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Die gefährliche Neuordnung im Nahen Osten

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Teheran: Die Luftanschläge der USA und Israels galten der Infrastruktur des iranischen Regimes. Hier wurde eine Polizeistation in Teheran getroffen

©APA-Images/REUTERS/Majid Asg

Der Nahe Osten ist an der Schwelle einer neuen Ära. Die Mullah-Diktatur im Iran hat jahrzehntelang Terror und Konflikte geschürt. Nun ist der Oberste Führer tot, Israel und die USA greifen das Regime mit Flächenbombardements an. Doch der Übergang in eine neue, stabile Ära in Nahost ohne Terror-Paten erweist sich als brisanter Kraftakt. Irans Regime attackiert die gesamte Region, Rohstoffpreise schnellen in die Höhe.

Sicher ist im Nahen Osten nur: Nichts ist noch sicher. – Definitiv nicht die Glitzerfassaden in den Metropolen der Petro-Dollar-Staaten in den Golfstaaten. In den 24 Stunden nach dem Start der Angriffe Israels und der USA auf den Iran wurden die Vereinigten Arabischen Emirate vom Regime im Teheran mit 165 Raketen und fast 600 Drohnen attackiert. Auch Bahrain, Katar, Kuwait sowie Saudi-Arabien gerieten ins Visier. Mit Steuerfreiheit und dem Versprechen einer sicheren Oase wurden Menschen aus aller Welt angelockt. Nun ist man in der Realität der Geografie angekommen.

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Glitzermetropolen der Golfregion wie Dubai sind nun im Visier iranischer Angriffe

 © APA/AFP/2026 Planet Labs PBC/-

Die Skyline Dubais ist nur knapp mehr als hundert Kilometer Luftlinie vom Krisenherd Iran entfernt. In Gedanken waren es Lichtjahre. Luftschutzbunker zu bauen, daran dachte niemand. Ein fataler Irrtum, wie viele Einschätzungen zum Nahen Osten, die nun kräftig erschüttert werden. „Die Ereignisse der kommenden Wochen werden unsere Region jahrzehntelang prägen“, prognostizierte Yoav Gallant, Israels Ex-Verteidigungsminister bereits einen Tag nach dem Beginn des Kriegs. Wie tief die Veränderung sein wird, wie viel Chaos die Umwälzungen mit sich bringen, wurde blitzartig klar.

Das verdeutlicht besonders die Lage am Golf. Die Ziele der iranischen Vergeltungsschläge waren nicht nur US-Stützpunkte und Botschaften in diesen Staaten, sondern Wolkenkratzer wie das Wahrzeichen Dubais, der Turm Burj Al Arab*. Es stellte sich heraus, dass just die iranischen Shaheed-Drohnen, die zu Tausenden an Russland geliefert wurden, nun brandgefährlich sind. Sie bekamen nach den Drohnenangriffen in der Ukraine laufende Upgrades. Das Knowhow floss zurück an Teheran. „Wenn die Angriffe in diesem Tempo weitergehen, dann wird mit Ende dieser Woche die Munition der Abwehrraketen in der Golfregion erschöpft sein“, warnte Fabian Hoffmann, Raketen-Experte an der Universität Oslo am Montag gegenüber US-Medien.

Auch der Libanon, der Irak, Jordanien und mit Zypern sogar ein EU- und NATO-Staat wurden angegriffen. Frankreichs Armee ließ ein Kriegsschiffin den Nahen Osten aufkreuzen. „Wir sind bereit, die Golfstaaten und auch Jordanien gegen den Iran zu verteidigen“, bekräftigte Frankreichs Außenminister Jean-Noël Barrot. Wie brisant die Lage sich entwickelte, illustrierte ein Appell des US-Außenministeriums zu Beginn der Woche. Die Bürger des Landes sollten sofort weite Teile des Nahen Ostens verlassen: 14 Staaten standen auf der Liste, Millionen Menschen waren betroffen. Und ratlos: Fast überall sind die Airports geschlossen, Gefechte in der Luft eine Gefahr für Verkehrsmaschinen.

Öl und Gas als Druckmittel

Irans Regime schlug dort zu, wo die gesamte westliche Welt verletzbar ist. Auf Anlagen zur Erzeugung von Flüssiggas in Katar und auf eine Raffinerie in Saudi-Arabien schlugen Drohnen ein, katapultierten die Börsenkurse für Öl und Gas rasant nach oben. Das Kalkül ist, dass die arabischen US-Verbündeten, die ihre Rohstoffexporte schützen wollen, Druck auf Trump ausüben werden, den Krieg rasch zu stoppen. „Mich überrascht am meisten, dass diese Staaten angegriffen wurden“, gab US-Präsident Donald Trump am Montag zu, als er auch einräumte, dass der Krieg, den er und Israels Premier Benjamin Netanjahu begannen, nicht in ein paar Tagen vorbei sein dürfte.

Dass ein Militärschlag gegen den Iran keinen schnellen Erfolg wie der Regimewechsel in Venezuela bringt, war außer ihm allen klar. Dass die Mullah-Diktatur ihr Arsenal von bis zu 3.000 Raketen zu Rundumschlägen im gesamten Nahen Osten einsetzen könnte, stand zu befürchten. „Wir werden die gesamte Region in Brand setzen.“ Damit hatte Irans Oberster Führer Ali Chamenei mehrmals gedroht. Der 87-Jährige zählte zu den ersten Toten des gemeinsamen Kriegs von Israel und den Vereinigten Staaten, der am Samstag um 9.10 Uhr Ortszeit begann. Binnen 60 Sekunden wurden 40 führende Kommandanten der iranischen Sicherheitskräfte und führende Politiker getötet. Sie waren unvorsichtig genug, sich in dem weitläufigen Bürokomplex Chameneis im Herzen Tehe­rans zu einer Besprechung zu treffen.

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Neue Schauplätze: Im Industriegebiet von Sharjah in den Vereinigten Arabischen Emiraten schlug eine Rakete in ein Lagerhaus ein

 © APA-Images/AP/Altaf Qadri

Dies war für sie die größte Überraschung: nicht, dass ein Krieg beginnen wird, sondern dass der Start am helllichten Tag erfolgte. Der Moment war präzise über Monate von Agenten der israelischen und US-Geheimdienste vorbereitet. Es waren so gut wie alle Überwachungskameras des Autoverkehrs in Teheran gehackt worden: Damit gelang es, die Bewegungsprofile führender Sicherheitskräfte anzulegen. Spione im direkten Umfeld des obersten Führers versorgten die Dienste mit Informationen zum Tagesablauf des politischen und religiösen Oberhaupts.

Unklare Kriegsziele

Umso krasser ist der Kontrast zwischen der taktischen Vorbereitung dieser Angriffe und der erratisch wirkenden politischen Strategie. Sowohl Trump wie auch Netanjahu formulierten ein Ziel. Den Sturz des iranischen Regimes. „Wir mussten schnell handeln, sonst hätten sie eine Atombombe besessen und ein Krieg wie dieser wäre nicht mehr möglich gewesen“, erklärte Israels Premier. Trump selbst bezeichnet den Angriff als einen Versuch, die Zivilisation vor dem Regime zu retten. Wie dieses Vorhaben, konkret umsetzbar ist, konnten beide allerdings nicht erklären. „Damit dieser Plan ohne Bodentruppen machbar ist, müssten Massen von Iranerinnen und Iranern auf die Straße gehen. Doch solange es Bombardements gibt, wird das niemand wagen“, räumt Raz Zimmt ein. Er zählt zu Israels bestinformierten Iran-Experten, forscht am Institut für Nationale Sicherheitsstudien.

2.000 Ziele wurden in den ersten Kriegstagen im Iran bombardiert. Darunter Raketenabschussrampen und Stellungen der sogenannten Revolutionswächter. Diese 200.000 Mann starke Schattenarmee gilt neben der regulären als Pfeiler des Regimes, verantwortlich für die Ausrüstung von Terrorgruppen in der gesamten Region: von der palästinensischen Hamas bis zur Hisbollah im Libanon, schiitischen Extremisten im Irak und den Huthi-Milizen im Jemen. Im Land selbst sind sie für die brutale Repression der Bevölkerung verantwortlich. Auch für das Blutbad unter Demonstrierenden Anfang des Jahres, das bis zu 70.000 Menschen das Leben gekostet hat.

Verzweifelte Zivilbevölkerung

Zwischen dem Hass auf das Regime, der nach wie vor brutalen Repression von jedem Widerstand und den Bomben des Kriegs verzweifelt in diesen Tagen die völlig erschöpfte Bevölkerung im Land.

„Ich bete, dass ich die Nacht überlebe“, schreibt die 61-jährige Ingenieurin Sina. „Teheran bebt im Bombenhagel. Die Druckwellen haben Türe und Fenster aus den Rahmen gerissen.“ Die ersten drei Tage Krieg dürften mehr als 1.000 Menschen das Leben gekostet haben, darunter mehr als 100 Mädchen, die bei einem Angriff auf ihre Schule starben. Immer schwieriger wird es, den Alltag zu bewältigen, einzukaufen, oder, was viele wollen, die Hauptstadt zu verlassen.

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Viele Betroffene: Im Flughafen von Beirut sind Passagiere gestrandet, nachdem der Luftraum wegen des Kriegs geschlossen werden musste

 © Anadolu via Getty Images
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Auf der Flucht: Im südlichen Libanon fliehen die Menschen vor den Luftangriffen aus Israel

 © APA/APA/AFP/MAHMOUD ZAYYAT

Für Proteste fehlt vielen jetzt die Kraft. Doch immer wieder haben die Menschen im Iran gegen das repressive System aufbegehrt, dagegen, dass Milliarden ins Atomprogramm, die Entwicklung von Raketen und Drohnen sowie die Aufrüstung von Terrorgruppen in der gesamten Region gepulvert wurden. Misswirtschaft, Korruption und internationale Sanktionen erodierten die Existenzgrundlage, obwohl der Iran über die drittgrößten Erdölreserven der Welt verfügt.

Die Inflation lag zuletzt bei knapp 50 Prozent und wurde zum Zündfunken von Massenprotesten zu Beginn des Jahres. Der Zorn kochte angesichts der Perspektivenlosigkeit über. Vor allem für Frauen und die junge Generation. Von den 93 Millionen Menschen im Land ist die Hälfte jünger als 30 Jahre. „Es ist kein Zufall, dass das um seine Existenz kämpfende Regime seine Raketen auf die Hotels, Airports und Strandpromenaden der modernen Golfstaaten gerichtet hat. Sie attackieren eine Infrastruktur, die für Offenheit steht“, beschreibt der libanesische Journalist Nadim Koteich eine weitere Dimension des Regionalkriegs, der nun tobt. „Es fühlt sich an, als würde der alte Nahe Osten gerade die neue Version der Region attackieren.“

Unsichere Zukunft

Noch ist das Regime nicht besiegt. Eine Übergangsführung hat sich etabliert, ein neuer Oberster Führer wird gekürt. Die Gefahr, dass noch radikalere Kräfte des iranischen Regimes in der Ära nach Chamenei an die Macht gelangen könnten, wächst. Außenminister Abbas Aragchi gab in einem Interview für den TV-Sender al-Jazeera zu, dass nicht alle Elemente der iranischen Sicherheitskräfte auf Befehle der neuen Staatsspitze reagieren würden. „Sie haben ihre Befehle schon vor Kriegsbeginn erhalten und reagieren auf eigene Faust.“

Wenn man den Führer eines Staates herausschießt, löst man nicht das Problem dieses Staates. Man schafft eher ein neues

Reuel Gerechtehemaliger CIA-Agent

Auch dies ist wenig überraschend. Diktatoren mit Militärschlägen von Außen aus den Angeln zu heben, hat in der Geschichte selten nonstop zur Etablierung von Stabilität und Demokratie geführt. Paradebeispiele dafür sind der Irak* nach der US-Invasion 2003 und Libyen, wo eine NATO-Militäraktion das Regime von Muammar al-Gaddafi entmachtete.

Beide Staaten sind von Bürgerkriegen zerklüftet, deren Machtkämpfe weit über ihre Grenzen hinaus die Region destabilisierten. „Wenn man den Führer eines Staates herausschießt, löst man nicht das Problem dieses Staates. Man schafft eher ein neues“, lautet die ernüchternde Bilanz des ehemaligen CIA-Agenten Reuel Gerecht.

Dieses Szenario eines vielleicht sogar offenen Machtkampfs im Iran könnte weitreichende Folgen haben. Für den Iran, den gesamten Nahen Osten und auch besonders für Israel. Wie schlagkräftig das iranische Regime trotz tagelangem Flächenbombardement blieb, illustrierten die Angriffswellen mit Raketen und Drohnen auf dieses Land. Trotz Hightech-Abwehrsystemen werden Ziele getroffen. Auch mit verheerenden Folgen. Zehn Menschen in Israel waren nach drei Tagen Krieg tot. Gefahr droht auch aus dem Libanon, von wo aus die Hisbollah-Miliz ihr Raketen-Arsenal auf das Nachbarland feuert.

Der 7. Oktober und seine Folgen

Mit Luftangriffen auf Stellungen dieser Terrormiliz, auch in der libanesischen Hauptstadt Beirut, versucht Israels Armee in einem Zwei-Fronten-Krieg, endgültig eine neue Ordnung durchzusetzen. Denn der eigentliche Beginn dieser Eskalation in Nahost liegt zweieinhalb Jahre zurück: Es war der 7. Oktober 2023. Der Tag, an dem Hunderte Hamas-Terroristen von Gaza aus Israels Zivilbevölkerung brutal überfallen haben.

Drahtzieher des Angriffs war der Militär-Chef der Hamas Yahia Sinwar; er galt als enger Verbindungsmann des Regimes in Teheran. Dieser fatale Oktobertag änderte die Strategie Israels radikal. Statt den schwelenden Konflikt mit dem Mullah-Regime im Iran und ihren Verbündeten in Schach zu halten, ging die Regierung unter Führung von Premier Benjamin Netanjahu in die Offensive und tötete die Führung der Hamas vom Polit-Chef Ismail Haniyeh bis zu Sinwar. Der Krieg gegen die Terroristen in Gaza kostete Zehntausende das Leben. Israel hat ihn aber bis heute nicht entschieden.

Auch der Angriff auf Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah im September 2024 schwächte zwar die Miliz, aber sie konnte bis jetzt ihre Machtposition im Libanon verteidigen. Mit dem Angriff auf Ali Chamenei und sein Regime versuchte Israel, flankiert von der US-Armee, nun endgültig die Erzfeinde in Teheran und ihr Netzwerk zu besiegen. „Was derzeit passiert, lässt sich am ehesten mit dem Ende der Sowjetunion vergleichen“, meint Steven Erlanger, langjähriger Auslandsreporter der New York Times, der bereits über die iranische Revolution 1979 berichtet hat. Trotz aller Risiken ist er optimistisch. „Auch wenn das Regime überlebt, wird sich der Nahe Osten langfristig tiefgreifend verändern: Ein schwacher Iran wird nicht mehr in der Lage sein, die gesamte Region zu terrorisieren.“

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 10/2026 erschienen.

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