ABO

Latein unter Druck – Bildungspolitik am Ende

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
4 min
Artikelbild

Heinz Sichrovsky

©Matt Observe

Latein als entbehrliches Relikt? Heinz Sichrovsky kritisiert die geplante Abschaffung des Latinums als Studienvoraussetzung und sieht darin ein Symptom für den Niedergang humanistischer Bildung. Auch die Kürzungen an den Universitäten und die Bildungspolitik von Regierung und SPÖ nimmt er ins Visier.

News auf Google bevorzugen

Die Bildungsfeinde geben nicht auf, im Gegenteil. Christoph Wiederkehr in die Parade zu fahren, war dabei noch einfach. Als sich der Amateur mit der Verwüstung des Lateinunterrichts ein paar Populismuspunkte krallen wollte, hat ihm die sachkundige Elite mit einer Kampagne sondergleichen die Pläne pulverisiert.

Aber jetzt verlangt die Universitätenkonferenz selber die Guillotinierung des Latinums: Weder Juristen noch Mediziner, nicht einmal mehr Literatur- und Musikwissenschafter sollen für den Studienabschluss Lateinkenntnisse vorweisen müssen. Klassische Philologen ausgenommen, muss sich dann auch kein Lehramtsstudent mehr mit dem resthumanistischen Glumpert beladen (auch wenn er Geschichte zu unterrichten beabsichtig?).

Auf die Spitze getrieben

Die Begründung gibt das ganze Elend der Debatte wieder: Die meisten Studenten würden das Latinum erst kurz vor dem Bachelor-Abschluss absolvieren. Es sei daher für die Bewältigung des Studiums offenbar nicht erforderlich.

Der neoliberale Ausbildungsbegriff wird da auf die Spitze getrieben: Statt sich wie früher durch Ausprobieren und Verwerfen an den idealen Lebensentwurf heranzutasten, wird ein junger Mensch heute nach Punkten durch ein verschultes Studium gehetzt. Was seine Einspeisung in den Wirtschaftskreislauf verzögert, ist wegzumachen.

Der mündige, skeptische – kurz: gebildete statt ausgebildete – Mensch stört dabei am meisten. Der humanistisch gebildete Jurist oder Mediziner ist durch den akademischen Analphabeten zu ersetzen. Gefährliche Zeiten brauen sich da zusammen.

… und das Elend der Bildungspolitik

Dass die Universitätsrektoren das Schrecknis selbst einstimmig verabschiedet hätten, will ich nicht glauben. Das Institut für Römisches Recht am Wiener Juridicum verkörpert Weltklasse, der Rektor der Medizinischen Fakultät hat die Nobelpreisträger-Petition gegen Wiederkehr unterschrieben. Wer sich jetzt in der Sache exponiert und den eigenen Kollegen von der Klassischen Philologie derart beschämend in den Rücken fällt, wäre nachzuprüfen.

Soeben wurde der Klassischen Philologin Anne Carson der Literaturnobelpreis zuerkannt. Bei uns begeben sich zur nämlichen Zeit akademische Bildungsfeinde in Kumpanei mit der katastrophalen Bildungspolitik. Wiederkehr geht gerade auch auf die Geographie los, sie soll durch ein Berufsorientierungsfach ersetzt werden (Weltläufigkeit ist zu unterbinden, lesen Sie mehr in meinen Spitzentönen).

Und in der Gestalt Eva-Maria Holzleitners inkarniert sich das Bildungselend: Soeben gehen wieder Tausende gegen die Budgetkürzungen für die Universitäten auf die Straße. Aber die Ressortinhaberin hat schon im Mai zu verstehen gegeben, dass die Wissenschaft gegenüber den von ihr gleichfalls vertretenen Frauenagenden Posteriorität einnimmt. Jetzt ist sie auch noch als Betreuerin für den teilentmündigten Babler okkupiert. Wie deutlich will man der Wissenschaft noch die Verachtung zu verstehen geben? Und wie vieler Jungwähler will sich die SPÖ noch entledigen (vorausgesetzt, sie hätte noch welche)?

Monatsabo ab € 21,75
Ähnliche Artikel
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER