Zu den kirchlichen Feiertagen schwenkt der hypersäkulare Medienbetrieb gern auf Heiligengeschichten und Festtagslegenden um. Nach den Ferien ist es damit schnell wieder vorbei. Dabei ist die Frage, ob es für ein tragfähiges Wertegerüst Religionen braucht, oder ob es auch ohne sie geht, immer noch sehr aktuell.
Es gehört zu den eigenartigen Bräuchen der spätmodernen Medienkultur, dass ihre Gestalter, die ungefähr zu 99 Prozent Agnostiker, Atheisten oder Indifferente sind, sich zu Weihnachten und zu Ostern an die religiösen Fundierungen unserer Gesellschaft erinnern. Ihre Konsumenten werden dann mit Geschichten über Herkunft, Bedeutung und theologische Fundierung des jeweiligen Feiertags behelligt. Da wird dann erklärt, was die Christen zu Ostern feiern, so als ob es sich um eine gerade entdeckte Kultur im unerforschten Teil des Amazonas-Deltas handeln würde. Oder es wird diskutiert, welche Rolle die Religion im Hinblick auf das ewige und doch so aktuelle Thema Krieg und Frieden spielt.
Und man versucht so zu tun, als hielte man religiöse Prägungen für so wichtig im Leben der Zeitgenossen, dass eine nähere Beschäftigung mit ihr auch soziologischen oder politischen Erkenntnisgewinn bergen könnte. Wenn die Ferien vorbei sind, vergisst man das schnell wieder und bleibt dabei, dass jeder, der einen Teil der Integrationsschwierigkeiten von Zuwanderern aus muslimisch geprägten Ländern mit deren Religion in Zusammenhang bringt, ein islamophober Rassist sei. Das muss einen nicht besonders wundern, denn die Beschäftigungstiefe der Feiertagsreligionssoziologen orientiert sich eher am Neusiedler See als am Marianengraben.
Aktiv werden sie außerhalb der kalendarischen Logik eigentlich nur dann, wenn es in der katholischen Kirche Konflikte zwischen sogenannten Konservativen und sogenannten Liberalen gibt, zum Beispiel vor einer Papstwahl. Da verbreitet man mit Blick auf die konservativen Repräsentanten, die skandalöserweise wirklich glauben, was sie im Glaubensbekenntnis aussprechen, regelmäßig große Sorge – um eine Kirche, die man eigentlich für ungefähr das Unnötigste hält, das uns aus der Antike erhalten geblieben ist. Die größten Sorgen um die Kirche haben sich medial immer schon diejenigen gemacht, die ihr gar nicht angehören, egal, ob nur mental nicht oder auch rechtlich.
Tragfähige Wertegerüste
Dabei wäre es möglicherweise erhellend, sich mit der Frage zu beschäftigen, wie eigentlich junge Menschen zwischen Hypersäkularisierung und religiös-fundamentalistischem Backlash tragfähige Wertegerüste entwickeln. Der vor Kurzem verstorbene Jürgen Habermas hat sich in seinen späten Jahren wiederholte Male an den schwierigen ethisch-moralischen Fragestellungen abgearbeitet, die durch die Fortschritte der Medizin am Beginn und am Ende des Lebens entstanden sind, von der verbrauchenden Embryonenforschung bis zum assistierten Suizid.
Habermas hat immer versucht, ethische Fragen unter den Prämissen eines „postmetaphysischen Denkens“ zu beantworten, und seine Antworten waren nicht immer sehr überzeugend. Vielleicht hat ihn das im Alter ein wenig mit der Religion versöhnt.
Das Gute braucht das Absolute
Die Überzeugung, dass es ohne metaphysische, sprich religiöse Überzeugungen keine tragfähige Ethik geben kann, ist nach wie vor weit verbreitet. Von denen, die nicht alles, was sie wissen, dem Mobiltelefon verdanken, wird dafür eine These als Beleg angeführt, die Fjodor Michailowitsch Dostojewski in seinem Roman „Die Brüder Karamasow“ dem Iwan Fjodorowitsch Karamasow sinngemäß in den Mund legt: Wenn Gott nicht existiert, ist alles erlaubt. Will heißen: Ohne religiöses Fundament, ohne einen metaphysischen Fluchtpunkt lässt sich keine gesellschaftlich wirksame Ethik etablieren. Das Gute braucht das Absolute, alles andere würde einen Absturz in den Nihilismus bedeuten.
Blickt man heute auf die recht chaotisch gewordene Welt, könnte man meinen, dass der Stand der ethisch-moralisch-politischen Debatten beweist, dass Gott nicht existiert: Es scheint tatsächlich alles erlaubt zu sein – das nihilistische Paradigma hat sich durchgesetzt, und in unseren spätmodern-westlichen Gesellschaften scheint das auch niemanden ernsthaft zu stören.
Wenn Gott nicht existiert, gibt es immer noch den Fußball
Meine persönliche Überzeugung, dass ein tragfähiges Wertegerüst viele Säulen haben kann, auch und vor allem nichtreligiöse, postmetaphysische, säkulare, wie immer man es nennen will, hat am Osterwochenende eine für mich überraschende Bestätigung gefunden: nämlich im Gespräch mit einem jungen Mann, der als Unternehmer erfolgreich und gleichzeitig als sogenannter „Ultra“-Fan seines Fußballvereins aktiv ist. Sein Verein war früher sehr erfolgreich, hat an internationalen Bewerben teilgenommen. Nach einem Totalabsturz und schweren Turbulenzen, die wenig mit Fußball zu tun hatten, hat sich der Verein wieder in die zweithöchste Liga zurückgekämpft, und dieser junge Mann und seine Ultra-Kollegen waren immer dabei.
Meine Frage, warum man als erfolgreicher, in einer anderen Stadt, in einem anderen Land lebender Unternehmer sein Leben so plant, dass man möglichst oft an Heim- und Auswärtsspielen seines fast 1.000 Kilometer entfernt agierenden Klubs teilnehmen kann, hat mir dieser junge Mann sehr überzeugend beantwortet: Ein echter Fan zu sein, bedeute zu verstehen und zu leben, was Gemeinschaft und Treue heißt: Nicht nur dann da zu sein, wenn es gut läuft und Geld fließt, sondern auch und vor allem dann, wenn es schlecht läuft und man nichts davon hat. Und zwar nicht nur für eine Lebensphase, in der man das cool findet, sondern immer, ein Leben lang.
Da dachte ich bei mir: Wenn Gott nicht existiert, gibt es immer noch den Fußball.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 15/2026 erschienen.







