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Leitartikel: Hinschauen allein hat noch nie gereicht

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Kathrin Gulnerits

©Bild: Matt Observe

Im Iran gehen Menschen auf die Straße, obwohl das Regime alles daransetzt, ihre Stimmen unsichtbar zu machen. Kommunikation wird gekappt, Bilder unterdrückt, Öffentlichkeit zur Bedrohung erklärt. Die Welt schaut hin – so gut sie kann.

Herbst 1989 in Leipzig. Hundertschaften an Polizisten mit Schlagstöcken und Schutzschilden stehen in den Straßen bereit. Die Stadt hält den Atem an. Und dann dieser Satz. Fast flehend. Verbreitet über die Lautsprecher des Stadtfunks: „Keine Gewalt. Wir bitten Sie dringend um Besonnenheit, dass der friedliche Dialog möglich wird.“ An diesem 9. Oktober – dem entscheidenden Tag der Montagsdemonstrationen in der DDR – strömen Zehntausende durch die Stadt.

Meine Heimatstadt. Ich weiß, wie sich kollektive Angst anfühlt. Die gemeinsame Angst einer Stadt. Eine Angst, die nicht lähmt, sondern trägt, weil alle wissen, was auf dem Spiel steht. „Wir sind das Volk!“, „Schließt euch an!“, „Keine Gewalt!“: Tage später gelangen heimlich gefilmte Aufnahmen dieser Demonstration in die Tagesthemen der ARD. Hinausgeschmuggelt aus einem überwachten Land. In diesem Moment kippte etwas. Weil die Welt hinsah.

Heute, Jahrzehnte später, kehrt dieses Gefühl zurück. Nicht in Leipzig, sondern im Iran. Wieder gehen Menschen seit Wochen auf die Straße. Wieder riskieren sie alles. Wieder stehen sie einem Regime gegenüber, das seine Macht mit Gewalt sichert. Der Unterschied: Damals gab es kein Internet, kein Social Media – und Bilder fanden dennoch ihren Weg in die Welt. Heute gibt es diese Sichtbarkeit. Doch sie wird systematisch verhindert. Das Regime kappt das Internet, schneidet Kommunikation ab, macht Öffentlichkeit zur Bedrohung.

Die Illusion der Aufmerksamkeit

„Die Welt blickt gebannt nach Teheran.“ Das ist einer dieser Sätze, die in diesen Tagen oft fallen. Gebannt – aber wie lange? Bis zur nächsten Krise, zum nächsten Eklat irgendwo auf der Weltbühne? „Gebannt hinschauen“ kostet nichts. Es verpflichtet zu nichts. Es ist die höfliche Formel dafür, informiert zu sein. Hinschauen allein schützt niemanden vor Gefängnis, Folter oder Tod. Die Menschen im Iran riskieren Freiheit und Leben für Grundrechte, die in Europa selbstverständlich sind, auch wenn Krakeeler von rechts das gerne anders deuten.

Wer „Solidarität“ beansprucht, muss bereit sein, einen Preis zu zahlen – wirtschaftlich, diplomatisch, politisch. Jedenfalls sollten wir den Menschen im Iran Respekt zollen. Für ihren Mut. Ihre Unerschrockenheit und das Setzen auf einen Funken Hoffnung. Wohl wissend, dass es am Ende gar nicht um sie, sondern vielleicht wieder nur um einen Deal geht.

Der Vergleich mit der DDR drängt sich auf. Jedenfalls in Teilen. Das politische System im Iran ist brutaler, religiös aufgeladen, international anders verankert. 1989 war ein Moment der Öffnung, des Umbruchs. Heute ist die Welt fragmentiert und müde. Autoritäre Systeme sind nicht auf dem Rückzug, sondern im Aufwind. Europa wirkt ­defensiv, abwägend, vorsichtig bis zur Selbstlähmung. Wir haben schon einmal „nur“ hingeschaut. Damals, 2022, nach dem Tod von Mahsa Amini. „Frau, Leben, Freiheit“ wurde zum Aufschrei gegen staatliche Unterdrückung, getragen vor allem von Frauen. Auch das war eine mutige Bewegung – und sie scheiterte.

Die Weltgeschichte ist voller Momente, in denen die Welt hinsah – und dennoch nichts geschah

Mut der Verzweiflung

Die heutige Protestwelle ist anders. Sie speist sich aus ökonomischer Not. Inflation, Währungsverfall, explodierende Lebenshaltungskosten. Was als wirtschaftlicher Protest begann, wurde rasch zu einem offenen Aufstand gegen das gesamte politische System. Auch gespeist aus der tief sitzenden Überzeugung, dass dieses Regime nichts mehr zum Besseren wenden kann. Hinzu kommt: Die iranische Führung kämpft mit multiplen Krisen gleichzeitig. Mit wirtschaftlicher Not. Mit politischer Unzufriedenheit über alle sozialen Schichten hinweg. Auf keinen dieser Missstände hat sie eine überzeugende Antwort. Das macht das System nicht automatisch sturzreif – aber es macht es verwundbarer als je zuvor. All das bedeutet nicht, dass diese Proteste zwangsläufig zu einem Regimewechsel führen. Genauso gut ist möglich, dass sie abklingen ­oder brutal niedergeschlagen werden.

Das Regime in Teheran führt einen blutigen Überlebenskampf gegen das eigene Volk. Aus Europa kommt Kritik, Erklärungen, Besorgnis. Weltgeschichte ist voller Momente, in denen die Welt hinsah – und dennoch nichts oder jedenfalls zu wenig geschah: Afghanistan. Syrien. Russland. Hongkong. Belarus. Wir erinnern uns an den österreichischen Außenminister, der im August 2021 die Radikalislamisten in Afghanistan „an ihren Taten messen“ wollte. Solche Aussagen sind nicht falsch. Aber sie sind nicht genug. Das Hinsehen muss Folgen haben. Bestenfalls – und wohlwissend, dass Realpolitik ihre eigenen Spielregeln hat.

Ob die Ereignisse im Iran einmal als Wendepunkt gelten werden, entscheidet sich nicht nur in Teheran. Es entscheidet sich auch hier. In europäischen Hauptstädten. In der Frage, ob wir Freiheit noch als universellen Anspruch begreifen – oder nur als glücklichen Zufall unserer eigenen Biografie und dem Glück in der Geburtenlotterie. Vielleicht liegt das größte Risiko nicht darin, dass wir nichts tun. Sondern darin, dass wir uns später einmal mehr einreden werden, wir hätten eh nichts tun können.

Was meinen Sie? Schreiben Sie mir: gulnerits.kathrin@news.at

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 3/2026 erschienen.

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