Island will einen Teil seiner strengen Regelungen zurückschrauben werden. Wissenschafterin Finnborg Salome Steinþórsdóttir erklärt, warum das sinnvoll ist.
Geht es um Gleichstellung von Männern und Frauen, verweist man gerne auf Island. Das Land führt immerhin seit mehr als 15 Jahren den Global Gender Gap Index des Weltwirtschaftsforums an. Der soll die Fortschritte der Länder in Sachen Gleichberechtigung ausweisen.
Doch in Islands Genderforschung ist dieser Stockerlplatz wenig wert: Die Definition von Gleichstellung darin basiere auf selektiven Daten und erwecke durch komplexe Berechnungen den trügerischen Eindruck wissenschaftlicher Genauigkeit, heißt es in einem Paper aus 2019 im Nordic Journal of Feminist and Gender Research. Die Top-Plätze eignen sich eher für die Vermarktung.
Der Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen ist in Island riesig
In Island ist die Pflicht zur gleichen Entlohnung für gleiche oder gleichwertige Arbeit seit 1976 gesetzlich verankert. Dennoch: „Der Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen ist in Island riesig“, sagt Finnborg Salome Steinþórsdóttir von der Fakultät für Politikwissenschaft an der Universität Island. 2023 lag der bereinigte Gender Pay Gap zwar nur bei rund vier Prozent. Gemessen am Realeinkommen von Frauen und Männern betrug die Lohnlücke allerdings knapp 22 Prozent.
Kosten-Nutzen-Rechnung
Um die Kluft zu verringern, ist seit 2018 gesetzlich vorgeschrieben, dass Unternehmen mit 25 oder mehr Beschäftigten eine Gleichstellungsbescheinigung erwerben müssen. Eine Analyse der Universität Island zeigt aber, dass diese Zertifizierung nicht so wirksam ist, wie sie sollte. Gleichzeitig entstehen dadurch viel Bürokratie und hohe Kosten, sagen Kritiker.
„Der Lohnunterschied in Island kommt daher, dass wir einen sehr segregierten Arbeitsmarkt haben“, sagt Genderforscherin Steinþórsdóttir. Es gebe typische Frauen- und Männerbranchen. „Die frauendominierten Berufe sind stark unterbewertet.“ Das aktuelle System der Zertifikate löse das Problem nicht, da es sich zu sehr auf kleine Organisationen fokussiert. Im Gegenteil: Es besteht eher die Gefahr, die Lohnnormen nach Geschlecht zu verfestigen. Denn ständig werde versucht, Gehaltsunterschiede zu rechtfertigen, gibt Steinþórsdóttir zu bedenken.
Neubewertung von Frauenberufen
Die Regierung arbeite deshalb an der Neubewertung von Jobs, die hauptsächlich von Frauen besetzt sind, sagt die Genderforscherin. In der Baubranche werde beispielsweise argumentiert, dass es harte körperliche Arbeit ist. In der Kinderbetreuung werden die physische Arbeit und die Verantwortung bei der Bezahlung weniger berücksichtigt. Die Neubewertung soll „Frauenberufen“ mehr Respekt verschaffen. „Und in der Arbeitswelt geht Respekt Hand in Hand mit Geld“, sagt Steinþórsdóttir.
Das Justizministerium hat im Jänner einen Antrag eingebracht, um das Gesetz zu ändern. Anstatt Zertifikate zu erwerben, sollen Unternehmen ab 50 Beschäftigten vereinfachte Berichte über den Gender Pay Gap bei der Gleichstellungsbehörde einreichen. Außerdem müssen Firmen eine Stellenklassifizierung nach objektiven, vorher festgelegten Kriterien und eine Lohnanalyse nach Geschlecht vorlegen – ähnlich wie das auch in der Lohntransparenzrichtlinie der EU vorgesehen ist.
Zertifikate überspringen
„Es fühlt sich seltsam an, zu sagen, dass es vernünftig ist, bei einer Gleichstellungsmaßnahme einen Schritt zurückzutreten“, sagt Steinþórsdóttir. „Aber warum sollten wir Unternehmen und Regierungen mit viel Arbeit belasten, wenn das das Problem nicht löst?“
Auch wenn Island nicht das Vorbild zu sein scheint, als das es häufig gilt – ein Blick nach dorthin lohnt sich für andere Länder allemal. Der Rat der Genderforscherin: „Überspringt die Zertifikate und kümmert euch um die Neubewertung von Frauenberufen im Vergleich zu Männerberufen.“ Aus Fehlern kann man schließlich lernen.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 13/2026 erschienen.






