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5 Fragen zum NATO-Artikel 5

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©Imago / Henricus Lüschen

Wird ein NATO-Land angegriffen, kommt Artikel 5 des Nordatlantikvertrags ins Spiel. Was sagt er aus – und was nicht?

Die ersten Tage im neuen Jahr haben einmal mehr Risse in der westlichen Sicherheitsordnung offengelegt. US-Präsident Trump pocht weiterhin darauf, dass sich die USA Grönland einverleiben. Damit rückt auch das nordatlantische Verteidigungsbündnis verstärkt in den Fokus. Der Artikel 5 gilt als Schlüsselstelle des Nordatlantikvertrags, denn er ist die rechtliche Grundlage, auf der die Mitgliedstaaten einen sogenannten Bündnisfall, also Beistand im Angriffsfall, ausrufen können.

Manche denken vielleicht: Greift jemand ein NATO-Land an, antworten automatisch alle NATO-Länder mit einem militärischen Gegenschlag. Aber stimmt das überhaupt? Und was passiert, wenn ein NATO-Land selbst der Aggressor ist? Fragen und Antworten rund um den Artikel 5.

1. Was besagt Artikel 5?

Der Nordatlantikvertrag stellt in Artikel 5 fest, dass ein Angriff auf ein Mitgliedsland ein Angriff auf alle NATO-Staaten ist. Er beschreibt den sogenannten Bündnisfall, welcher dem Prinzip der kollektiven Verteidigung folgt: Die Mitgliedstaaten sind verpflichtet, das angegriffene Land zu unterstützen.

Wie diese Unterstützung aussieht, ist allerdings nicht klar definiert. Im Artikel heißt es, die Mitglieder vereinbaren, im Falle eines Angriffs Beistand zu leisten, indem jedes Land die Maßnahmen – „einschließlich der Anwendung von Waffengewalt“ – trifft, die es als erforderlich erachtet, „um die Sicherheit des nordatlantischen Gebiets wiederherzustellen und zu erhalten“.

2. Müssen NATO-Länder automatisch militärischen Beistand leisten?

Nein. Bevor der Artikel 5 überhaupt zur Anwendung kommt, müssen alle NATO-Staaten erst einstimmig feststellen, dass ein Angriff vorliegt. Wird der Bündnisfall ausgelöst, entscheiden die einzelnen Länder für sich, welche Maßnahmen sie konkret treffen – der Spielraum ist hier groß. Es kommt also nicht automatisch zu einer bewaffneten Auseinandersetzung mit dem Angreifer. Das Bündnis basiert vor allem auf dem Vertrauen, dass sich die Staaten im Ernstfall gegenseitig beiseitestehen – es ist ein politisches Versprechen.

3. Ist der Bündnisfall schon einmal eingetreten?

Ja, nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA. Die Vereinigten Staaten baten um Beratungen nach Artikel 4, danach löste die NATO zum ersten und bisher einzigen Mal den Bündnisfall aus. Als Voraussetzung mussten die USA beweisen, dass der Angriff von außen kam, also von der Terrororganisation al-Kaida koordiniert wurde. Die Länder beteiligten sich in unterschiedlichem Ausmaß an den Operationen, die folgten.

4. Welchen Ursprung hat die gemeinsame Verteidigung der NATO?

Die NATO ist ein Kind des Kalten Kriegs. Europäische Staaten wollten den Frieden nach dem Zweiten Weltkrieg wahren und sich vor Gefahren wie einer deutschen Aggression oder einer sowjetischen Expansion wappnen. 1948 unterzeichneten die Benelux-Länder, Frankreich und Großbritannien den Brüsseler Pakt, der als Vorreiter des Nordatlantikpakts gilt. Auch er sah die kollektive Verteidigung nach einem Angriff auf eines der Mitgliedsländer vor.

Streitigkeiten untereinander sollten auf friedlichem Wege geklärt werden. Besonders Großbritannien strebte nach einer Zusammenarbeit mit den USA, um langfristig für Sicherheit und Stabilität zu sorgen. Bei geheimen Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten und Kanada entstand die Idee eines Verteidigungspakts. Am 4. April 1949 unterzeichneten die zwölf NATO-Gründerstaaten den Vertrag.

5. Und bei Streit untereinander?

Fachleute halten das zwar für unwahrscheinlich, doch was würde passieren, wenn die USA tatsächlich in Grönland einmarschieren? Ein Angriff eines Bündnispartners auf einen anderen wäre beispiellos. Artikel 5 sieht dafür kein Szenario vor – der Fall wurde bei der Formulierung des Artikels wohl nicht mitgedacht. Dass die übrigen NATO-Länder gegen die USA kämpfen, halten Fachleute für unrealistisch. Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen formulierte es Anfang Jänner so: Marschiert Trump in Grönland ein, wäre das das Ende der NATO.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 04/2026 erschienen.

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