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Iran: Die Macht der Revolutionsgarden

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Staat im Staat: Einst Leibtgarde haben die Revolutionswächter ihre Macht maximiert.

©IMAGO / NurPhoto

Die Einheiten der paramilitärischen Revolutionswächter haben das Feuer auf Demonstrierende im Iran eröffnet. Sie könnten bei einem Sturz des Obersten Führers nach der Macht im Staat greifen.

Der US-amerikanische Flugzeugträger Lincoln steuerte in den vergangenen Tagen auf den persischen Golf zu. Er ist ein wesentliches Element der Drohkulisse, die von den USA vor dem Iran aufgebaut wird. Gibt der Oberbefehlshaber der Streitkräfte, US-Präsident Donald Trump, den Befehl zum Angriff, stehen mehrere Ziele im Visier: vom Obersten Führer Ali Chamenei bis zu den Stellungen von Irans Revolutionswächtern. Mit bis zu 200.000 Mann unter Waffen sind sie neben der regulären Armee in den vergangenen Jahrzehnten zum größten Machtfaktor in der Islamischen Republik geworden. Es waren ihre Einheiten, die maßgeblich für das Blutbad bei der Niederschlagung der Protestwelle während der vergangenen Tage verantwortlich waren.

Profit als Antrieb

Eigentlich hätten sie 1979 als Leibgarde Ayatollah Ruhollah Chomeinis Leben nach der Revolution schützen sollen. Die Angst kursierte, ein Putsch der Armee würde die neue Führung bald angreifen. Unter seinem Nachfolger Ali Chamenei, der seit 1989 an der Macht ist, wurde aus den Bodyguards aber ein regelrechter Staat im Staat mit großer militärischer und auch wirtschaftlicher Macht. Konzerne in ihrem Dunstkreis kontrollieren die Hälfte der Volkswirtschaft. Die Revolutionswächter betreiben die Drohnen- und Raketenproduktion und verantworten Irans Atomprogramm.

Längst sind es die Profite, die der marode Mullah-Staat für sie abwirft und nicht die Treue zur Führung, die sie antreiben. „Sie haben mit eiserner Faust diesen Aufstand niedergeschlagen, da sie bei einem Regimeumsturz am meisten zu verlieren haben“, betont Afshon Ostovar, der an der US-amerikanischen Navel Postgraduate School lehrt und ein Standardwerk über die Revolutionswächter verfasst hat, in einer aktuellen Analyse. Er bezeichnet sie als den „Schlüssel zur Zukunft des Irans, da sie die zentralen Positionen des Landes besetzen. Militärisch und auch in der Wirtschaft. Mit Korruption und Schmuggel haben ihre Kommandanten ein Vermögen verdient, im Ausland fette Bankkonten, im Iran prunkvolle Häuser“, so Ostovar.

Garden mit Auslandsmilizen

200.000 Mann haben sie unter Waffen: Sie spiegeln die Struktur einer regulären Armee, verfügen über Bodentruppen, eine Luftwaffe, eine Marine und auch über eine Auslandseinheit. Diese „alQuds“ Einheiten, benannt nach dem arabischen Namen Jerusalems, koordinieren 19 Milizen in der gesamten Region: von der Hamas in Gaza über die Hisbollah im Libanon, die Huthis im Jemen und ein Milizen-Heer im Irak. Zahlreiche Videos belegen, dass Söldner dieser Milizen vor allem aus dem Irak zuletzt in den Straßen Irans im Einsatz waren und die brutale Speerspitze der Angriffe auf die Protestbewegung bildeten.

Bis zu neun Milliarden Dollar pro Jahr fließen aus dem Budget der Iranischen Republik jährlich in die Kassen der Revolutionswächter. Damit kommen den Einheiten knapp 40 Prozent der Verteidigungsausgaben zugute. Ein Wert, der sich im vergangenen Jahrzehnt verdoppelt hat. Doch dies ist nur eine ihrer Einnahmequellen; und nicht einmal die ergiebigste. Ihr Spezialgebiet ist Schmuggel: von Alkohol, Drogen bis hin zu Rohöl. Es sind die Revolutionswächter, die eine Schattenflotte von Tankern betreiben, mit der der Iran die Sanktionen umgeht.

Sanktionen trafen nur das Volk

„Diese Sanktionen der USA und ihrer Verbündeten haben die Bevölkerung des Irans geschwächt, aber gleichzeitig zu nie dagewesenen Chancen für die Revolutionswächter geführt“, betont Narges Bajoghli, Professorin für Nahost-Stu­dien an der John Hopkins Universität. Somit war es die Politik des „maximalen Drucks“, die US-Präsident Donald Trump in seiner ersten Amtszeit beschlossen hat, die zum Wind unter den Segeln des korrupten Konglomerats aus militärischer und wirtschaftlicher Macht geworden ist.

Mittlerweile haben Revolutionswächter auch politisch ihre Macht einzementiert. Im Führungskader der Islamischen Republik sind die ehemaligen Generäle der Einheiten dicht gesät. Parlamentssprecher Bagher Ghalibaf, beispielsweise, ist einstiger Kommandant ihrer Luftstreitkräfte. Bei einer Kundgebung vergangenen Montag pries er seine früheren Kampfgefährten als Retter des Irans, „die mit ihrem Blut und ihrer Macht die Sicherheit im Land verteidigt haben“.

Wenn die Revolutionswächter an die Macht kommen, dann besteht die Gefahr, dass jegliche Zurückhaltung vorbei ist

Danny Citrinowicz

Figuren wie er und andere Veteranen, etwa Außenminister Abbas Araghchi oder der Boss des Verteidigungsrats des Iran, Ali Larijani, könnten im Fall eines Sturzes des Klerikerregimes unter Ali Chamenei im Namen der Revolutionswächter die Macht an sich reißen. Ein neues System einer Militärdiktatur anführen. Für einen echten Putsch fehlt den aktiven Revolutionswächtern das Personal: Beim Krieg mit Israel im Juni 2025 wurde fast die gesamte Führungsriege getötet. Am Ruder ist derzeit die zweite Riege.

„Wenn es im Iran zum Kollaps des Klerikerregimes kommen würde, ist das keinesfalls eine gute Nachricht“, analysiert Danny Citrinowicz, einstiger Leiter der Iran-Abteilung des israelischen Militär-Geheimdiensts in einem Kommentar. „Wahrscheinlich ist, dass die Revolutionswächter an die Macht kommen, dann besteht die Gefahr, dass jegliche Zurückhaltung vorbei ist, die nukleare Bewaffnung forciert wird, und ein noch klarerer Konfrontationskurs eingeschlagen wird.“

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 04/2026 erschienen.

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