Die Argumentation mit dem Völkerrecht hat in der neuen Weltordnung keinen Sinn mehr. Die Frage lautet nicht, ob ein Krieg völkerrechtlich gedeckt ist – das ist nämlich eigentlich keiner –, sondern ob er ein vernünftiges Ziel hat und ob dieses Ziel erreicht wird.
Man wird dieser Tage nicht selten gefragt, ob man den Angriff der Vereinigten Staaten und Israels auf den Iran und die Ermordung des iranischen Staatsoberhaupts befürwortet oder ablehnt, und die Antwort fällt den meisten Menschen, die ich kenne, nicht leicht. Das kann ich gut nachvollziehen.
Denn obwohl das Haben einer starken Meinung bei schwacher Informationslage dank Social Media zur Selbstverständlichkeit geworden ist, haben denkende Gemüter immer noch die Befürchtung, die Welt zu schnell zu verstehen.
Trump-besessene Meinungsclowns
Andere, auch das scheint mir nachvollziehbar, möchten sich öffentlich erst äußern, wenn sie sicher sein können, dass ihre Meinung die richtige ist, will heißen, dass Hans Rauscher, Anneliese Rohrer oder Armin Wolf diese Meinung auch schon geäußert haben. Die öffentliche Sphäre ist ja, auch das hat mit der Dynamik der Sozialen Medien zu tun, vom Denkbazar zum Derivatemarkt geworden. Und so meinen die meisten von uns im Verborgenen dahin und warten darauf, dass sich das Geschehen so weit erschließt, dass es uns sinnvoll bewertbar erscheint.
In der Zwischenzeit vergnügen wir uns mehr oder weniger mit den Meinungsclowns, die von Donald Trump besessen sind und sich dabei wahlweise am Faschismus oder am Narzissmus abarbeiten. Als Österreicher haben wir es mit dem meinungsmäßigen Zeitvertreib besonders leicht, weil wir mit zwei Herkules-Maschinen, die nicht fliegen können, weltweit eine Sonderstellung einnehmen.
Fragen nach dem Warum
Unter den gängigen Einschätzungen zur Frage des Zeitpunkts, der Art und der Ziele des israelisch-amerikanischen Angriffs auf das iranische Regime erscheinen mir zwei besonders aussagekräftig. Erstens die These, dass es sich dabei, wie schon bei der Entführung des venezolanischen Machthabers Nicolas Maduro, um ein Ablenkungsmanöver von den Epstein-Files handelt.
Voraussetzung für die Validierung dieser These wäre, dass Donald Trump die gesamte US-Administration darauf verpflichten will und kann, während der restlichen drei Viertel seiner zweiten Präsidentschaft wöchentlich die Welt anzuzünden, damit niemand genauer nachfragt, was genau Trumps Rolle im pädokriminellen Netzwerk des verstorbenen Sexualstraftäters Jeffrey Epstein gewesen ist.
Hans Rauscher, einer der Doyens der hiesigen Kommentatorenszene, deutete in diese Richtung, als er schrieb, dass man das ja zur Genüge kenne: Autokraten, die zu Hause Probleme bekommen, zetteln in der Fremde Kriege an. Nicht nur, um eine kritische Öffentlichkeit von ihren Problemen abzulenken, sondern auch, um von ihrem Volk wieder geliebt zu werden. Stimmt, das ist eine alte These, aber ich habe, anders als etwa der renommierte Historiker Timothy Snyder, der den Faschismus in Amerika nicht kommen, sondern bereits herrschen sieht, nach wie vor Schwierigkeiten, Russland unter Wladimir Putin und die USA unter Donald Trump gleichzusetzen.
Öl und Geld
Zweitens erinnern mich etliche der Analysen zur Frage, was denn eigentlich der Grund und das Ziel dieses Kriegs sei, an alte Zeiten: Es gehe doch immer nur um Öl und Geld, moralische Gründe wie die Ermordung einiger Zehntausend Menschen, die für die Freiheit auf die Straßen gehen, seien ebenso vorgeschoben wie Gründe der nationalen Sicherheit.
Die vielen toten und unterdrückten Iraner seien dem geldgierigen Trump-Clan, der das komplette politische und militärische Arsenal der mächtigsten Nation der Erde zur persönlichen Bereicherung instrumentalisiere, genauso egal, wie das iranische Atomprogramm, dessen Existenz in nennenswerter oder gar bedrohlicher Weise im Übrigen eine ähnliche Erfindung sei wie die Massenvernichtungswaffen des Saddam Hussein, die den seinerzeitigen US-Angriff auf den Irak rechtfertigen sollten.
Den Hinweis auf den Irak-Krieg freilich halte ich für sehr wertvoll: Was immer nämlich die wahren Motive gewesen sein mögen – Öl, Währung, Allmachtsfantasien, Ablenkung von den Fehlern, die im Zuge von 9/11 gemacht wurden –, stellte dieser Krieg (gemeinsam mit der Intervention in Afghanistan) einige bittere Lehren zur Verfügung, deren wichtigste wohl lautet: Beginne nie einen Krieg, von dem du nicht weißt, wie du ihn beenden willst.
Ich bin immer für jene, in deren Ländern es möglich ist, auch gegen sie zu sein
Noch scheint unklar, was das eigentliche Ziel dieses Kriegs ist, und ob es sich auch erreichen lässt. Nur davon wird aber am Ende auch die moralische Bewertung des Angriffs abhängen: Wenn es gelingt, die Iraner von der Terrorherrschaft der religiösen Irren zu befreien und für eine einigermaßen friedliche Neuordnung der Region zu sorgen, wird man ihn im Nachhinein für gerechtfertigt halten, wenn er nach dem Beispiel des Irak die religiösen Irren nur noch gefährlicher macht, wird man ihn im Nachhinein verdammen.
Aber was tun wir mit unseren Meinungen bis zum Nachhinein? Zu wem soll man halten im Zeitalter der Raubtiere, in dem sich die Großen und Starken ohne Rücksicht auf das Völkerrecht, das die Kleinen und Schwachen schützen soll, nehmen, was ihnen gefällt? Ich habe für mich beschlossen, in dieser komplexen Welt einer einfachen Regel zu folgen: Ich bin immer für jene, in deren Ländern es möglich ist, auch gegen sie zu sein.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 10/2026 erschienen.







