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Machtmissbrauch im ORF: Stimmen junger Mitarbeiterinnen

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Der Rücktritt des ORF-Generaldirektors hat eine Debatte über Machtmissbrauch ausgelöst. News hat mit Praktikantinnen und jungen Mitarbeiterinnen im ORF gesprochen. Ihre Erzählungen berichten von Grenzüberschreitungen, stillen Abhängigkeiten und dem Druck, vieles hinzunehmen, um sich die Aussicht auf eine Jobchance nicht zu zerstören.

Der ORF ist mehr als ein Medienhaus. Er ist Bühne, Projektionsfläche, Institution. Und gerade deshalb lässt sich in diesen Tagen und Wochen an ihm etwas beobachten, das weit über den Küniglberg hinausweist. Es geht dabei nicht um die Empörung über einen prominenten Fall. Nicht um die Lust, den ORF an den Pranger zu stellen. Und schon gar nicht darum, ein ganzes Unternehmen unter Generalverdacht zu setzen. Viele Abteilungen funktionieren geräuschlos, professionell, wertschätzend, anständig. Sie werden gut geführt. Man schaut aufeinander. Auch das ist der ORF.

Aber eben nicht nur. Denn dort, wo Macht nicht kontrolliert, sondern ausgenützt wird, wo Abhängigkeit zur Währung wird, wo Schweigen klüger erscheint als Widerspruch, beginnt ein Systemfehler. Und genau darum geht es. Um die Strukturen dahinter. Um ein Klima, in dem Grenzüberschreitungen verharmlost, Warnsignale überhört und Betroffene mitunter alleingelassen werden. Um Mechanismen, die nicht erst dann versagen, wenn etwas öffentlich wird, sondern oft lange davor.

Macht als Methode

Der ORF ist damit kein Sonderfall. Aber er ist der sichtbarste Fall. Was sich hier zeigt, kennt man auch aus anderen Unternehmen, aus Redaktionen, Konzernen, Kanzleien, Agenturen, Büros. Im Kleinen wie im Großen. Nicht immer auf offener Bühne, nicht immer unter so grellem Scheinwerferlicht. Aber nach ähnlichem Muster: Einer hat Macht. Ihm gegenüber stehen Menschen, die ihren Job behalten, ihre Chance nützen, ihren Lebenslauf nicht ruinieren wollen. Einer überschreitet Grenzen. Andere reden es klein, weil sie es nicht erlebt haben oder bestimmte Situationen anders empfunden haben. Und wieder andere lernen sehr früh, was in solchen Systemen gilt: mitmachen, aushalten, anpassen – oder gehen.

Das Problem beginnt nicht erst bei der strafrechtlichen Relevanz. Es beginnt viel früher. Bei Sätzen, die als Scherz getarnt werden. Bei Fragen, die keine harmlosen Fragen sind. Bei Abhängigkeiten, die ausgenützt werden. Bei Sitzungen, in die man mit Angst geht. Beim Anschreien. Beim Kaltstel­len. Beim subtilen Druck. Bei der alten Erzählung, man sei eben „zu empfindlich“, andere würden das schließlich auch aushalten. So normalisiert sich Machtmissbrauch: nicht als Ausnahme, sondern als Betriebsklima.

Wenn Schutz versagt

Und immer steht daneben ein Apparat, der eigentlich schützen sollte: Betriebsrat, Personalabteilung, Compliance, Gleichstellungskommission, Whistleblower-Hotline. Alles da im ORF. Auf dem Papier jedenfalls. Umso härter fällt die Frage aus, warum Betroffene trotzdem so oft den Eindruck gewinnen, dass nicht sie geschützt werden. Warum Frauen noch immer erleben, dass sie sich rechtfertigen müssen, während über Karrieren, Netzwerke und männliche Eitelkeiten beinahe verständnisvoll gesprochen wird. Warum die Debatte so schnell kippt. Weg von den Betroffenen, hin zum „armen Mann“, dessen Ruf beschädigt werde.

Machtmissbrauch beginnt selten mit einem großen Knall. Sondern mit einer Kultur, die zu vieles duldet. Mit alten Hierarchien, patriarchalen Reflexen, Feigheit. Mit Menschen, die wegsehen. Mit jenen, die wissen, wie es im Unternehmen läuft und sich damit arrangiert haben. Es ist eine Frage der Unternehmenskultur: Wie sie von oben nach unten gelebt wird. Wo genauer hingeschaut wird. Was sie erlaubt. Wen sie schützt. Und wen nicht.

Hoffnung und Abhängigkeit

Auch die fünf Protokolle auf den folgenden Seiten erzählen davon. Die Beispiele sind echt, die Namen aus Quellenschutzgründen geändert. Es sind die Erzählungen junger Praktikantinnen, die in den ORF kommen wie so viele vor ihnen: mit Ehrgeiz, mit Träumen, mit der Hoffnung auf eine Tür, die aufgeht – in einer Medienbranche, in der längst nicht mehr viele Türen offenstehen. Ein Praktikum ist in einem solchen Haus nie bloß ein Praktikum. Es ist eine Bewährungs­probe. Ein Eintrag im Lebenslauf. Die Aussicht auf eine Karriere. Vielleicht sogar auf einen fixen Job. Wer am Anfang steht, ist bereit, viel zu geben, viel auszuhalten, manches hinzunehmen. Aber nicht alles.

IRIS*

AMIRA*

ANNA*

MARIE*

LENA*

*Alle Namen wurden von der Redaktion geändert

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 13/2026 erschienen.

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