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Iran: Schah-Sohn Reza Pahlewi als Retter?

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Protestbewegung: Am 8. Jänner ruft Pahlewi die Menschen auf, auf die Straße zu gehen. Das Regime reagiert mit unfassbarer Gewalt.

©APA/AFP/CARLOS JASSO

Reza Pahlewi wurde blitzartig vom belächelten Exil-Monarchen zur tragenden Figur des Aufstands im Iran. Protestwellen zuvor verpufften, weil es keine Alternative gab. Dieses Vakuum füllt nun der 65-Jährige. Ob es ihm aber gelingt, sich vom Hoffnungsträger zur stabilisierenden Führungsfigur der Ära nach dem Regime zu verwandeln, wird maßgeblich entscheiden, wie der Machtkampf um die Zukunft des Irans endet.

Er habe den Eindruck, „Reza Pahlewi ist ein ganz netter Kerl“, sagte US-Präsident Donald Trump vergangenen Mittwoch, doch schränkte ein: „Ich bin mir aber nicht sicher, ob ihn die Leute als neuen Führer des Irans akzeptieren würden.“ Zuvor hatte Trumps Nahost-Sonderberater Steve Witkoffin Gesprächen mit dem Sohn des letzten im Iran herrschenden Schah ausgelotet, wozu er fähig ist. Vor allem, ob er und sein Netzwerk tatsächlich das Zeug dazu haben, die Geschicke in dem Land nach einem Sturz des Regimes der Islamischen Republik zu übernehmen.

Sicher sind weder die Berater noch Trump. Dies dürfte eine wesentliche Rolle dabei spielen, warum der Präsident bei einem Angriff auf Irans Regime zögerte. Denn: Was kommt im Iran, wenn der Oberste Führer Ali Chamenei und sein Führungskader nach Jahrzehnten an der Macht aus seinem Amt gebombt würden? – Diese zentrale und ebenso ungeklärte Frage bremst den militärischen Tatendrang Trumps. Die Gefahr eines Bürgerkriegs steht im Raum. Die 93 Millionen Menschen in dem Land sind zu zwei Drittel Perser, die anderen ethnischen Gruppen wie Kurden und Belutschen könnten auf Eigenständigkeit drängen. Dazu gibt es zahlreiche politische Strömungen in der Opposition: Nicht alle wären mit einer Fortsetzung der Monarchie glücklich.

Ob Reza Pahlewi, der sich nach dem Tod seines Vaters 1980 im Exil zum Schah krönen ließ, auch tatsächlich der Plan B zur Herrschaft des Ayatollah ist, wird auch von vielen Fachleuten sehr skeptisch beurteilt. Noch vor Kurzem galt er als Außenseiter, die Last des harten Regimes seines Vaters auf den Schultern, innerhalb der zerstrittenen Exil-Opposition als wenig konsensfähig.

„Reza Pahlewi hat sich aber in den vergangenen Wochen zweifelsohne als Führungsfigur der Opposition etabliert“, sagt Arash Azizi, von der Universität Yale und Autor des Buchs „What Iranians Want“. Auch er zählte zu den Kritikern der Ambitionen des Monarchensohns, doch momentan seien Scharmützel innerhalb des Widerstands wenig hilfreich, meint er. „Viele Menschen im Iran sind zur Überzeugung gelangt, dass derzeit nicht der Zeitpunkt ist, um darüber zu streiten, wer den Iran künftig führen soll, sondern jetzt geht es darum, die Islamische Republik zu stürzen“, fasst die Iran-Expertin Holly Dagres die Grundstimmung zusammen. Denn unumstritten ist, dass Irans Volk allen Risiken und Gefahren zum Trotz bereit zum Aufstand gegen das Diktat der ultrakonservativen Kleriker und ihren Sicherheitsapparat ist.

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Reza Pahlewi

 © APA-Images / AFP / JOEL SAGET

Der Protest ist anders als bisher

Dass anders als bei anderen Protestwellen der vergangenen Jahrzehnte ihr Zorn zu einer ersten Bedrohung des Regimes der Islamischen Republik wurde, liegt nicht nur an der blanken Verzweiflung angesichts der katastrophalen Wirtschaftslage, der Abwertung der Währung um fast 90 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Im Unterschied zu Protesten wie jenen der Frauen ab 2023 gibt es erstmals eine Führungsfigur. Dies sorgt für eine neue Dynamik.

Denn als Reza Pahlewi das iranische Volk zum Aufstand aufforderte, wurde aus der Protestbewegung die größte Kundgebung gegen die Islamische Republik. Am 8. Jänner rief er aus seinem Exil in den USA dazu auf, ab 20 Uhr an diesem Tag auf die Straßen zu gehen sowie von den Fenstern seinen Namen zu rufen. Eine Million Menschen dürften dem Appell im gesamten Land gefolgt sein. Wie viele es wirklich waren, wird sich wohl erst im Laufe der Zeit eruieren lassen. Ab diesem Zeitpunkt wurde im Iran das Internet lahm gelegt und die Telefonleitungen gekappt.

Dieser Moment wurde auch zum Start einer schier unfassbaren Welle von Gewalt. Irans Sicherheitskräfte, allen voran die Einheiten der sogenannten Revolutionswächter, eröffneten auf die Demonstrierenden das Feuer. Bis zu 20.000 dürfte in dieser und den folgenden Nächten gestorben sein. Die Straßen in den Metropolen Teheran, Isfahan und Maschhad sowie den urbanen Zentren der Provinzen verwandelten sich in Schlachtfelder. „Es war ein völlig neues Ausmaß an Brutalität“, sagt der iranisch-deutsche Augenarzt Amir Pasata, der ein Netzwerk von Ärztinnen und Ärzten im Iran aufgebaut hat, die ihm diese Informationen zuspielten. Die britische Zeitung „The Times“ hat seine Berichte am Sonntag veröffentlicht. Es ist ein Dokument des Grauens, aus dem hervorgeht, dass mindestens 300.000 verletzt worden sind. Die meisten Opfer waren jünger als 30 Jahre alt.

Der Schah blieb in Deckung

Die Protestierenden skandierten „Tod dem Diktator“, meinten damit den Obersten Führer Ali Chamenei, der seit 1989 das Land mit absoluter Macht beherrscht und zahlreiche Protestwellen unterdrücken ließ. Doch ein beträchtlicher Teil der Menschen auf den Straßen rief: „Lange lebe der Schah“. Er feuerte sie vom sicheren Exil in Amerika an. Ein Vorgehen, für das er viel Kritik einstecken musste. Er schicke die jungen Menschen im Iran ins Feuer, während er in Deckung seiner Villa blieb, hieß es. „Ich kehre zurück in den Iran“, kündigt er nun an. „Ich bin als Einziger dafür geeignet, das Land in eine stabile Übergangsphase zu führen“, sagt er: „Das entscheide nicht ich, sondern die Menschen auf Irans Straßen, die sich den Schüssen der Sicherheitskräfte entgegengestellt und meinen Namen gerufen haben.“

Doch die Gefahr besteht, dass die Nostalgie für die Ära vor der Islamischen Revolution 1979 derzeit eine größere Rolle spielt als seine faktische Handlungsfähigkeit. Die meisten der Jugendlichen, die jetzt um jeden Preis das Regime der Islamischen Republik beenden wollen, haben die Ära der Monarchie vor 1979 nicht erlebt. Im Iran selbst verfügt Pahlewi über kein solides Netzwerk. Eine Einigung dieser Widerstandskräfte versuchte er bereits mehrmals erfolglos. Einen beherzten Versuch startete er im Juni des vergangenen Jahres. Nach dem 12-Tage-Krieg zwischen Iran und Israel, flankiert von den USA, schien erstmals ein Sturz des Regimes zum Greifen nah. Bei einer opulenten Pressekonferenz in Paris legte damals Reza Pahlewi einen Fahrplan für die ersten 100 Tage nach dem Ende des Regimes vor.

Dieser sah allerdings vor, dass sämtliche Figuren, die in der Übergangsphase etwas zu sagen haben sollten, von ihm selbst bestellt werden. Danach wollte er in einem Referendum die iranische Bevölkerung abstimmen lassen, welche Staatsform sie wollten: Eine Demokratie oder eine konstitutionelle Monarchie. Die Plattform von anderen oppositionellen Kräften scherte jedoch aus. Ein Zuviel an Macht wäre bei diesem Fahrplan für den neuen Schah vorgesehen gewesen.

Trump als umstrittener Helfer

Für ihn zählt aber derzeit eher die Meinung des US-Präsidenten, der angekündigt hat, die Demonstrierenden zu unterstützen und zuletzt auch klipp und klar erklärt hat, dass er ein Ende des Regimes des Obersten Führers Ali Chamenei fordert. „Ich und das iranische Volk zählen auf Präsident Donald Trump, uns nun dabei zu unterstützen“, betonte Reza Pahlewi am Wochenende. Es ist ein heikler Drahtseilakt, den er wagt. Über Jahrzehnte wurden die USA und auch Israel als Mächte des Satans von Irans Klerikerriege gebrandmarkt.

Der Schah-Sohn steht für eine 180-Grad-Wende. Er hat im April 2023 mit seiner Frau Yasmine Israel besucht. Sie ließen sich mit Premier Benjamin Netanjahu und dessen Frau Sara lachend fotografieren. Offen fordert Pahlewi auch jetzt einen Neubeginn der Beziehungen mit Israel. Ein Land, das erst vor einem halben Jahr Krieg führte, das auch deshalb viele Menschen im Iran als Feind wahrnehmen. Und er setzt auf die USA als Paten seiner neuen Macht im Iran.

Damit weckt er auch Erinnerungen an einen der heikelsten Momente der Geschichte des Irans. Sieben Jahre vor seiner Geburt, 1953, stellten die USA und Großbritannien mit Operationen von Sondereinheiten bereits einmal die Weichen für die Zukunft des Irans. Die Auslandsgeheimdienste beider Staaten orchestrierten damals einen Coup gegen den populären Premierminister Mohammed Mossadegh und sorgten dafür, dass Mohammed Reza Schah, der Vater Reza Pahlewis, seine Herrschaft fortsetzen konnte. Die Glaubwürdigkeit des Westens war danach unterminiert. Noch ein Jahr zuvor hatte das amerikanische Time-Magazin den iranischen Premier zum Mann des Jahres gekürt. Er galt als Vorreiter einer eigenständigen nationalistischen Politik in Nahost und stand für eine Loslösung vom Einfluss des Westens.

Ein Leben in unfassbarem Reichtum

Nach dem Coup installierte der Schah ein Imperium mit forcierter Modernisierung. Er zementiert mit Unterdrückung durch den berüchtigten Geheimdienst SAVAK seine Macht ein. 1967 ließ er sich in einer opulenten Zeremonie zum „König der Könige“ ernennen. Damals wurde Reza Pahlewi in eine Miniaturversion der vergoldeten Uniform des Vaters gesteckt und zum Kronprinzen ernannt. Der Lebensstil der Schah-Familie war Legende. Finanziert wurde er von dem Ölreichtum des Landes.

Mehr als 200 Milliarden Barrel Rohöl liegen unter der Erde des Iran. Trotz strikter Sanktionen, die in Kraft sind, um das Regime zum Einlenken im Atom-Programm zu bewegen, werden 3,2 Millionen Barrel Öl täglich gefördert und damit vier Prozent des globalen Bedarfs gedeckt. In der Schah-Ära lag der Wert beim Doppelten. Öl wurde zum Rohstofffür unvorstellbaren Luxus. Weltweit verfügte der Monarch über Zweit-Domizile, auch in der Schweiz, wo er sich die „Villa Suvretta“ in St. Moritz kaufte. Mit diesem Land verband ihn viel – nicht nur prall gefüllte Bankkonten. Hier hatte er als Jugendlicher in den 1930er-Jahren seine Ausbildung absolviert: am Genfersee, im Internat Le Rosey, eines der teuersten der Welt.

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Familiengeschichte: Der heutige Hoffnungsträger des Iran wuchs in unvorstellbarem Reichtum auf. Sein Vater und sein Großvater waren Schah von Persien. Dieses Familienbild entstand in der Sommerresidenz Noshahr am Kaspischen Meer.

 © APA-Images / akg-images / Hugues

Geld spielte auch während seiner Herrschaft keine Rolle: So lud er im Jahr 1971 Dutzende Staatsgäste zu einer 100-Million-Dollar-Party in sein Land, um 2.500 Jahre persische Reiche zu feiern. Es war das teuerste Fest der Geschichte. 165 Köche aus Frankreich schafften ein Jahr lang per Flugzeug die Utensilien für das Festmahl ins Land. Die Party wurde aber ein Wendepunkt; auch politisch. Der Unmut in der Bevölkerung gegen den Schah wuchs.

Ab 1978 begannen Proteste gegen seine Herrschaft, anfangs getragen von linken und islamistischen Oppositionsgruppen. Letztere setzten sich durch. Am 1. Februar 1979 kehrte Ayatollah Ruhollah Chamenei aus seinem Exil in Frankreich zurück in den Iran und rief die Islamische Republik aus. Nur zwei Wochen zuvor, am 16. Januar 1979, war Pahlewis Vater, Mohammed Reza Shah, offiziell „auf Urlaub nach Ägypten“ aufgebrochen: in einer von ihm selbst gesteuerten Boeing 707, gemeinsam mit seiner Frau Farah Diva. Ein Jahr später verstarb er im Exil an einer Krebserkrankung.

Ein Leben für den Pfauenthron

Sein ältester Sohn Reza Pahlewi war im Jänner 1979 nicht im Iran. Er hatte das Land ein paar Monate zuvor verlassen, um an der Reese Airforce Base in Maryland in den USA sein Training als Kampfpilot aufzunehmen. Er kehrte nicht mehr zurück, lebt seither für den Tag einer Rückkehr seiner Dynastie auf den sogenannten „Pfauenthron“ Persiens. Für ihn war der Umsturz ein radikaler Bruch mit einem Leben der unbegrenzten Möglichkeiten. Schon als Elfjähriger hat er etwa bereits den Pilotenschein erhalten.

Für einen adäquaten Lebensstil dürfte das Vermögen seines Vater aber gesorgt haben. Schätzungen zufolge, die in US-Medien nach seinem Sturz 1979 veröffentlicht worden sind, dürfte es sich damals auf bis zu 20 Milliarden Dollar belaufen haben. Das Erbe des Vaters ist für den neuen Führer der Revolution Reza Pahlewi aber auch ein Bremsklotz, obwohl er sich bemüht, in einem Vorort von Washington, D.C. ein möglichst normales Leben zu führen. 1986 heiratete er seine Frau Yasmine, eine Anwältin, mit der er drei Töchter hat.

Doch es war ein Leben, das von Tragödien überschattet blieb. Er war Zeuge, als sein Vater, einst Liebling des Westens, von seinen Verbündeten fallen gelassen wurde, schwerkrank zwischen Panama, Mexiko und Ägypten durch die Welt irrte. Die Angst davor, vom Westen verraten zu werden, steckt also tief.

Später musste er zwei seiner drei Geschwister begraben: Leila, die jüngste Schah-Tochter starb 2001 mit 31 Jahren in einem Zimmer eines Londoner Luxushotel nach einer kurzen Modell-Karriere an einer Überdosis Beruhigungsmittel. Zehn Jahre später nahm sich sein damals 44-jähriger Bruder Alireza das Leben, der an schweren Depressionen gelitten hatte. Einzig er und seine jüngere Schwester, die heute 63-jährige Farahnaz sowie die dritte Frau des letzten Schah, Farah Diva, heute 88 Jahre alt, überlebten lange genug, um dicht an jenen Moment zu gelangen, der 47 Jahre lange unerreichbar schien: die Rückkehr des Pahlewi-Clans in den Iran.

Die aktuelle Protestbewegung könnte ihn nun in die Rolle eines neuen Führers hieven, der jedoch ein Land wiederfinden wird, das dem einstigen Prinzen, der im Niavaran Palast groß wurde, völlig fremd ist. Deshalb ist eine mögliche Rückkehr die wahre Bewährungsprobe für Reza Pahlewi. Er hat sein Leben damit verbracht hat, auf diesen Moment zu warten, aber es sei bei Weitem nicht klar, ob er ihn auch nutzen kann, warnt Sanam Vakil, Direktorin des Nahost-Programms im Chatham House in London: „Er war 50 Jahre lang nicht im Iran, er hat also keine Ahnung, was ihn erwartet.“

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 04/2026 erschienen.

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