ob man versucht hat, zu viel zu tun. Aber Diplomatie bleibt gerade in diesen Zeiten wichtig, um im Gespräch zu bleiben, um Lösungen zu finden, die jenseits bewaffneter Auseinandersetzungen und Kriege stattfinden. Ich bin davon überzeugt, dass jeder Krieg letztlich nur diplomatisch beendet werden kann.
Bei der Neueröffnung der Deutschen Botschaft* 2025 hat Van der Bellen gesagt, man müsse das Staatsbürgerschaftsrecht endlich mal diskutieren. Sehen Sie auch Reformbedarf?
Das ist natürlich eine österreichische Diskussion. Deutschland hat die doppelte Staatsbürgerschaft. Das ist für viele Menschen ein Erfolgsmodell, weil es die Identifikation mit dem Land fördert und die Teilhabe an demokratischen Rechten ermöglicht. Ich habe mit großem Interesse gehört, dass Bundespräsident Van der Bellen das Staatsbürgerschaftsrecht angesprochen hat. Offensichtlich bewegt ihn das. Aber es steht mir nicht zu, der österreichischen Politik in dieser Frage irgendwelche Ratschläge zu geben.
Deutsche Botschaft
Auf dem Grundstück zwischen Metternichgasse und Reisnerstraße stand ab 1879 das Palais der kaiserlich Deutschen Botschaft. Nach Kriegszerstörung und Abriss entstand bis 1964 die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland nach Plänen von Rolf Gutbrod. Das Gebäude wurde ab 2014 nicht mehr genutzt und 2019 abgerissen. Der 45,5 Millionen Euro teure Neubau von Schulz und Schulz Architekten wurde im Herbst 2025 eröffnet und bündelt Botschafterresidenz, Botschaft und OSZE-Vertretung an einem Standort.
Österreich argumentiert, die Staatsbürgerschaft ist ein hohes Gut. In Deutschland nicht?
Doch, es ist ein hohes Gut. Gerade deshalb wurde die doppelte Staatsbürgerschaft in den letzten 25 Jahren auch intensiv diskutiert. Und ich bin überzeugt, dass die erfolgten Reformen das Land vorangebracht haben.
Sagen Sie eigentlich Tüte oder Sackerl?
Am Anfang habe ich im Supermarkt mehrfach nach einer Tüte gefragt und wurde ungläubig angeschaut. In Deutschland sage ich Tüte. Aber da versteht mich auch jeder.
Steckbrief
Vito Cecere
Vito Cecere ist seit August 2023 deutscher Botschafter in Österreich. Der 1967 in Bremen geborene Diplomat war im Auswärtigen Amt u. a. für Außenwissenschaftspolitik und Informationstechnik zuständig und leitete mehrere zentrale Referate. Zuvor arbeitete er für die SPD, im Bundeskanzleramt, im Arbeitsministerium und in der Privatwirtschaft, unter anderem bei Vodafone. Cecere studierte Geschichte und Politikwissenschaft in Hannover, absolvierte ein Auslandsstudium in Bologna und spricht Deutsch, Englisch und Italienisch. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 15/2026 erschienen.







