Wir stecken in der schlimmsten Energiekrise seit 50 Jahren und vielleicht auch schon im Dritten Weltkrieg. Es sind unruhige Zeiten, die Nervosität nimmt zu, Vieles erinnert an die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Wir Österreicher sind auf all das besonders schlecht vorbereitet, wir hängen noch in den 70er Jahren fest.
Selbst wenn der Krieg im Iran, der vor bald einem Monat begann, demnächst zu Ende sein sollte, werden uns seine Auswirkungen noch viele Jahre beschäftigen. In erster Linie wegen seiner wirtschaftlichen Folgen in der Gestalt mittel- bis langfristig hoher Energiepreise. Die schon jetzt ziemlich nachhaltige Beschädigung der Energieinfrastruktur im Nahen Osten wird weltweit Produktion und Mobilität verteuern und die Inflation befeuern.
Wir befinden uns mitten in der größten Energiekrise seit einem halben Jahrhundert, und das war vielleicht noch nicht alles. Die Historiker, die davon ausgehen, dass wir uns schon im Dritten Weltkrieg befinden, sollte man nicht einfach als Alarmisten abtun. Tatsächlich hat auch der Zweite Weltkrieg, den wir 1939 bis 1945 datieren, schon früher begonnen, spätestens mit dem Überfall Japans auf die Mandschurei.
Selbst wenn man diese Ansicht, die Niall Ferguson in seinem Buch „Krieg der Welt“ vor 20 Jahren vertrat, nicht teilt, wird an seinem Kernbefund schwer zu rütteln sein: Große Kriege brechen immer an den Rändern zerfallender Reiche aus. Kombiniert man das mit der Theorie von der „Thukydides-Falle“, derzufolge etablierte Mächte sehr dazu neigen, ihren Platz gegen aufstrebende Mächte mit militärischer Gewalt zu verteidigen – das historische Vorbild sind Sparta und Athen –, können wir uns noch auf einiges gefasst machen.
Das Ende des ewigen Friedens
Krisen solchen Ausmaßes, wie wir sie jetzt schon bald ein Jahrzehnt lang Schlag auf Schlag erleben, machen etwas mit den Menschen, wie man so sagt. Von der Euphorie, die das Ende der großen Ost-West-Konfrontation mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ausgelöst hat, ist nichts geblieben, Revisionisten haben in den bedeutenden Staaten der Welt das Ruder übernommen. Gleichzeitig fand der kontinuierliche wirtschaftliche Aufwärtstrend, der ein halbes Jahrhundert gedauert hatte, sein Ende. Niemand glaubt mehr an den ewigen Frieden mit Demokratie und Marktwirtschaft, in den Köpfen der Menschen herrscht wieder der Krieg vor, die Angst, dass er kommt, und die Bereitschaft, das, was man sich erarbeitet hat oder worauf man glaubt, Anspruch zu haben, auch mit wenig zimperlichen Mitteln zu verteidigen.
Es ist eine nervöse Zeit, in der die Menschen mit neuen gesellschaftlichen Realitäten zurechtkommen müssen, von der Geschlechterfrage über Ressourcenthemen bis hin zu den revolutionären Entwicklungen in der Informationstechnologie. Die gleichen Themen haben im Übrigen Europa am Vorabend des Ersten Weltkriegs umgetrieben: Frauen begannen ihre Rechte einzufordern, Beschleunigungsmaschinen wie das Automobil begannen sich durchzusetzen, und durch die Fertigstellung des großen Atlantikkabels konnte man erstmals Nachrichten aus der Neuen Welt in Echtzeit übermitteln. Überforderungssyndrome wurden endemisch, Heilanstalten für psychisch Angegriffene schossen aus dem Boden. Neurasthenie lautete die weit verbreitete Diagnose, Nervenschwäche: das, was man heute wohl Burn-out nennen würde.
Man kann sagen, dass die Welt auf einen Krieg nie vorbereitet ist. Aber die Menschen in Europa, die seit einem halben Jahrhundert vom Schicksal verwöhnt und vom großen Bruder in Übersee behütet wurden, schauen gerade besonders verdutzt auf das, was sich da global tut. Man fällt gewissermaßen nicht nur von Wolke sieben, sondern aus allen Wolken und landet unsanft in einer Realität, von der sich inzwischen praktisch niemand mehr eine Vorstellung aus eigener Anschauung machen kann. Es lebt heute kaum noch jemand zwischen Paris und Warschau, der als erwachsener Mensch einen Krieg erlebt hat. Die Bewohner des früheren Jugoslawien und die Ukrainer sind die Ausnahme, aber sie dominieren das europäische Bewusstsein zum Thema Krieg und Frieden nicht nur nicht, ihre Erfahrungen werden ignoriert und verdrängt, so gut es nur geht.
Prinzipiell macht Not zwei Sachen: erfinderisch oder gemein
Besonders ungünstig verstrickt in die Welt von gestern sind wir Österreicher. Unsere Mentalität ist in den 70er-Jahren hängen geblieben. Wenn wir sicherheits- oder geopolitische Debatten zu führen vorgeben, hauen wir einander Zitate von Bruno Kreisky um die Ohren, und wenn es um die Frage geht, wie wir auf die neuen ökonomischen Wirklichkeiten reagieren sollen, bekommen wir Augen wie Frühstücksteller. Wenn das Öl knapp und deshalb teuer wird, überlegt der Österreicher nicht, wie er weniger davon verbrauchen kann, sondern er schreit nach der Regierung, die das Tanken billiger machen soll.
Individuelles Vorsorgedenken, Bereitschaft und Fähigkeit zur Einschränkung, Kreativität, Innovation, Risikobereitschaft: Alles das, was in einer Krise besonders wichtig wäre, auch unter schlechten Bedingungen stark und handlungsfähig macht, ist in unserer Gesellschaft bedrohlich unterrepräsentiert. Man hat es einfach nicht gebraucht, weil einem die Politik mit dem desaströsen Slogan „Koste es, was es wolle“ vermittelt hat, dass sich schon gekümmert wird um einen.
Jetzt ist dann aber bald Schluss mit lustig, und man kann bislang noch nicht absehen, was die Not mit uns machen wird. Prinzipiell macht die Not nämlich zwei Sachen: erfinderisch oder gemein.
Was meinen Sie? Schreiben Sie mir: redaktion@news.at
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 13/2026 erschienen.







