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Inflation, Energiepreise, Exporte: Die Folgen des Iran-Kriegs für Österreich

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Demonstrant:innen bei der Friendensdemonstration unter dem Motto „Unterstützung der Revolution im Iran“ in Wien.

©IMAGO / SEPA.Media

Steigende Öl- und Gaspreise, mögliche Effekte auf die Inflation, Unsicherheiten für Exporte und Lieferketten: Der Krieg im Iran hat auch für Österreich wirtschaftliche Konsequenzen – kurzfristig und strategisch.

Die militärische Eskalation zwischen den USA und Israel auf der einen sowie dem Iran auf der anderen Seite wirkt sich unmittelbar auf die Energiemärkte aus und damit auch auf Österreich. Öl- und Gaspreise sind gestiegen, Lieferketten geraten unter Druck, zugleich beruhigt die Bundesregierung mit Verweis auf gesicherte Reserven. Ökonomen sehen sowohl Risiken als auch – im Fall eines politischen Umbruchs – wirtschaftliche Chancen.

Energiepreise treiben Inflationsrisiko

Der Brent-Ölpreis sprang zeitweise um rund zehn Prozent auf etwa 80 bis 85 Dollar je Barrel. Gas verteuerte sich um rund 20 Prozent, auch Gasöl legte deutlich zu. Laut Sebastian Koch vom IHS könnte der Anstieg der Energiepreise die Inflation in Österreich um 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte erhöhen.

Wifo-Ökonom Harald Oberhofer rechnete vor, dass ein Ölpreis von 90 bis 110 Dollar über sechs Wochen einen ähnlichen Effekt hätte. Damit könnte die Teuerung wieder klar über dem Zielwert von zwei Prozent liegen, der zuletzt im Jänner erreicht wurde.

Wie stark Haushalte betroffen sind, hängt laut Energieexperte Christoph Dolna-Gruber (Österreichische Energieagentur) von der Vertragsart ab. Neue Gasverträge oder sogenannte Floater würden Preissteigerungen rascher weitergeben. Bei bestehenden Verträgen sei die Dauer der Krise entscheidend. Im Bereich weniger Cent pro Kilowattstunde bewege man sich derzeit, deutlich unter den Verwerfungen des Jahres 2022. An den Zapfsäulen sind die Auswirkungen unmittelbarer: Die Spritpreise liegen laut Dolna-Gruber bereits rund zehn Prozent über dem Vorkriegsniveau.

Straße von Hormuz als neuralgischer Punkt

Im Zentrum der Marktturbulenzen steht die Straße von Hormuz. Durch die Meerenge wird rund ein Fünftel der weltweiten Öltransporte abgewickelt. Schifffahrtsdaten zufolge lagen zuletzt etwa 150 Tanker vor Anker, nachdem die Route faktisch blockiert war.

Walter Boltz, früherer E-Control-Vorstand, verwies auf Analysen, wonach bei einer längerfristigen Blockade die Gaspreise im Großhandel von 40 auf 90 Euro pro Megawattstunde steigen könnten. Sollten zusätzlich Förderanlagen angegriffen werden, hält Ölmarktanalyst Johannes Benigni einen Rohölpreis von bis zu 150 Dollar für möglich.

Gleichzeitig gibt es politische Gegenkräfte: Vor den US-Midterm-Wahlen könnte die Regierung in Washington laut IHS-Ökonom Koch bemüht sein, Treibstoffpreise niedrig zu halten – etwa über höhere Fördermengen oder strategische Reserven.

Versorgung laut Regierung gesichert

Die Bundesregierung sieht aktuell keinen Anlass zur Sorge. Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer betonte, weder der Iran noch die Straße von Hormuz seien für die unmittelbare Versorgungssicherheit Österreichs entscheidend. Man sei heute deutlich breiter diversifiziert als noch 2022.

Österreich verfüge über Gasreserven von 20 Terawattstunden – ausreichend für etwa zwei kalte Wintermonate – sowie über Öl-Notstandsreserven von 2,65 Millionen Tonnen Erdöleinheiten, was rund einem Viertel des Jahresbedarfs entspricht. Eine neu eingerichtete „Taskforce Versorgungssicherheit“ analysiert täglich 18 Indikatoren. Preiseingriffe sind derzeit nicht vorgesehen.

Auch die OMV teilte mit, die Versorgung sei gesichert. Für den Fall länger andauernder Einschränkungen würden alternative Bezugsquellen vorbereitet.

Lieferketten und Exporte unter Druck

Neben den Energiepreisen geraten internationale Transportwege unter Druck. Der Logistikkonzern Gebrüder Weiss rechnet mit längeren Laufzeiten, Kapazitätsengpässen und Zusatzkosten in der Luft- und Seefracht. Umleitungen über das Kap der Guten Hoffnung sowie gesperrte Lufträume führen zu Verzögerungen. Unternehmen müssen mit Risiko- und Energiekostenzuschlägen rechnen.

Die Wirtschaftskammer spricht von „erheblichen Unsicherheiten“ für Unternehmen mit Geschäftsbeziehungen in der Region sowie für energieintensive Branchen im Inland. Der iranische Markt war für österreichische Firmen zuletzt allerdings von geringer Bedeutung: Die Exporte sanken von 276 Millionen Euro im Jahr 2016 auf 118 Millionen Euro im Jahr 2024. Die Importe gingen im selben Zeitraum von 100 auf knapp 10 Millionen Euro zurück.

Insgesamt exportierte Österreich 2024 Waren im Wert von 2,8 Milliarden Euro in den Nahen Osten, ein Plus von 7,5 Prozent binnen zehn Jahren. Besonders die Vereinigten Arabischen Emirate (816,1 Mio. Euro) und Saudi-Arabien (798,4 Mio. Euro) gewannen an Bedeutung.

Asylzahlen bislang stabil

Eine größere Flüchtlingsbewegung nach Österreich ist nach bisherigen Erfahrungen nicht zu erwarten. 2024 wurden 467 Asylanträge von iranischen Staatsangehörigen gestellt, 2023 und 2022 waren es jeweils etwas über 700. Im Vergleich zu Syrern und Afghanen bleibt die Zahl überschaubar. Auch nach früheren Eskalationen in der Region blieben die Antragszahlen weitgehend stabil.

Rückholaktionen und Krisenmanagement

Das Außenministerium arbeitet an der Rückführung österreichischer Staatsbürger. Rund 18.000 Personen sind in der Krisenregion registriert, etwa 2.500 davon als Reisende. Ein Charterflug aus Maskat mit rund 180 Personen soll in Wien landen, weitere Optionen werden geprüft. Der Krisenstab tagt derzeit zweimal täglich und koordiniert sich mit EU-Partnern.

Wirtschaftliche Chancen im „Best-of“-Szenario

Langfristig könnte ein politischer Umbruch im Iran wirtschaftliche Chancen eröffnen. Laut einer Studie des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) rund um Mahdi Ghodsi und Wifo-Direktor Gabriel Felbermayer könnte allein die Aufhebung der EU-Sanktionen das iranische BIP um mehr als 80 Prozent steigern. Für die EU ergäbe sich ein Wachstumseffekt von 0,3 Prozent, für Österreich von 0,5 Prozent.

Österreich sei traditionell stark im Anlagen- und Maschinenbau, in der Bauwirtschaft, bei Verkehrsinfrastruktur, Wasseraufbereitung und Umwelttechnik – Bereiche mit Aufholbedarf im Iran, so Ghodsi. Auch im Export von Medikamenten und Medizintechnik zählte Österreich bislang zu den wichtigen Lieferanten.

Sollte sich die iranische Arbeitsproduktivität an Länder wie die Türkei oder Südkorea annähern, könnte das BIP des Landes laut Studie um 240 bis 390 Prozent steigen. Für die EU entspräche das einem potenziellen Wohlstandsgewinn von bis zu 0,7 Prozent. Wifo-Ökonom Josef Baumgartner spricht allerdings von einem „Best-of“-Szenario.

Zwischen Preisdruck und Strukturfragen

Kurzfristig überwiegen für Österreich die Risiken höherer Energiepreise und wachsender Unsicherheit. Mittel- bis langfristig hängen die Effekte von der Dauer des Konflikts und möglichen politischen Veränderungen im Iran ab. Energieexperte Dolna-Gruber verweist in diesem Zusammenhang auf strukturelle Fragen: Mehr Diversifizierung, Ausbau erneuerbarer Energien und geringere Importabhängigkeit könnten künftige Krisen abfedern.

Ob der Iran-Krieg zu einem temporären Preisschock oder zu einer länger anhaltenden Belastung für Inflation, Industrie und Außenhandel wird, entscheidet sich in den kommenden Wochen.

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